Vegan-Zoff: Tierschutz erntet Kritik für Fleisch-Label-Ratgeber
Tierwohl-Labels oder doch vegan: Schweizer Tierschützer streiten sich über die Frage, was besser fürs Tier ist. Aufhänger: ein neuer Label-Kompass.

Das Wichtigste in Kürze
- Der Schweizer Tierschutz sagt neu, welches Tierwohl-Label am besten ist.
- Andere Tierschützer warnen: Nur das Vegan-Label sei ein Garant für das Tierwohl.
- Der Schweizer Tierschutz hält bei der Kritik von Veganern dagegen.
Bio, Naturafarm oder doch Suisse Garantie? Wer tierische Produkte kauft, steht oft vor einem Label-Dschungel.
Der Schweizer Tierschutz (STS) will nun Orientierung schaffen.
Mit dem neuen Label-Kompass formuliert die älteste Schweizer Tierschutzorganisation das Ziel: «Wenig, aber bessere tierische Proteine – nachhaltig produziert, mit Respekt gegenüber Nutztieren, Natur und Umwelt.»
Die verschiedenen Labels für Fleisch, Eier und Milch teilt der STS in vier Kategorien ein: sehr gut, gut, ausreichend und unbefriedigend.

Je nach Produktkategorie führt ein anderes Label das Ranking an.
Das Versprechen des STS lautet: «Wer diese Produkte wählt, leistet einen wichtigen Beitrag für mehr Tierwohl.»
Doch diese Sichtweise teilen längst nicht alle Tierschützer.
«Viel Tierleid ist auch in der Labelproduktion erlaubt»
Der Verein «Animal Rights Switzerland» vertritt den Standpunkt, dass jede wirtschaftliche Tiernutzung problematisch sei.
Die Organisation zeichnet ihre Vision einer tierfreundlichen Schweiz so: «Schlachthäuser sind Museen, Schuhe aus Apfelleder und die Menschen essen pflanzlich.»
Geschäftsleiterin Céline Schlegel sagt zu Nau.ch: «Nur, weil eine Haltung in gewissen Aspekten besser ist als eine andere, heisst das nicht, dass sie vertretbar ist. Viel Tierleid ist auch in der Labelproduktion erlaubt.»
Den Label-Kompass versteht sie als Reaktion auf eine Schwierigkeit.
«Tierwohl-Labels sollen Glaubwürdigkeit und Vertrauen herstellen. Das tun sie offensichtlich nicht ausreichend und es ist für die Konsumierenden im Laden unklar, was die Labels zertifizieren.»
Jedes Label berücksichtige nur bestimmte Kriterien.
Animal Rights Switzerland: Auch Label-Tiere leiden
«Auch die bestbewerteten Labels lassen wichtige Aspekte des Tierwohls ausser Acht», sagt Schlegel.
So ignorierten Schweinefleisch-Labels die Panik und Atemnot der Tiere bei der CO2-Betäubung.
Auch bei Eiern aus Labelproduktion würden die meisten Legehennen schmerzhafte Brustbeinbrüche haben, sagt sie.
Deshalb findet die Geschäftsleiterin von «Animal Rights Switzerland»: «Wenn die Menschen einfach nur mit gutem Gewissen Labelfleisch konsumieren, ist das eine Sackgasse.»
Zwar könne dies ein «erster Schritt in die richtige Richtung sein.» Allerdings nur, wenn sich die Menschen gleichzeitig mit dem Tierleid hinter der Produktion befassten.
Für Schlegel ist klar: «Aus Sicht der Tiere ist es immer am besten, wenn man direkt pflanzliche Lebensmittel isst. Das eigentlich wichtigste und vertrauenswürdigste Label in Sachen Tierwohl ist daher das Vegan-Label.»
Swissveg warnt vor falschem Sicherheitsgefühl
Während Animal Rights Switzerland die Tiernutzung grundsätzlich ablehnt, schlägt Swissveg etwas moderatere Töne an. Das ist die grösste Interessenvertretung von vegan und vegetarisch lebenden Menschen in der Schweiz.
Lubomir Yotov, der stellvertretende Geschäftsführer, sagt zu Nau.ch: «Wir begrüssen grundsätzlich alle Bestrebungen, die mehr Transparenz schaffen und Konsumenten helfen, informierte Entscheidungen zu treffen.»
Der Label-Kompass könne dazu beitragen, Unterschiede bei den Haltungsbedingungen verständlicher zu machen.
Zudem würden Betriebe mit höheren Standards sichtbarer.
Gleichzeitig sei wichtig zu betonen: «Auch die besten Tierwohl-Labels täuschen nicht darüber hinweg, dass Tiere letztlich für Lebensmittel genutzt und getötet werden.»
Bei einzelnen Kriterien sieht er zudem Verbesserungsbedarf.
«Der Kompass kann Menschen dazu anregen, sich bewusster mit der Herkunft tierischer Produkte auseinandersetzen», sagt Yotov.
«Wer sich erstmals intensiver mit Haltungsformen beschäftigt, beginnt häufig auch grundsätzlicher über den eigenen Konsum nachzudenken.»
Weniger Anreiz zu Fleisch-Reduktion durch Label-Kompass
Gleichzeitig bestehe die Gefahr eines sogenannten «Moral Licensing».
Yotov erklärt: «Wenn Produkte als besonders tierfreundlich wahrgenommen werden, fühlen sich Konsumenten möglicherweise weniger motiviert, ihren Konsum tierischer Produkte insgesamt zu reduzieren.»
Aus Sicht von Swissveg sei eine pflanzliche Ernährung «die nachhaltigste und tierfreundlichste Lösung».
Die Reduktion des Konsums tierischer Produkte und ein Umstieg auf pflanzliche Alternativen fördere nicht nur das Tierwohl.
Es entlaste auch die Umwelt und das Klima. Zudem würden Ressourcen nachhaltig geschont.
«Gleichzeitig erkennen wir an, dass viele Menschen ihre Ernährung schrittweise verändern», sagt Yotov.
«Wer heute weniger tierische Produkte konsumiert und häufiger pflanzliche Alternativen wählt, bewirkt bereits eine Verbesserung.»
Und: «Wenn in dieser Übergangsphase zusätzlich auf höhere Tierwohlstandards geachtet wird, ist das aus Sicht der Tiere ebenfalls ein Fortschritt.»
Yotov sagt: «Dort, wo weiterhin tierische Produkte konsumiert werden, sollten die Anforderungen an das Tierwohl möglichst hoch sein und kontinuierlich weiterentwickelt werden.»
Die beiden Ansätze seien kein Widerspruch.
«Kurzfristig helfen höhere Standards den Tieren in der Haltung. Langfristig führt jedoch eine stärkere Verlagerung hin zu pflanzlichen Lebensmitteln zu den grössten Verbesserungen.»
STS hält dagegen
Der für den Label-Kompass verantwortliche Schweizer Tierschutz (STS) hat eine andere Haltung.
«Wer jede Nutzung von Tieren ablehnt, wird auch tierfreundlichere Haltungsformen grundsätzlich nicht gutheissen. Der STS respektiert diese Haltung», sagt Sprecher Manuel Iseli zu Nau.ch.
Der Ansatz des STS sei jedoch ein anderer.

«Wir setzen uns dafür ein, dass Tiere, die heute für Lebensmittel gehalten werden, möglichst tiergerecht leben dürfen. Und dass sie möglichst wenig leiden müssen.»
Dafür brauche es bessere Haltung, bessere Kontrollen, schonendere Transporte und Verbesserungen bis hin zur Schlachtung.
«Der Label-Kompass soll genau diese Unterschiede sichtbar machen.»
Tierische Lebensmittel sind «gesellschaftliche Realität»
Der STS hält es nicht für einen Widerspruch, sich für Tiere einzusetzen und gleichzeitig Verbesserungen innerhalb der bestehenden Lebensmittelproduktion anzustreben.
Denn: «Für die betroffenen Tiere macht es einen grossen Unterschied, unter welchen Bedingungen sie gehalten werden.»
Die Produktion tierischer Lebensmittel sei eine «gesellschaftliche Realität».
Deshalb sei es zentral, die Bedingungen für die Tiere zu verbessern.
«Der STS setzt sich somit sehr direkt und wirksam für das Wohl der Nutztiere ein», sagt Iseli.
«Und dies entlang des gesamten Nutztierlebens, also bei Haltung, Transport und auch bei der Schlachtung.»
Positive Reaktionen auf den Label-Kompass
Eine gute Bewertung im Label-Kompass bedeute, dass ein hoher Standard erreicht worden sei.
«Das heisst aber nicht, dass sämtliche ethischen Fragen rund um die Nutztierhaltung damit erledigt wären», räumt Iseli ein.
Der Schweizer Tierschutz gibt an, positive Rückmeldungen zum Label-Kompass erhalten zu haben.
«Viele Menschen begrüssen eine unabhängige Einordnung im unübersichtlichen Label-Angebot.»
Auch aus der Branche gebe es Interesse.
Der Kompass mache Tierwohlstandards sichtbar und zeige, wo Verbesserungen möglich seien.
«Dieser Austausch mit der Branche ist besonders wertvoll, um strukturelle Verbesserungen in der Tierhaltung voranzutreiben», so Iseli.















