Wer interessiert sich denn jetzt noch für Veganismus?
«Haben wir nicht wichtigere Probleme als Veganismus?» Diese Frage hört Kolumnistin Mirjam Walser in diesen Krisenzeiten oft – und sie ist verständlich.

Das Wichtigste in Kürze
- Angesichts der vielen globalen Krisen scheint die pflanzliche Ernährung nebensächlich.
- Veganismus gilt oft als Nischenthema, obwohl Ernährung globale Folgen hat.
- Anders als bei vielen globalen Krisen können wir hier selbst aktiv etwas bewirken.
Es ist eine seltsame Zeit, um über Essgewohnheiten zu schreiben. Während Kriege eskalieren, Demokratien wackeln und politische Debatten immer öfter nach Reality-TV auf Dschungelcamp-Niveau klingen, diskutieren wir über Milch im Kaffee. Hafermilch oder Kuh?
Sind das wirklich die Fragen, die die Menschheit gerade beschäftigen sollte?
Der Impuls dahinter ist verständlich. Die Welt brennt, Europa scheint in Gefahr, aber ich soll mich jetzt zwischen Salamisandwich oder Tofuwurst entscheiden?
Veganismus wirkt da schnell wie ein Hobby für ruhige Zeiten oder bestenfalls für besonders passionierte Tierliebhaberinnen.
Aber pflanzliche Ernährung ist weder ein harmloses Wohlfühlthema, noch geht es darum, plötzlich Tieren mehr Gewicht zu geben als Menschen.
Es ist schlicht eine Entscheidung dafür, ein System weniger zu füttern, das Krisen verschärft, statt sie zu lösen.
Globales Problem von unfassbarem Ausmass
Jedes Jahr werden weltweit rund 80 Milliarden Tiere für den Konsum geschlachtet, Fische nicht mitgezählt.
Die überwältigende Mehrheit davon lebt in Massentierhaltung. Allein das sollte uns dazu bewegen, die Frage nach dem Tierwohl und den Auswirkungen unseres Ernährungssystems ganz oben auf unsere Agenda zu setzen.

Schliesslich wissen wir inzwischen ziemlich gut, was Massentierhaltung bedeutet – nicht nur für die Tiere: Diese Systeme verschlingen Land und Wasser, belasten Böden, treiben den Klimawandel an und verschärfen Ernährungskrisen.
Dort, wo Tierfutter wächst, fehlt oft Platz für Nahrung für Menschen. Tierleid bleibt nicht im Stall. Es macht Umwege und landet am Ende ziemlich zuverlässig wieder als Umweltproblem bei uns.
Und was, wenn man nur Schweizer Bio-Produkte isst? Dann hat man mit dieser schrecklichen Massentierhaltung ja nichts zu tun. Wirklich?
Ein kurzer Blick ins eigene Einkaufskörbli reicht: Der Schinken auf der Fertigpizza, das Ragù in der Tomatensauce, die Eier und die Milch in den Guetzli. Die kommen selten aus der Schweiz.
In der Praxis sind wir nämlich fast immer Teil einer globalen Nahrungsmittelindustrie.
Essen als Privatsache war gestern
Essen ist damit längst kein privates Genüsschen mehr, das wir uns völlig losgelöst von allem gönnen können. Man kann darüber genervt sein, dass nicht einmal das Essen unpolitisch geblieben ist.
Oder man kann anerkennen, dass genau hier ein grosser Handlungsspielraum liegt.
Anders als bei vielen globalen Problemen können wir das Ernährungssystem nämlich tatsächlich mitgestalten: Jeden Tag etwas mehr pflanzlich zu essen, klingt zwar nach wenig, hat aber grosse Wirkung, wenn viele mitmachen.

Gerade läuft noch die Veganuary-Kampagne, die Menschen mit einem Newsletter dabei unterstützt, einen Monat lang vegan zu essen. Das kann schon mal ein unkomplizierter Einstieg sein.
Zur Person:
Mirjam Walser (39) schreibt auf Nau.ch regelmässig zu Veganismus, Ernährung und gesellschaftlichem Wandel. Als Gründerin der Vegan Business School unterstützt sie Menschen dabei, vegane Unternehmen aufzubauen.
Und keine Sorge: Perfektion ist nicht nötig. Einfach anfangen reicht. Auch ich bin nicht von heute auf morgen vegan geworden. Buttergipfeli und die Riesenspitzbuben mit Zuckerglasur aus der Migros hatten lange eine erstaunliche Macht über mich.
Entscheidend ist nicht, sofort alles richtig zu machen, sondern Dranbleiben, auch wenn es nicht auf Anhieb klappt.
Und in dieser besorgniserregenden Zeit ist das doch ein Lichtblick: Unperfekt und in kleinen Schritten etwas bewegen zu können. Mir zumindest macht das Mut.












