Regierungsrats-Kandidat Tobias Vögeli (GLP) im Interview
Vertreter der grossen Blöcke links und rechts habe es genug, findet Tobias Vögeli (GLP). Er will zu einem möglichst breiten Team im Regierungsrat beitragen.

Das Wichtigste in Kürze
- Tobias Vögeli (GLP) kandidiert für den Regierungsrat.
- Blockpolitik blockiere nur, findet er.
- Er erwartet von der Politik «Mut zu unbequemen Entscheiden statt Aussitzen».
Am 29. März ist die Stimmbevölkerung des Kantons Bern dazu aufgerufen, ein neues Parlament und eine neue Regierung zu wählen. Vier Bisherige kandidieren erneut für die sieben Sitze im Regierungsrat. Zwölf weitere Kandidaturen machen sich Hoffnungen, den Sprung ebenfalls zu schaffen.
Einer dieser Hoffnungsvollen ist der Grünliberale Tobias Vögeli. Er ist seit 2022 Mitglied im Grossen Rat. Von 2018 bis 2023 war er im Gemeinderat von Frauenkappelen BE zuständig für die Finanzen. Im gleichen Zeitraum amtierte er auch als Präsident der Jungen Grünliberalen.
Im Interview mit dem BärnerBär sagt er, warum es weder «links» noch «rechts», sondern «vorwärts» heissen sollte. Und bei welchen Hebeln er zur Senkung der Gesundheitskosten ansetzen würde.

BärnerBär: Der Kanton Bern zählt über 700'000 Stimmberechtigte, die sich als Kandidierende aufstellen lassen könnten. Warum sollten diese ausgerechnet Sie in den Regierungsrat wählen?
Tobias Vögeli: Weil der Kanton Bern ein Problem hat, das niemand laut ausspricht: Wir haben eine der grössten Verwaltungen der Schweiz, aber nicht die effizienteste.
Wir haben einen der vielfältigsten Kantone, aber die Fliehkräfte zwischen Stadt und Land, zwischen Berner Oberland und Seeland werden grösser statt kleiner. Und wir haben eine Regierung, die mehrheitlich aus Berufspolitikern besteht – Menschen, die ihr ganzes Leben in politischen Ämtern und Polit-Kampagnen-Büros verbracht haben.
Ich bringe etwas anderes mit: Ich war KV-Lehrling, bevor ich Jurist wurde. Ich habe in einer Spital-Verwaltung, in Kanzleien und im Finanzcontrolling gearbeitet und weiss, wie schwierig es ist, gute Leute zu halten. Ich habe zwei Unternehmen mitgegründet und dabei gelernt, dass man mit wenig Geld viel erreichen kann – wenn man die richtigen Prioritäten setzt.
Und ich habe als Gemeinderat in Frauenkappelen fünf Jahre lang in einer Exekutive mitgearbeitet und gemeinsam mit meinen Kollegen die Steuern gesenkt, bei zeitgleicher Tätigung von hohen Investitionen.
Der Kanton Bern hat genug Vertreter der grossen Blöcke – links wie rechts. Was fehlt, ist jemand, der keiner Seite verpflichtet ist und beiden zuhören kann – und der gleichzeitig ausserhalb der Politik gelernt hat, wie Dinge wirklich funktionieren. Genau diese Perspektive – und diese Unabhängigkeit – fehlt im Regierungsrat.

BärnerBär: Welchen der Kandidierenden müssen Sie unbedingt schlagen, um eine Chance zu haben?
Vögeli: Das ist, ehrlich gesagt, die falsche Frage – aber sie zeigt, was in der Politik schiefläuft: Es geht zu oft um Personen und Parteien statt um Inhalte.
Schauen Sie sich die anderen Kandidierenden an: Alle sind Vollzeit-Berufspolitiker und Politkampagnen-Menschen. Sie haben ihr politisches Leben in den gleichen Netzwerken verbracht.
Das ist nicht per se schlecht – aber es erklärt, warum gewisse Probleme nicht gelöst werden. Wer seit 20 Jahren im gleichen System steckt, sieht gewisse Dinge nicht mehr.
Ich bin nicht angetreten, um jemanden zu «schlagen». Ich bin angetreten, weil ich glaube, dass diese Regierung ein möglichst breites Team braucht – eine Vielseitigkeit an Perspektiven. Die Wählerinnen und Wähler werden entscheiden, ob ihnen das wichtig ist oder ob sie lieber auf die bewährten Parteimaschinen setzen.
BärnerBär: Wir erleben gerade unruhige Zeiten, viele sprechen gar von einer «neuen Ära». Hat die Bevölkerung noch genug Vertrauen in die Politik?
Vögeli: Das Vertrauen leidet. Global wie national. Ich glaube, das hat damit zu tun, weil viele das Gefühl haben, Politik gestaltet nicht mehr, sondern reagiert nur noch. Auf globale Krisen, auf mediale Empörung, auf Parteiinteressen.
Aber die Schweiz ist in einer besseren Ausgangslage als andere: Unsere Institutionen – Föderalismus, Konkordanz, direkte Demokratie – sind darauf ausgelegt, auch in Krisenzeiten handlungsfähig zu bleiben. Sie zwingen zur Zusammenarbeit.
Was Politik jetzt braucht, ist nicht bessere Kommunikation, sondern bessere Resultate. Mut zu unbequemen Entscheiden statt Aussitzen. Und die Fähigkeit, über Parteigrenzen hinweg zu arbeiten, wenn es die Sache erfordert.
BärnerBär: Auf welche (politische) Leistung in Ihrer Karriere sind Sie besonders stolz?
Vögeli: Die Einführung einer systematischen Finanzstrategie in Frauenkappelen. Das fehlte vorher. Gemeinsam mit Gemeinderat und Verwaltung haben wir eine Strategie mit klaren Zielen erarbeitet.
Und natürlich: Eine Steuersenkung, während andere Gemeinden über Erhöhungen diskutierten. Übrigens trotz erhöhten Investitionen.
BärnerBär: Über welche Herausforderung für den Kanton Bern hat man bis jetzt viel zu wenig geredet?
Vögeli: Warum niemand im Gesundheitswesen ein Interesse an tieferen Kosten hat – und was der Kanton dagegen tun kann.
Das System basiert auf einem Dreieck: Leistungserbringer verdienen an mehr Leistung, Patienten fordern maximale Versorgung, Versicherungen wälzen Mehrkosten ab. Keiner hat ein systemisches Interesse an Kostensenkung.
Dabei gibt es zwei wirksame Hebel: Erstens, eine klare Spitalplanung zur Vermeidung von Überkapazitäten. Zweitens, die integrierte Versorgung.
72 Prozent der Kosten (65,7 Milliarden) gehen auf chronische Krankheiten zurück. Heute navigieren Patienten fragmentiert durchs System – niemand koordiniert. Das Ergebnis sind Doppelspurigkeiten, vermeidbare Notfälle und steigende Kosten.
Ein integriertes Netzwerk aus Hausarzt, Spezialistinnen, Pflege und Spitex koordinieren stattdessen die Behandlung. Die Evidenz zeigt tiefere Kosten bei besseren Resultaten. Ein Win-Win.
Der Kanton kann über Spitalplanung, Pflegefinanzierung und Hausarztförderung Anreize setzen und Pilotprojekte finanzieren.

BärnerBär: Was würde im Kanton Bern anders, wenn es der bürgerlichen Allianz gelingt, einen fünften Sitz zu ergattern?
Vögeli: Es sollte meines Erachtens eben nicht um «rechts» oder «links» gehen, sondern um die Frage, ob wir vorwärtskommen. Es braucht Leute in der Regierung, die Probleme lösen, statt Parteipolitik zu betreiben. Ich bin der einzige Kandidat, der keinem der beiden Blöcke verpflichtet ist – genau das macht mich für beide Seiten wählbar und eine attraktive Alternative für die Bevölkerung.
BärnerBär: Was für konkrete Auswirkung hätte es, wenn die SP den Jurasitz gewinnt und es wieder eine linke Mehrheit gäbe im Regierungsrat?
Vögeli: Siehe meine vorherige Antwort: Mehrheitsverhältnisse sind für mich zweitrangig.
Entscheidend ist, dass alle bereit sind, im Sinne des Kantons zusammenzuarbeiten. Eine gute Regierung macht nicht einfach «linke» oder «rechte» Politik, sie löst Probleme.

BärnerBär: Wie gehen Sie mit Entscheiden um, die Sie persönlich für falsch halten, aber wegen der Konkordanz mittragen müssen?
Vögeli: Das ist Teil der Exekutivarbeit. Konkordanz heisst ja nicht, dass alle gleich denken. Konkordanz heisst, dass man trotz unterschiedlicher Überzeugungen gemeinsam Verantwortung trägt.
Das funktioniert – ich habe es fünf Jahre lang in meiner Gemeinde erlebt. Aber es funktioniert nur, wenn niemand Blockpolitik betreibt, sondern alle gemeinsam vorwärts gehen wollen.
BärnerBär: Woran würden Sie am Ende Ihrer Amtszeit messen, ob Sie erfolgreich waren?
Vögeli: An zwei Kriterien: Erstens, ob der Kanton ausgeglichene Finanzen bei gleichzeitig höheren Investitionen in Bildung, Gesundheit und Infrastruktur erreicht hat und zweitens, ob im Regierungsrat mehr Geschäfte mit überparteilichen Mehrheiten beschlossen werden als heute. Erfolg ist für mich, dass nachweisbar mehr funktioniert.
Regierungsratswahl im Kanton Bern am 29. März 2026
Der BärnerBär stellt die Kandidierenden vor, die gerne einen der sieben Sitze im Regierungsrat erobern möchten. Bisher erschienen sind:
Daniel Bichsel (SVP/neu)
Hervé Gullotti (SP/neu)
Astrid Bärtschi (Mitte/bisher)
Barbara Stotzer-Wyss (EVP/neu)
Aline Trede (Grüne/neu)
Madeleine Amstutz (parteilos/neu)
Melanie Hartmann (Piraten/neu)
Philippe Müller (FDP/bisher)
Pierre Alain Schnegg (SVP/bisher)
Reto Müller (SP/neu)
Jorgo Ananiadis (Piraten/neu)
Tom Gerber (EVP/neu)












