Regierungsrats-Kandidatin Melanie Hartmann (Piraten) im Interview

Matthias Bärlocher
Matthias Bärlocher

Bern,

«Ich bin kein Überflieger», sagt Melanie Hartmann von sich selbst. Gerade dies mache sie aber zur Stimme der Bevölkerung – auch im Regierungsrat.

Melanie Hartmann Piratenpartei Regierungsratswahl
Melanie Hartmann ist Kandidatin der Piratenpartei für den Regierungsrat. - zvg

Das Wichtigste in Kürze

  • Melanie Hartmann (Piraten) kandidiert für den Regierungsrat.
  • Sie will gemeinsam Lösungen finden, indem sie alle Positionen und Lager anhört.
  • Bern sei das «Herz der Schweiz», sagt die gebürtige Walliserin.

Die Stimmbevölkerung des Kantons Bern wählt am 29. März 2026 sowohl ein neues Parlament als auch eine neue Regierung. Für die sieben Sitze im Regierungsrat kandidieren «nur» vier Bisherige, was Chancen eröffnet für die zwölf neu Kandidierenden.

Zu ihnen zählt die Piratin Melanie Hartmann, die zusammen mit dem Präsidenten der Piratenpartei, Jorgo Ananiadis, antritt. Sie hat schon für verschiedene Ämter kandidiert, unter anderem auch zweimal für den Nationalrat, wurde bisher aber nicht gewählt.

Hartmann bezeichnet sich als Freidenkerin und ist Fachfrau für Information und Dokumentation sowie Kauffrau. Sie stammt ursprünglich aus Agarn VS und lebt heute in Wabern BE.

Im Interview mit dem BärnerBär erzählt sie, warum sie sich als Walliserin für den Kanton Bern einsetzen will. Und warum Zähneknirschen manchmal auch Sinn macht.

Rathaus Bern Wahl Front
Wer schafft die Wahl ins Berner Rathaus am 29. März 2026? - Daniel Zaugg

BärnerBär: Der Kanton Bern zählt über 700'000 Stimmberechtigte, die sich als Kandidierende aufstellen lassen könnten. Warum sollten diese ausgerechnet Sie in den Regierungsrat wählen?

Melanie Hartmann: Ich habe Bern dem Wallis vorgezogen weil ich die Menschen, die Natur und die Kultur des Kantons ganz besonders zu schätzen weiss. Für mich ist Bern das Herz der Schweiz und ich will zu seiner Gesundheit beitragen.

Ich bin kein Überflieger: keine Doktortitel, keine Kaderposition, kein Kapital oder Verwaltungsratssitze. Ich lebe in einem Einzelhaushalt zur Miete, bin Angestellte, Konsumentin und Patientin: Ich bin einfach nur ein Mensch wie besonders viele dieser 700’000 und will diesen Menschen eine Stimme geben.

BärnerBär: Welchen der Kandidierenden müssen Sie unbedingt schlagen, um eine Chance zu haben?

Hartmann: Ich denke nicht, dass ich irgendjemand Konkretes «unbedingt schlagen muss». Ich vertraue auf die Meinung der Bevölkerung: Am Ende zählt, dass die Personen, welche diese Meinung am besten repräsentieren können, im Regierungsrat sitzen.

Wie wählst du bei den Berner Regierungsratswahlen?

BärnerBär: Wir erleben gerade unruhige Zeiten, viele sprechen gar von einer «neuen Ära». Hat die Bevölkerung noch genug Vertrauen in die Politik?

Hartmann: Die Frage ist eher, in welchen Lebensbereichen unser Vertrauen nicht erschüttert wurde und wird. Ich betrachte den Vertrauensverlust als ein gesamtgesellschaftliches Phänomen und finde, dass die politische Frustration im Grunde die Spitze dieses Eisberges darstellt.

Der Wert von Vertrauenswürdigkeit steigt gerade ins Unermessliche und ich betrachte es als Herausforderung, dem Anspruch gerecht zu werden und das Vertrauen in die Politik zu stärken.

BärnerBär: Auf welche (politische) Leistung in Ihrer Karriere sind Sie besonders stolz?

Hartmann: Ich habe noch keine Leistung erbracht, die mich besonders stolz macht. Zum Einen weil das Gelingen vergangener Projekte selten ausschliesslich von mir abhing, sondern immer auch eine Teamleistung war – zum Anderen weil ich es mich anspornt, mir diesen Stolz erst noch zu verdienen.

Piratenpartei Unterschriftensammlung
Die Piratenpartei beteiligt sich immer wieder an Unterschriftensammlungen für Referenden, insbesondere bei Digital-Themen. (Symbolbild) - keystone

BärnerBär: Über welche Herausforderung für den Kanton Bern hat man bis jetzt viel zu wenig geredet?

Hartmann: Ganz sicher gibt es Themen, deren Bedeutung für die Zukunft uns heute noch nicht bewusst sein kann. Die Zeit offenbart die Versäumnisse. Für mich zählt, dass das Aufarbeiten von Versäumnissen Erkenntnisgewinn schafft, der uns langfristig voranbringt.

BärnerBär: Was würde im Kanton Bern anders, wenn es der bürgerlichen Allianz gelingt, einen fünften Sitz zu ergattern?

Hartmann: In einem Regierungsrat geht es um die Fähigkeit, mit anderen Persönlichkeiten an einem Strang ziehen zu können, unabhängig von ihrer Parteizugehörigkeit. Eine bürgerliche Mehrheit könnte dazu führen, dass öfter bürgerliche Antworten auf die aktuellen Herausforderungen im Regierungsrat zur Debatte stehen werden. Aber solange der Diskurs sachlich und lösungsorientiert verläuft, ist das nichts, was ein Nachteil sein muss.

BärnerBär: Was für konkrete Auswirkung hätte es, wenn die SP den Jurasitz gewinnt und es wieder eine linke Mehrheit gäbe im Regierungsrat?

Hartmann: Politik lebt von inneren und äusseren Einflüssen: Mit welchen Herausforderungen uns die Zukunft überraschen wird, steht in den Sternen. Genauso auch, ob die Antwort auf diese Herausforderungen (zum Beispiel in Form einer weiteren Pandemie) überhaupt eine Frage der Parteizugehörigkeit sein werden.

Ich für meinen Teil bin motiviert, alle Positionen und Lager anzuhören und mich damit auseinanderzusetzen, um gemeinsam differenzierte und verhältnismässige Lösungen zu finden.

BärnerBär: Wie gehen Sie mit Entscheiden um, die Sie persönlich für falsch halten, aber wegen der Konkordanz mittragen müssen?

Hartmann: Ich werde die Entscheide mittragen und dafür im Stillen mit den Zähnen knirschen: Ich sehe den Sinn darin, gerade in politischen Fragen geschlossen aufzutreten.

BärnerBär: Woran würden Sie am Ende Ihrer Amtszeit messen, ob Sie erfolgreich waren?

Hartmann: An der Wiederwahl.

Regierungsratswahl im Kanton Bern am 29. März 2026

Der BärnerBär stellt die Kandidierenden vor, die gerne einen der sieben Sitze im Regierungsrat erobern möchten. Bisher erschienen sind:
Daniel Bichsel (SVP/neu)
Hervé Gullotti (SP/neu)
Astrid Bärtschi (Mitte/bisher)
Barbara Stotzer-Wyss (EVP/neu)
Aline Trede (Grüne/neu)
Madeleine Amstutz (parteilos/neu)

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