«Brandschwarz gelogen»: Initiantin entgegnet Veganismus-Zwang

Bettina Zanni
Bettina Zanni

Bern,

Die Gegner der Ernährungsinitiative warnen vor einem Veganismus-Zwang. Dabei tragen sie aber zu dick auf. Selbst der Bundesrat soll über die Bücher gehen.

Ernährungsinitiative
«Die Initianten der Ernährungssicherheitsinitiative wollen uns einen Vegan-Zwang aufzwingen», behauptet SVP-Nationalrat Ernst Wandfluh. - Screenshot / Instagram

Das Wichtigste in Kürze

  • SVP und FDP fahren im Abstimmungskampf zur Ernährungsinitiative hartes Geschütz auf.
  • Cervelat und Fondue gäbe es nicht mehr, und die Ernährung wäre wie zu Kriegszeiten, behaupten sie.
  • Anstatt den Initiativtext zu lesen, werde «brandschwarz gelogen», so die Initiantin.

Die Ernährungsinitiative macht keiner Partei Appetit. Selbst Umweltorganisationen unterstützen sie nicht. Auch die Stimmbürger sollen nicht noch auf den Geschmack kommen.

«Hast du auch gerne einen Cervelat, Raclette, Fondue oder ein Spiegelei?», fragt SVP-Nationalrat Ernst Wandfluh in einem Instagram-Video.

Am 27. September entscheide sich, ob man diese Lebensmittel noch essen könne, behauptet er. Der Berner Landwirt erklärt: «Die Initianten der Ernährungssicherheitsinitiative wollen uns einen Vegan-Zwang aufzwingen.»

Einen Tag später doppelt die FDP nach. «Wir müssten uns schon fast wieder so ernähren wie zu Kriegszeiten», behauptet FDP-Influencerin Elisa Strebel. Die Warnungen vor einem Ernährungsdiktat prangen auch auf zahlreichen Plakaten. «Nein zum Vegan-Zwang!», fordern Plakate, auf denen ein Spiegelei, ein Fonduewürfel am Spiess oder ein Cervelat abgebildet ist.

Gegner lesen Text nicht

Heute produziert die Schweizer Landwirtschaft etwas weniger als die Hälfte der hier konsumierten Lebensmittel. Die Initiative fordert, dass sie einen Selbstversorgungsgrad von mindestens 70 Prozent anstrebt. Damit soll die Landwirtschaft darauf vorbereitet sein, die Bevölkerung in Krisen aus eigenem Boden ernähren zu können.

«Das ist ein Verfassungsauftrag, dafür sind per Gesetz genügend Ackerflächen zugesichert», sagt Franziska Herren, Initiantin der Ernährungsinitiative.

Befürchtest du einen Vegan-Zwang?

Die Schweiz soll das Grasland für die Milch- und Fleischproduktion nutzen und auf den Ackerflächen mehr pflanzliche Lebensmittel anbauen. Heute wird dort vor allem Futtermais angebaut. Auch soll Food Waste reduziert werden. Die Initiative gibt für die Ziele eine Übergangsfrist von zehn Jahren.

Die Gegner tragen aber zu dick auf. «Wir verlangen weder, dass sich die Schweiz autark versorgt, noch auf eine Kriegswirtschaft umstellt», sagt Franziska Herren zu Nau.ch. Sie sei erstaunt, wie viele Gegner den Initiativtext nicht läsen. «Stattdessen wird brandschwarz gelogen.»

«Das ist kein Vegan-Zwang»

Der Initiativtext zeigt in sechs Punkten auf, welche Voraussetzungen der Bund zur Sicherstellung der Lebensmittelversorgung schafft. Dazu zählen auch «grenzüberschreitende Handelsbeziehungen, die zur nachhaltigen Entwicklung der Land- und Ernährungswirtschaft beitragen».

«Importe sind also weiter erlaubt», betont Franziska Herren.

Die Drohung, dass eine Annahme der Initiative einen Vegan-Zwang zur Folge habe, sei ebenso aus der Luft gegriffen. «Wir verlangen eine ‹vermehrte Förderung einer auf pflanzlichen Lebensmitteln basierenden Ernährungsweise›. Das ist kein Vegan-Zwang.»

Rinder würden nicht verbannt

Herren weist darauf hin, dass heute 75 Prozent der Agrarsubventionen die tierische Produktion förderten. «Ich kann zu 100 Prozent versichern, dass die Bürgerinnen und Bürger ihr Essen weiter frei wählen können.» Dies allerdings, solange nichts passiere.

Sie erinnert an die Worte von Wirtschaftsminister Guy Parmelin anlässlich einer Medienkonferenz zur Agrarpolitik 30+. Bei einem Problem an den Grenzen hätten wir jeden zweiten Tag nichts zu essen, da wir importierten, sagte er. Dies vergesse man in der Schweiz.

Ernährungsinitiative
Es werde brandschwarz gelogen, sagt Franziska Herren, Initiantin der Ernährungsinitiative. - keystone

Die Initiative will laut Herren weder die Rinder vom Grasland verbannen noch die Produktion von Tierfutter verbieten. «Auf unseren Ackerfeldern sollen lediglich mehr pflanzliche Lebensmittel produziert werden.» Aktuell herrsche in der Schweiz zudem eine Überproduktion von Fleisch und Milch.

Die Überproduktion sorgte kürzlich für Schlagzeilen. Jede Woche kommen laut der «Berner Zeitung» rund 100’000 Schweinekoteletts zu viel auf den Markt. Anfang Jahr mussten Schweizer Bauern zudem tonnenweise Milch entsorgen. Auch hat die Schweiz grosse Mengen überschüssiger Butter zu Schleuderpreisen nach China exportiert.

«Ist eine Zuspitzung»

SVP-Nationalrat Ernst Wandfluh warnt auf Anfrage zurückhaltender vor der Initiative als in seinem Kampagnenvideo. «Das mit dem Vegan-Zwang ist eine Zuspitzung, aber inhaltlich nicht falsch», sagt er.

Wandfluh macht darauf aufmerksam, dass die Schweiz das letzte Mal im Zweiten Weltkrieg einen Selbstversorgungsgrad von 70 Prozent erreicht habe. «Dank der Anbauschlacht.»

Damals sei jede mögliche Fläche für den Anbau von Kartoffeln und Getreide genutzt worden. «Tierfutter konnte keines mehr angebaut werden, entsprechend reduzierte sich der Tierbestand.»

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SVP-Nationalrat Ernst Wandfluh befürchtet mehr Importe. - keystone

Die Umsetzung der Initiative wäre laut Wandfluh folglich kein Kinderspiel, sondern setzt massive staatliche Eingriffe voraus. Der Staat müsste den Zugang zu tierischen Lebensmitteln verunmöglichen, warnt er. «Allen voran zum beliebten Pouletfleisch, den gefragten Eiern, aber auch zu allen Arten von Schweinefleisch.»

Milch und Fleisch von Raufutterzehrern wie Kühen gäbe es auch nur noch in beschränktem Umfang. In der Folge würde die Schweiz den fehlenden Bedarf durch Importe decken. «Damit würden wir unseren ökologischen Fussabdruck noch mehr ins Ausland verlagern.»

Dass in der Schweiz eine Überproduktion herrscht, stellt er in Abrede. «Wir haben aktuell nur zu viel Schweinefleisch, bei allen anderen Fleischarten importieren wir sehr hohe Mengen.» Zudem nehme der Bestand an Milchkühen und Schweinen seit Jahren laufend ab, so der Landwirt.

Beschwerde hängig

Auch der Bundesrat warnt vor Abstrichen bei der Produktion tierischer Lebensmittel. Um die Ziele zu erreichen, müsse der Staat massiv in die Produktion und die Ernährungsgewohnheiten eingreifen, kommt er zum Schluss. «Dies würde hohe Kosten verursachen und die Wahlfreiheit der Konsumentinnen und Konsumenten einschränken.»

Aktuell ist jedoch beim Bundesgericht eine Abstimmungsbeschwerde hängig. Die Initianten werfen dem Bundesrat «falsche und irreführende Abstimmungsinformation» vor.

«Die Schweizerinnen und Schweizer müssten deutlich mehr pflanzliche Lebensmittel essen», schreibt der Bundesrat im Abstimmungsbüchlein. «Und dürften nicht mehr so viele tierische Lebensmittel wie Fleisch, Milch und Eier konsumieren.»

Der Erlasstext der Initiative spricht laut der Beschwerde mithin von Förderung und nicht von Konsumverboten, Fleischverzicht oder staatlich angeordneten Essgewohnheiten.

Kommentare

User #3575 (nicht angemeldet)

Wenn es 1 von 50 Menus auf der Speisekarte ein einziges veganes hat, und 2-3 vegetarische, dann wird der SVPler fuchsteufelswild! Er möchte gleich die Schweiz in Lake Putin umbenennen!

User #3065 (nicht angemeldet)

Ein höherer Selbstversorgungsgrad will doch auch die SVP, nur der Weg sieht sie anders. Anstatt mit den Initianten an einen Tisch zu sitzen und einen vernünftigen Kompromiss als Gegenvorschlag auszuarbeiten, gibt es wie immer Hick Hack und es bleibt alles beim Alten. Die Schweiz ist historisch so erfolgreich weil sie immer gute Kompromisse erzielt hat, das ist mit zunehmender Polarisierung von links bis rechts nicht mehr möglich, was zu bedauern ist.

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