Theater Gurten: «War das alles real oder nur geträumt?»
Der BärnerBär blickt in der Theater-Gurten-Serie hinter die Kulissen. Nun folgt das Abschlussgespräch mit Livia Anne Richard und Andrea Bauer.

Nach 24 Jahren führte Livia Anne Richard beim Theater Gurten dieses Jahr letztmals Regie. Redaktorin Andrea Bauer hingegen war erstmals als Laiendarstellerin in einer Theaterproduktion mit dabei und berichtete in losen Abständen über die Geschehnisse hinter den Kulissen.
Ein paar Tage nach der Derniere treffen sich die beiden nochmals auf dem Gurten. Ein Gespräch über Kontrollverlust, Überraschungen, besondere Momente und die Frage, was von einem Theatersommer bleibt, wenn der letzte Applaus verklungen ist.
Andrea Bauer: Livia, jetzt ist wirklich Schluss. Was war dein allererster Gedanke, als nach der Derniere der letzte Applaus verklungen war?
Livia Anne Richard: Richtig realisiert hatte ich das Ende bereits vorher, nämlich während der Derniere. Da gab es einen kurzen Moment, in dem mir bewusst wurde: «Das sind jetzt alles allerletzte Momente auf dem Güsche.» Und da hatte ich tatsächlich für zwei, drei Sekunden ein Blackout.
Bauer: Genau, du standest ja selbst auf der Bühne für die letzten zehn Vorstellungen, weil sich eine Schauspielerin das Bein gebrochen hatte und bis zum Ende der Saison ausfiel. Ein Novum in all den Jahren auf dem Gurten?

Richard: Ja, das gab es tatsächlich noch nie. Ich hatte unglaubliches Glück: Ich hatte nie eine zweite Besetzung, und dennoch ist in all den Jahren nie jemand ausgefallen. Dass das ausgerechnet in der letzten Produktion passiert, hätte ich wirklich nicht gedacht.
Bauer: Und wie hast du reagiert, als du es erfahren hast?
Richard: So, wie ich das im Laufe meines Lebens gelernt habe: Dinge, die man nicht beeinflussen kann, soll man mit Ruhe und Gelassenheit annehmen. Auch in der schwierigsten Situation hat man immer einen gewissen Handlungsspielraum.
Und ich wusste sofort, dass ich die Rolle spielen würde, schliesslich kannte ich den Text aus all den Proben. Die Schwierigkeit war natürlich, die Anschlüsse zu treffen!
Bauer: Das ist dir aber perfekt gelungen!
Richard: Nun ja, ich komme ja ursprünglich aus der Schauspielerei. Allerdings stand ich letztmals vor 21 Jahren auf der Bühne!
Bauer: Und wie hast du es empfunden?
Richard: Es wurde mir bewusst, dass es damals der absolut richtige Entscheid gewesen war, hinter die Bühne zu wechseln. Es ist einfach nicht so meins! Deshalb war es mir auch wichtig, jeden Abend vor Spielbeginn darauf hinzuweisen, dass ich für eine Schauspielerin einspringe.
Ich wollte auf keinen Fall, dass die Leute denken: «Jetzt muss sie sich auch noch auf die Bühne drängen!»
Bauer: Lustig war ja für uns alle, dass du ausgerechnet die Rolle der Blinden übernehmen musstest. Du, deren wachsames Auge immer und überall war, der kein Detail entging – und jetzt durftest du nicht mehr hinsehen!
Richard: Dafür hörte ich umso besser! (lacht) Aber ja, das war schon interessant, was sich das Universum da ausgedacht hatte. Mein Job als Regisseurin ist ja gerade, genau hinzuschauen und Feedback zu geben. Und dann passte mir auch noch das Kostüm perfekt. Irgendwie schwer zu glauben, dass das alles Zufall war.

Bauer: Was war das für ein Gefühl?
Richard: Wenn man mit niemandem mehr Blickkontakt hat, vereinsamt man tatsächlich ein bisschen. Man schaut ja eigentlich immer ins Leere, mit diesem Blick nach Innen, der auf keinen Fall fokussieren darf.
Bauer: Zwang dich diese Rolle dazu, loszulassen? Half sie vielleicht sogar dabei?
Richard: Das kann ich gar nicht so genau sagen, weil ich ja nicht weiss, wie es ohne sie gewesen wäre. Aber loslassen musste ich dadurch definitiv und zwar sofort. Mein Kopf hatte allerdings bereits während der ganzen Produktion Zeit, sich Schritt für Schritt an meinen spontanen Bauchentscheid zu gewöhnen.
Richard: Aber jetzt möchte ich von dir wissen, Andrea: Wie war deine erste Erfahrung auf einer Theaterbühne? Was nimmst du mit?
Bauer: Ich glaube, die eindrücklichste Erfahrung war für mich, dass einen dieses Stück jeden Abend wieder neu begeistern kann. Ich hatte wirklich Respekt davor, weil ich dachte, dass es nach ein paar Vorstellungen bestimmt furchtbar langweilig werden würde.
Aber es war bis zur Derniere kein einziges Mal so. Jeden Abend freute ich mich zusammen mit dem Ensemble auf die Aufführung und war gespannt, wie es diesmal laufen würde. Und es war wirklich 34-mal anders!
Richard: Das Theater ist flüchtig, immer im Moment, wie das Leben auch. Jeder Tag hat eine andere Dynamik, eine andere Energie, und deshalb ist auch jede Vorstellung ein Unikat.
Als Schauspielerin oder Schauspieler muss man sich darauf wirklich einlassen und das Stück jeden Abend aufs Neue erleben, als würde alles zum ersten Mal passieren.
Man darf nicht schon reagieren, weil man weiss, was gleich kommt. Nur so bleiben das Erstaunen, die Freude oder der Schreck echt und das Spiel glaubwürdig.
Bauer: Für dich, Livia, war es ja auch ein Risiko, jemanden wie mich ohne Bühnenerfahrung einzubinden?
Richard: Ich habe schon oft mit Menschen ohne Schauspielhintergrund gearbeitet und erkenne deshalb sofort, ob jemand das Zeug dazu hat oder nicht. Bei dir wusste ich nach dem Casting zu hundert Prozent, dass das gut kommt. Und ich lag ja völlig richtig!
Bauer: Danke vielmals! Aber woran erkennst du das?
Richard: An der Körpersprache, der Ausstrahlung. Ich habe schon Menschen auf der Strasse angesprochen und sie für ein Stück engagiert.
Wichtig ist einfach, dass man auch auf einer Bühne authentisch und natürlich ist und seinen Körper der Figur zur Verfügung stellt. Mit viel üben und proben kann man eigentlich aus jedem Menschen eine nahezu professionelle Leistung herausholen.
Bauer: Ja, viel geübt haben wir tatsächlich! Jetzt kann ich es dir ja sagen, Livia: Manchmal hatte ich echt das Gefühl, das sei nun schon chli übertrieben – so oft, wie wir geprobt und an den kleinsten Details gefeilt haben!
Richard: (lacht herzlich) Das kann ich mir vorstellen! Aber schau, wenn ich ein Stück schreibe, beginnen die Figuren in meinem Kopf zu leben und mit mir zu sprechen. Das Stück hat insgesamt einen Rhythmus, eine Musikalität, und die gilt es einzuüben.
Auch die Sprache und die Ausdrücke gehören zu diesem Ganzen. Abweichungen liess ich nur zu, wenn sie exakt das Gleiche aussagten und den Fluss des Stücks nicht störten.
Wenn Paula sagt: «Bringsch du mir mini Pille, du Perle!», klingt das doch ganz anders, als wenn sie sagen würde: «Bringsch du mir mini Tablette, du Perle!» Deshalb bin ich so auf diesen Details rumgeritten!
Bauer: Und im Verlauf der Aufführungen kam uns das tatsächlich zugute. Wir hatten alles so oft geprobt, dass wir sehr bald ins Freispielen kamen: Der Text verschmilzt mit dem Körper und sitzt im Muskelgedächtnis.
Dadurch mussten wir nicht mehr darüber nachdenken, was als Nächstes kommt, sondern konnten ganz im Moment bleiben und an immer weiteren Feinheiten arbeiten.

Bauer: Das Stück kam dann auch beim Publikum enorm gut an. Livia, weiss man beim Schreiben schon, dass einem da ein Coup gelingen wird?
Richard: Nein, darüber entscheidet das Publikum. Mir war beim Schreiben beispielsweise nicht bewusst, dass es insgesamt ein so lustiges Stück ist. Komik entsteht ja erst, wenn man die Figuren und Situationen ernst nimmt und diese auch so gespielt werden.
Auch war die Fallhöhe am Schluss extrem hoch: innerhalb von wenigen Sekunden vom total heiteren Gelächter in eine todernste Situation zu wechseln, ist nicht ohne. Und ich war mir nicht ganz sicher, ob das funktionieren würde.
Bauer: Die Premiere zeigte dann: Es funktioniert! Wie hast du sie als Regisseurin erlebt?
Richard: Eine Premiere ist eigentlich immer wie eine Geburt, das Publikum fungiert dabei als Hebamme. Ich hingegen werde zum Nichtstun verdammt. Mir bleibt nur das Urvertrauen: «Das chunnt scho guet.» Das Vertrauen in die Technik, die Schauspielenden und ins Wetter …
Bauer: Also dieses Jahr war Petrus – oder wer auch immer für das Wetter zuständig ist – definitiv auf unserer Seite: Wir konnten alle 34 Aufführungen termingetreu spielen!
Richard: Das ist tatsächlich ein weiteres Novum! In den vergangenen Jahren mussten wir im Schnitt jeweils drei bis vier Vorstellungen verschieben. Noch nie aber war mein Blick auf die Regenradare so angenehm und entspannt wie dieses Jahr!
Bauer: Welches war der schönste Moment für dich während dieses Sommers?
Richard: Es gab ganz viele solcher Momente. All diese begeisterten Rückmeldungen, dass die Menschen während der Aufführungen lachen und weinen mussten, «Teil des «Inseli» wurden, wie viele sagten und eine solche Verbundenheit mit den Figuren spürten. Das alles hat mich wahnsinnig berührt.
Und wie hast du es erlebt, Andrea?
Bauer: Mich beeindruckte insgesamt der Zusammenhalt im Team, dieses Miteinander. Obwohl wir zwischen 25 und 87 Jahre alt waren, gehörten alle dazu und man trug Sorge zueinander. Zudem fand ich den äusserst wertschätzenden Umgang enorm schön.
Insbesondere auch von deiner Seite. Du warst zwar streng, auch mal genervt und laut, hast dich aber immer für unseren Einsatz bedankt. Das sei, so haben mir die Profis im Team gesagt, längst nicht bei jeder Regie so.
Richard: Das freut mich zu hören und ist mir äusserst wichtig. Denn nur dank der Schauspielenden kann ich überhaupt machen, was ich liebe. Ohne sie wäre ich nichts. Und ich bin mir sehr bewusst, dass sie mir einen grossen Teil ihrer Zeit opfern. Dafür bin ich ihnen enorm dankbar.
Bauer: Jetzt stehen wir also hier vor der Kulisse, die bereits halb abgeräumt ist. Was ist das für ein Gefühl für dich?
Richard: Es hat mit einem Traum begonnen – ich träumte ja davon, auf dem Gurten Theater zu machen – und endet schöner als jeder Traum. Wenn ich hier stehe, weiss ich grad nicht mehr, ob das alles real war oder ob ich es – eben – nur geträumt habe. Aber das ist auch gar nicht wichtig.

Bauer: Gut, 17’500 Besuchende sind Zeugen, dass es sehr wohl real war. Eine unglaubliche Zuschauerzahl für «So viu Läbe»!
Richard: Ja, das ist tatsächlich rekordverdächtig! Jeden Abend vor praktisch vollen Rängen spielen zu dürfen und jeden einzelnen Abend Standing Ovations zu erleben, ist alles andere als selbstverständlich.
Und ich danke all diesen Menschen, die mich über all die Jahre mit ihrer Anwesenheit unterstützt und getragen haben, wirklich von ganzem Herzen.
Bauer: Was waren deine Gedanken, als du letzten Sonntag nach der Derniere aufgewacht bist?
Richard: Zuerst schaute ich aus dem Fenster und dachte: «Sehr gut, blauer Himmel, wir können spielen!» Dann realisierte ich: «Ah nein, wir spielen ja heute gar nicht – oh, wir spielen ja gar nie mehr!» Und ich spürte, wie auch eine gewisse Last von mir fiel.
Solche Produktionen verlangen einem extrem viel ab, vor allem eine riesige Verantwortung. Das fiel alles von meinen Schultern, und ich fühlte mich irgendwie auch befreit!
Bauer: Du hast gesagt, du hörst mit der Produktion auf, nicht aber mit der Kunst. Gibt es denn schon konkrete Pläne?
Richard: Ja, die gibt es tatsächlich (schmunzelt). Ich werde nächsten Sommer im Wallis, in Gspon oberhalb von Visp, eine Wiederaufnahme des Stücks «Abefahre! Stressfrei in 5 Tagen» realisieren. Also natürlich wird das Stück dort «Ebrifaaru!» heissen.
Es werden zehn Schauspielende aus dem ehemaligen Ensemble von Zermatt dabei sein, und ich werde die künstlerische Leitung haben, nicht mehr aber die Verantwortung für die gesamte Produktion tragen müssen. Darauf freue ich mich sehr.
Bauer: Zum Schluss, Livia, was gibst du deinem «So viu Läbe»-Ensemble mit auf den Weg?
Richard: Danke für so viu Lideschaft u Theaterkunscht. Danke für so viu Fründschaft u Liebi u danke für so viu Läbe!
INFO
Serie: Hinter den Kulissen
Der BärnerBär begleitete das Theater Gurten bei seiner letzten Produktion «So viu Läbe» und nahm seine Lesenden mit hinter die Kulissen des Freilichttheaters:
Wie entsteht ein solches Theaterstück, wie wird aus ganz unterschiedlichen Darstellenden ein stimmiges Ensemble? Und ganz generell: Was braucht es überhaupt alles, bis so ein Stück aufführbereit ist?
Redaktorin Andrea Bauer war als Laiendarstellerin mit dabei und berichtete in losen Abständen über das Entstehen und Aufführen von «So viu Läbe».
Hier geht es zu Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5 und Teil 6.












