Theater Gurten: «So viu Läbe» hinter den Kulissen
Der BärnerBär blickt hinter die Kulissen der neuen Gurten-Produktion «So viu Läbe», dem neuen Stück von Livia Anne Richard.

«So viu Läbe» – dieser Titel markiert nicht nur den Beginn einer neuen Theaterproduktion, sondern auch den Anfang einer Geschichte, die mich in den kommenden Monaten begleiten wird, besonders während der Frühlings- und Sommermonate.
Begleiten im besten Sinn: Ich werde auf der Bühne Teil dieser Geschichte sein und sie ausserdem schreibend festhalten.
Serie - Hinter den Kulissen
Der BärnerBär begleitet das Theater Gurten bei seiner neuesten Produktion «So viu Läbe» und nimmt seine Lesenden mit hinter die Kulissen der Freilichtaufführung: Wie entsteht ein solches Theaterstück, wie wird aus ganz unterschiedlichen Darstellenden ein Team? Wie wird geprobt und wie oft? Und ganz generell: Was braucht es überhaupt alles, bis so ein Stück aufführbereit ist?
Redaktorin Andrea Bauer darf als Laiendarstellerin mit dabei sein und berichtet in losen Abständen über die Proben und das allmähliche Entstehen von «So viu Läbe», welches am Mittwoch, 24. Juni 2026, auf dem Gurten Premiere feiern wird.
Es ist bereits die zwölfte Produktion, die Livia und ihr Team in den letzten 24 Jahren auf dem Gurten realisieren. Angefangen hat alles im Jahr 2000, seither gab es – mit einer pandemiebedingten Ausnahme – alle zwei Jahre eine Freilichtaufführung, sieben davon waren, wie nun das kommende «So viu Läbe» Uraufführungen aus der Feder von Livia.
Für insgesamt 16 Darstellerinnen und Darsteller hat sie während rund drei Monaten die Geschichte rund um das fiktive Generationenhaus «Inseli» geschrieben. Figuren, die sich ein gemeinsames Zuhause teilen, sich reiben, einander brauchen. Der Dialog zwischen den Generationen gleicht oft einer Achterbahnfahrt, Missverständnisse und Situationskomik inklusive.
«Ich hatte euch alle während des Schreibprozesses vor Augen und habe Figuren geschaffen, von denen ich überzeugt bin, dass ihr sie optimal verkörpern könnt», sagte Livia, als wir uns kurz vor Weihnachten erstmals zur Leseprobe trafen.
Was bisher geschah
Zusammengefunden hatte sich das Ensemble allerdings schon früher: am 13. September 2025 auf dem Gurten, noch bevor das Stück Wort für Wort auf dem Papier stand. An diesem sonnigen Herbsttag geht es um Fotos für die Webseite, ums Kennenlernen und ums Ankommen an einem Ort, der für den kommenden Frühling und Sommer fast ein bisschen unser zweites Zuhause werden soll.
Besonders wichtig für all jene, die zum ersten Mal Teil einer Gurten-Produktion sind. Die Stimmung ist von Beginn an offen, fröhlich und von einer spürbaren Aufbruchslust getragen.
Gut zwei Monate später kommt der grosse Moment per Mail: das fertige Skript, der detaillierte Probeplan für April bis Juni und die Aufführungsdaten im Juli und August.
«So viu Läbe» steht da im Titel und die Lektüre des Stücks erfüllt mich mit Vorfreude und Respekt zugleich. Ich werde die Rolle einer externen Theaterpädagogin spielen.
Pädagogisch tätig war ich bisher einzig in der Erziehung meiner Tochter, beruflich noch nie. Umso spannender ist diese Aufgabe. Und dann der erste Schreck: so viel Text! Ob ich mir das alles merken kann? Ob ich zur richtigen Zeit das Richtige sagen werde?
Zur Freude mischt sich leise Angst. Aber bereuen tut man ja bekanntlich nur diejenigen Dinge, die man nie gewagt hat. Also: auf geht’s. Hinein ins Theaterleben!
Musik, die trägt
Der Titel des Stücks kam Livia übrigens während einer Bergwanderung in Zermatt in den Sinn, wie sie uns später erzählt, in Anlehnung an einen Song von Dänu Brüggemann. Seine Musik wird das Stück tragen, und er selbst steht als ehemaliger Inseli-Chef Remo auf der Bühne.
Eine Verbindung von Text, Musik und Leben. Die Proben zum Stück beginnen am 1. April (kein Scherz!) und führen über intensive Wochen bis zur Premiere Ende Juni. Im Juli und August folgen dann insgesamt 33 Aufführungen.
«Die Flüchtigkeit des Theaters, der eine Moment, der zählt, und jede Aufführung, die einzigartig ist – das fasziniert enorm», sind sich die Schauspielerinnen und Schauspieler einig. «Theater ist wie das Leben: Man hat immer nur das Jetzt.»
Die Leseprobe
Am 13. und 14. Dezember treffen wir uns erneut, diesmal zur Leseprobe in den Räumlichkeiten des Theaters Gurten in Bern. Es geht hierbei um den Rhythmus, die Verständlichkeit und die Darstellung.
«Ich bin offen für Inputs», sagt Livia gleich zu Beginn. «Wenn euch etwas unklar ist oder nicht stimmig erscheint, sagt es. Dann stellen wir den Satz gemeinsam um.» Die Vorfreude ist jetzt schon greifbar.
«Theater bedeutet für mich, in eine andere Welt einzutauchen», sagt etwa Ursula Eberle, im Stück Celine. «Für mich ist es Erholung, obwohl es gleichzeitig ein Kraftakt ist», ergänzt Irene Müller-Flück, fortan Paula.
«Theater ist auch das Gefühl von Zusammengehörigkeit, das hier entsteht, und das ist etwas ganz Besonderes», finden all jene, die schon bei mehreren Produktionen mit dabei waren.
Dann lesen wir das Stück erstmals laut. Und sofort entstehen aus Worten Figuren. Livia unterbricht ab und an: «Bleib oben mit der Stimme – du bist erstaunt.» Oder: «Sei richtig wütend, sag das ganz laut!»
Zu mir meint sie: «Sei hier nicht so nett. Du verlierst ja langsam die Nerven in dieser Szene.» Solche Hinweise helfen fürs Verständnis und lassen die Figuren greifbar werden.
Bühnenbild und schwierige Wörter
In der Pause wartet ein weiteres Highlight: Wir sehen erstmals das Bühnenbild! In Form eines Karton-Modells baut es Bühnenbildner Fredi Stettler liebevoll auf dem Salontischli in der Mitte des Raumes auf.
Er erklärt: «Wir spielen im Garten des Generationenhauses. Dieses hier ist das Inseli, ein Haus mit unterschiedlich farbigen Wänden, was so ein bisschen auch die Unterschiedlichkeit der Bewohnenden symbolisiert.»

Applaudierend sind wir uns einig, dass wir kaum je ein schöneres Bühnenbild gesehen haben. Wäre es nur schon Frühling!
Dann weiter mit der Leseprobe. Einige der Dialektwörter sorgen für viel Gelächter, Zungen stolpern über «Chropfläärete» («Hä? Nid Chopfläärete??») und über «Schlaraffeland» («Schalaffe – äh nei, Schlaffe… gopf! Schlar-Affe…?!»), Livia schmunzelt und bleibt gelassen: Es ist die erste Probe und Zeit zum Üben gibt es noch genug!
Das Leben passiert
Doch plötzlich herrscht grosse Aufregung. Einer der Schauspieler will aufstehen, beginnt dabei zu taumeln und wird kurz ohnmächtig. Dank schneller Reaktion seiner Sitznachbarn kann ein Sturz verhindert werden, dennoch rufen wir die Ambulanz.
Als etwas später die Entwarnung kommt, atmen wir auf: ein Schwächeanfall, glücklicherweise nichts Ernsteres. Wir sind erleichtert. Und erleben einmal mehr: Das Leben passiert. Immer. Auch während einer Leseprobe. So viu Läbe!












