Vermischen sich unter Donald Trump Staat und Glaube immer mehr?
US-Präsident Donald Trump inszeniert Religion zunehmend als Teil seiner Politik. Für USA-Experte Reinhold Heinisch ist das mehr als Symbolik.

Das Wichtigste in Kürze
- Unter Donald Trump rücken Religion und Politik in den USA näher zusammen.
- Evangelikale stützen Trump wegen konservativer Erfolge.
- Die USA erleben einen Kulturkampf um Religion und Identität.
Das 250-Jahr-Jubiläum der USA wurde zur Religions-Party mitten im politischen Zentrum von Washington.
Zehntausende christliche Anhänger feierten beim «Rededicate 250» mit Gebeten, Bibellesungen sowie Aufrufen zur göttlichen Führung der Nation. Ein acht Stunden dauerndes Massengebet, organisiert von der Trump-Regierung.
Laut dem «Spiegel» fallen auf der Bühne Sätze wie: «Gott steht seit der Gründung 1776 im Mittelpunkt unserer Nation.»
Das macht deutlich: Der Anlass wurde nicht nur historisch inszeniert, sondern religiös aufgeladen.
Religion nimmt in der Regierung von Donald Trump einen sehr grossen Platz ein. So gross, dass man sich fragt: Vermischen sich in den USA Staat und Religion immer mehr?
Das Staatsjubiläum der USA wird christlich interpretiert
Für den USA-Experten Reinhold Heinisch von der Universität Salzburg ist klar: Es gehe bei Anlässen wie dem 250-Jahr-Jubiläum längst nicht mehr nur um symbolische Gesten.
«Es handelt sich nicht lediglich um eine kulturelle Gedenkveranstaltung», sagt Heinisch zu Nau.ch. Vielmehr werde das amerikanische Staatsjubiläum ausdrücklich christlich interpretiert und öffentlich inszeniert.
Die Feierlichkeiten hätten religiöse Elemente wie kollektive Gebete, geistliche Musik und Bibellesungen mit politischen Botschaften verknüpft.

Gleichzeitig traten hochrangige Regierungsvertreter auf und sprachen über nationale Identität, Werte und politische Leitlinien.
Damit werde Religion nicht mehr ausschliesslich im privaten Raum gelebt. Sie trete immer stärker gemeinsam mit staatlicher Repräsentation und politischer Kommunikation auf, erklärt Heinisch.
Besonders auffällig sei dabei die Erzählung hinter den Veranstaltungen. Die Geschichte der Vereinigten Staaten werde zunehmend als Ergebnis göttlicher Vorsehung dargestellt.
Das 250-Jahr-Jubiläum erscheine dadurch nicht nur als historischer Meilenstein, sondern fast als religiöser Wendepunkt.
Donald Trump liefert Evangelikalen politische Erfolge
Dass viele strenggläubige Amerikaner Donald Trump weiterhin unterstützen, hat laut Heinisch jedoch weniger mit dessen persönlicher Religiosität zu tun.
Vielmehr habe Trump geliefert.
Heinisch: «Viele dieser Wähler bekommen unter Donald Trump politisch genau das, was ihnen selbst unter persönlich religiöseren Präsidenten verwehrt geblieben ist.»
Das prominenteste Beispiel: Die Aufhebung des landesweiten Rechts auf Abtreibung. Auch die Verlegung der US-Botschaft nach Jerusalem und die konservative Neubesetzung des Supreme Court bedienen diese Klientel.
Der Lebensstil von Donald Trump spiele dagegen eine untergeordnete Rolle.
Innerhalb der religiösen Milieus sei die Vorstellung verbreitet, dass Gott auch «unvollkommene Instrumente» nutzen könne. Genau dieses Argument werde immer wieder verwendet, um Trump zu rechtfertigen, erklärt Heinisch.
Hinzu komme, dass sich in seinem Umfeld zahlreiche religiös geprägte Akteure befänden, bis hinein in die Regierungsspitze.
Der eigentliche Konflikt liege aber tiefer.
Laut Heinisch richtet sich die Trump-Bewegung nicht primär nach Glaubensfragen. Im Zentrum stehe vielmehr der Widerstand gegen den Liberalismus.
Die MAGA-Bewegung (Make America Great Again) versuche teilweise, diese liberale Grundlage zurückzudrängen und durch eine stärker religiös geprägte Gesellschaftsvorstellung zu ersetzen.
Kein Gottesstaat – aber ein Kulturkampf
Trotzdem warnt Heinisch davor, die USA bereits als christlich-extremistisch oder als künftigen Gottesstaat zu bezeichnen.
Die Vereinigten Staaten seien weiterhin eine stark vielfältige Gesellschaft und zeigten insgesamt sogar Tendenzen zur Säkularisierung. Religion werde so also zur Privatsache.
Historisch habe gerade die strikte Trennung von Staat und Religion eine wichtige Schutzfunktion erfüllt. Sie habe nicht nur die Gesellschaft vor zu grossem religiösem Einfluss bewahrt, sondern auch die verschiedenen Glaubensgemeinschaften untereinander.
Gleichzeitig gebe es in den USA keine Staatsreligion. Stattdessen existiert eine Vielzahl religiöser Gruppen mit teils sehr unterschiedlichen und teilweise radikalen Positionen.
Seit den 80er-Jahren hätten sich vor allem Teile der evangelikalen Bewegung zunehmend mit der politischen Rechten verbündet. Dadurch seien sie zu einem wichtigen Faktor innerhalb der Republikanischen Partei geworden.
Zwei Entwicklungen prallen aufeinander
Die MAGA-Bewegung selbst sei jedoch «nicht primär religiös», sagt Heinisch. Vielmehr handle es sich um eine populistische und nationalistische Strömung, die religiöse Symbole gezielt einsetze.
Donald Trump nutzte diese Narrative ebenfalls. Verweise auf göttliche Vorsehung oder beinahe messianisch wirkende Selbstinszenierungen stärkten dieses Bild zusätzlich.
Gleichzeitig gebe es aber eine Gegenbewegung. Viele gläubige Amerikaner stünden der Politisierung von Religion kritisch gegenüber.

Vor allem jüngere Generationen sowie Pop- und Medienkultur entwickelten sich zunehmend säkular und religionskritisch.
Für Heinisch zeigt sich deshalb kein eindeutiger Trend zurück zur Frömmigkeit.
Stattdessen prallten derzeit zwei Entwicklungen aufeinander: Auf der einen Seite eine politisierte, teils fundamentalistische Religiosität. Auf der anderen eine fortschreitende Säkularisierung.
Der Streit um Religion ist damit zu einem Kampf um die gesellschaftliche Identität der USA geworden.


















