Bauern

Schweizer Bauern vernichten LKWs voll Milch

Riccardo Schmidlin
Riccardo Schmidlin

Zürich,

Die Schweiz ertrinkt in Milch. Bauern müssen tonnenweise Überschüsse in der Biogasanlage entsorgen.

Milch
Momentan gibt es viel zu viel Schweizer Milch. (Symbolbild) - keystone

Das Wichtigste in Kürze

  • Eine Überproduktion durch gutes Futter verursacht eine Milchkrise.
  • Schweizer Bauern müssen tonnenweise Milch vernichten.
  • Die Politik fordert einen Import-Stopp für ausländische Milch.

Die Schweizer Kühe produzieren momentan viel Milch. Zu viel Milch.

Die Folge: Überschüssige Milch muss vernichtet werden.

Erstmals nennt die Genossenschaft «Mooh» konkrete Zahlen. Auf Anfrage von Nau.ch erklärt der Zusammenschluss von 3600 Milchproduzenten, Wie dramatisch die Lage ist.

Sprecher Maurice Bosatta sagt: «Über die Feiertage mussten wir bis zu zehn LKWs Magermilch pro Woche entsorgen. Und auch jetzt im Januar ist dies weiterhin der Fall.»

Zur Veranschaulichung: Typische Milchsammel-LKWs in der Schweiz transportieren 12 bis 17 Tonnen Milch pro Fahrt.

Immerhin: Das Fett konnte gerettet werden. Dieses kommt in der Lebensmittelproduktion zum Einsatz.

Doch insgesamt ist die Situation angespannt. «Der aktuelle Milchüberschuss ist sehr kritisch. Die Liefermengen sind aussergewöhnlich hoch, während die Verarbeitungskapazitäten an ihre Grenzen stossen.»

Die Folge: «Ohne eine sofortige Reduktion der Mengen kann nicht mehr die gesamte Milch verwertet werden.»

Bonus fürs Weniger-Produzieren

Wie kann die Situation entschärft werden?

«Eine sofortige solidarische Reduktion der Milchmengen über die ganze Branche ist notwendig», sagt Bosatta.

Für Betriebe im Basismodell gibt es neu einen finanziellen Anreiz zur Produktionsreduktion. Wer weniger produziert, erhält je nach Umfang einen Bonus von zwei bis vier Rappen pro Kilo Milch auf die Gesamtmenge.

Im Planungsmodell hingegen müssen die Betriebe die vereinbarten Liefermengen strikt einhalten und dürfen diese nicht überschreiten.

Politik alarmiert – Forderung nach Import-Stopp

Der Milchüberschuss beschäftigt inzwischen auch die Politik. Drei SVPler haben einen offenen Brief an Landwirtschaftsminister Guy Parmelin verfasst. Sie fordern einen Import-Stopp für ausländische Milch.

Einer der Unterzeichner ist der Zürcher SVP-Nationalrat Martin Haab. Gegenüber Nau.ch sagt er: «Es darf nicht sein, dass trotz Milchüberschuss weiterhin ausländisches Milchpulver, Milch und Milchbestandteile importiert werden. Nur, weil vor Jahren Verträge gemacht wurden.»

Martin Haab
SVP-Nationalrat Martin Haab fordert einen Importstopp für ausländische Milch. - keystone

Die Lage habe sich zu Jahresbeginn weiter verschärft. Haab erklärt: «Wegen des Überschusses erhalten Bauern ab einer bestimmten Menge nur noch 15 Rappen pro Liter. Das ist ein absoluter Dumpingpreis.»

Gutes Futter als Hauptursache

Grund für die Überproduktion sei das aussergewöhnlich gute Futter: «Heu und Grassilage waren top, der Kraftfuttereinsatz ist dank dieser Qualität stark zurückgegangen.» Mit Grassilage ist Silofutter, also durch Milchsäuregärung konserviertes Futtermittel, gemeint.

Der Trend zu pflanzlichen Ersatzprodukten wie etwa Hafermilch spiele dabei keine Rolle. «Vegane Getränke verkaufen sich nicht mehr als zuvor – das Problem liegt nicht bei den Veganern.»

Dennoch sagt der Milchbauer: «Natürlich wäre es schön, wenn auch Veganer wieder mehr zu normaler Milch greifen würden.»

Für die Produzenten bleibe kaum eine Wahl: «Der Bauer muss reduzieren – über frühere Schlachtungen, interne Kälbermast oder weniger Kühe.»

Appell an Konsumenten: Mehr Schweizer Käse kaufen

Ist es also eine patriotische Pflicht, nun mehr Schweizer Milch zu trinken?

«Natürlich hilft es, wenn mehr Schweizer Milch und Milchprodukte konsumiert werden», sagt Maurice Bosatta von «Mooh».

«Es wäre sehr wünschenswert, wenn sich der Detailhandel und der Schweizer Konsument in der für die Bauern sehr schwierigen Situation noch etwas mehr als sonst für Schweizer Milchprodukte entscheiden würde.»

Milch
Konsumenten sollen nun mehr zu Milch und Käse greifen. - keystone

Auch SVP-Nationalrat Martin Haab richtet einen Appell an die Bevölkerung: «Es wäre schön, wenn sie wieder vermehrt zu Schweizer Käse greifen statt zu ausländischem.»

Ob dies Wirkung zeige, könne er jedoch nicht beeinflussen.

Entspannung im Sommer – langfristig droht sogar Knappheit

Kurzfristig dürfte sich die Situation bis Sommer wieder entspannen. «Dann kehrt die Schweiz zu den Gewohnheiten vor dem Überschuss zurück», so Haab.

Längerfristig sei die Milchproduktion jedoch eher knapp: «Wenn jetzt zusätzlich Produzenten aussteigen, wäre das sehr schmerzhaft.»

Seine Sorge ist durchaus berechtigt. In den letzten 25 Jahren haben bereits mehr als die Hälfte der Schweizer Milchbauern ihre Tätigkeit aufgegeben. Sollte sich dieser Trend fortsetzen, kann die Nachfrage nach Schweizer Milch nicht mehr gedeckt werden.

Der Bauernverband verweist gegenüber Nau.ch neben der «sehr guten Futtersituation» auch auf «gewisse Absatzprobleme mit Käse im Ausland». «Zum Beispiel in den USA, wo der Schweizer Käse infolge der neuen Zölle teurer geworden ist.»

Kaufst du nur Schweizer Milchprodukte?

Der Verband betont: «Mehr Schweiz liegt absolut drin. Die Branche ist mit den Detailhändlern im Austausch mit dem Ziel, dass mehr Schweizer Milchprodukte in die Regale kommen.»

Gerade beim Käse gebe es Potenzial. Denn: «Beim Käse haben wir Freihandel und unterdessen kommt mehr ausländischer Käse in die Schweiz als wir exportieren.»

Kommentare

User #2735 (nicht angemeldet)

Käse Produzieren und in die USA (mit Aufschlag) exportieren. Wenn auf den Französischen Käse 200% Zoll aufgeschlagen wird, ist der CH Käse geradezu billig.

User #4484 (nicht angemeldet)

Unrecht ist besonders gefährlich, wenn es sich als Recht, Moral oder Gesetz ausgibt – also wenn Machtmissbrauch, Korruption oder Willkür den Anschein von Gerechtigkeit tragen, etwa durch schöne Worte, scheinbar rechtskonforme Verfahren oder moralische Rhetorik. Ein Beispiel wäre ein Verfahren, das formal „rechtmässig“ abläuft (Crans Montana), aber von vornherein so konstruiert ist, dass das Ergebnis feststeht und eine Seite benachteiligt wird.

Weiterlesen

Veronika Kuh
14 Interaktionen
Forscher staunen
milch
125 Interaktionen
Zu viel Milch
Milch, Müsli, Frühstück
25 Interaktionen
Bauern unter Druck

MEHR BAUERN

Bauern Strasburg Mercosur
2 Interaktionen
Vor EU-Parlament
Bundesplatz Bauern
169 Interaktionen
5-Tage-Camp
12 Interaktionen
Paris
18 Interaktionen
Gegen Mercosur

MEHR AUS STADT ZüRICH

zürich teuersten städte welt
2 Interaktionen
Politik
2 Interaktionen
Zürich
Handschellen
12 Interaktionen
Zürich
GC Muci FC Thun
7 Interaktionen
Nicht erste Wahl