Theater

Theater Gurten: So entsteht das Bühnenbild

Andrea Bauer
Andrea Bauer

Bern,

Der BärnerBär blickt in der Theater-Gurten-Serie hinter die Kulissen der neuen Produktion «So viu Läbe». Und sieht diesmal, wie das Bühnenbild entsteht.

Bühnenbild
Das Bühnenbild für «So viu Läbe»: eine Häuserfront mit Fenstern, einem Balkon und einem grossen Garten. Fredi Stettler konzipiert, bestellt das Material und montiert die Kulisse. - Martin Camenzind

Fredi Stettler denkt Theater in Räumen, Farben und Fassaden. Seit Jahrzehnten prägt er mit seinen Bühnenbildern die Produktionen auf dem Gurten und schafft Welten, die Geschichten schon zu erzählen beginnen, bevor der erste Satz gesprochen ist.

«Ich glaube, so wie wir das angedacht hatten, funktioniert es nicht, nur so mit einem Garten», habe er zu Regisseurin Livia Anne Richard gesagt, nachdem er ihr fertiges Drehbuch gelesen hatte.

«Um das Stück spürbar zu machen, braucht es die Gebäude des Generationenhauses ‹Inseli›. Es braucht etwas fürs Auge, das die Geschichte trägt», erklärt er mir, während er auf das Modell aus Karton vor ihm auf dem Schreibtisch schaut.

Gurten
Fredi Stettler prägt seit Jahrzehnten mit seinen Bühnenbildern die Produktionen auf dem Gurten. - Martin Camenzind

Wir sind im Souterrain des Mehrfamilienhauses, in welchem Fredi Stettler wohnt und wo er sich sein Atelier, oder «Büro», wie er bescheiden sagt, eingerichtet hat. Ein grosses Pult, viel Papier, Stifte und ein Büchergestell mit den schönsten von ihm gefertigten Bühnenbild-Modellen.

Sobald Fredi Stettler das fertige Stück zu lesen bekomme, beginne es in seinem Kopf zu rattern. Bilder tauchen auf, Räume entstehen, Fassaden wachsen. Für die Produktion 2026, «So viu Läbe», steht da nun also eine Häuserfront mit Fenstern, einem Balkon und auch einem grossen Garten.

«Am Anfang ist da einfach das Thema des Stücks», sagt er. «Wenn Livia geschrieben und ich gelesen habe, überlege ich mir: Was braucht diese Handlung optisch wirklich?»

Seit 30 Jahren ein Team

Seine Ideen entwickelt er nicht am Bildschirm, sondern mit dem Stift in der Hand. Hinter ihm steht zwar ein Computer, doch der bleibt meist ausgeschaltet. «Den brauche ich für Mails und Listen», sagt er. Zuerst entstehen Handskizzen, dann ein Modell im Massstab.

Gehst du oft ins Theater?

«Ich zeichne alles von Hand», sagt Stettler. «Das hilft mir auch beim Denken.» Ist der Entwurf von Livia einmal gutgeheissen, läuft zwischen den beiden vieles fast wortlos. «Ab dann basiert alles auf blindem Vertrauen.» Kein Wunder: Sie sind ein langjährig eingespieltes Team.

Kennengelernt hatten sie sich vor rund 30 Jahren, an einem Anlass des ZSV, des Zentralschweizer Theaterverbandes. Kein Tag, der irgendwie Grosses versprochen hätte. Aber in der Pause trafen sich die zwei zufällig, und statt in den Saal zurückzukehren, seien sie draussen hängen geblieben.

«Wir liessen den Anlass komplett sausen», erinnert sich Fredi Stettler und lacht. «Wir sassen bei einem, dann zwei, drei … Bier und haben stundenlang über Theater, Gott und die Welt geredet.» Es habe sofort gepasst. «Wir fanden uns einfach interessant.»

Einige Jahre später sollten sie, zusammen mit Markus Maria Enggist, das Theater Gurten zum Leben erwecken.

Für das Bühnenbild 2026 hatte Fredi das gesamte Material bereits Ende Februar bestellt, damit es Mitte März oben auf dem Gurten bereit zur Montage war. Diese führte er zusammen mit einem weiteren Schreiner und zwei zusätzlichen Helfern ebenfalls selbst aus.

Stettler
Seine Ideen entwickelt Stettler nicht am Bildschirm, sondern mit dem Stift in der Hand. - Martin Camenzind

So konnten die Proben, die Anfang April begonnen hatten, vom ersten Tag an im originalen Bühnenbild stattfinden. Nicht alles Material aber kommt einfach aus Schreinerei und Baumarkt. Manches findet auch auf ungewöhnlichen Wegen zu ihm.

Die Fellläden etwa habe er nachts um drei Uhr auf Tutti gefunden. Gratis, zum Abholen. «Ich konnte nicht schlafen, weil ich über das Bühnenbild nachdachte», erzählt er und lacht. «Ich scrollte so auf dem Handy und dabei habe ich genau die Fellläden entdeckt, die ich brauche!»

Wie es dazu kam

Dass ihn das Theater fasziniert, war früh klar. «Auf der Bühne stehen, jemand anderes sein, sich verwandeln. Das habe ich schon immer geliebt», sagt Stettler.

Er wuchs in Wanzwil auf, spielte im Schultheater stets mit und später bei der Landjungend. Trotzdem lernte er zunächst einen handwerklichen Beruf und wurde Schreiner. Eine Entscheidung, die sich als Glücksfall herausstellen sollte.

«Oh, du bist Schreiner? Dann kannst du uns doch gleich auch noch das Bühnenbild machen!» Später zog es ihn weiter. «Ich sagte mir: Wenn ich schon in die Stadt gehe, dann in ein richtiges Theater.»

Dieses «richtige Theater» fand er unter anderem mit der Remise Bühni Jegenstorf, in welcher er über ein Casting landete. Und natürlich auch dort bald nicht mehr «nur» spielte, sondern zusätzlich die Bühnenbilder entwarf. Mit Beginn des Theaters Gurten hatte er diese Doppelrolle dann jeweils auch dort inne.

Fredi
Für das Bühnenbild 2026 hatte Fredi das gesamte Material bereits Ende Februar bestellt, damit es Mitte März oben auf dem Gurten bereit zur Montage war. - Martin Camenzind

Besonders in Erinnerung ist ihm noch der «Dällebach Kari». Nicht unbedingt wegen des Bühnenbildes, sondern viel mehr wegen seiner Rolle, stand er doch als strenger, ja fast boshafter Vater Geiser auf der Bühne. Offenbar spielte er diesen so glaubhaft, dass er beinahe allabendlich heftige Reaktionen zu spüren bekam.

«Ich wurde effektiv regelmässig ausgebuht», sagt er und lächelt verschmitzt. «Am Anfang tat es schon etwas weh. Aber eigentlich ist es ja ein Kompliment an das Schauspiel, wenn die Leute nicht mehr zwischen Realität und Fiktion unterscheiden können.»

Einzig vom Theater lebt Stettler dennoch nicht. Er arbeitet zu 70 Prozent beim Tiefbauamt des Kantons Bern, in der Abteilung Langsamverkehr. Dort ist er für die Planung, Beschilderung und Unterhalt der Velo-Freizeitrouten zuständig. Die erste Route führte 1991 von Bern nach Thun. Heute sind es insgesamt rund 1800 Kilometer.

«Die bin ich alle abgefahren», sagt er. Weil inzwischen auch die Bike-Routen weiter ausgebaut werden, ist ein Ende der Arbeit noch längst nicht in Sicht. «Das ist doch gut so», sagt er und lächelt zufrieden.

Bilder, die bleiben

Gibt es ein Bühnenbild, von dem er träumt, und das er gerne noch realisieren würde? Fredi Stettler muss nicht lange überlegen. «Einmal eines für ein Stadttheater bauen», sagt er mit glänzenden Augen. «So ein richtig Grosses, mit viel Tiefe und noch mehr Höhe. Eines, bei dem man auch finanziell mal mit grösserer Kelle anrichten könnte!»

Vorerst aber gehört seine Aufmerksamkeit voll und ganz der Theater Gurten-Produktion 2026. «Ich freue mich immer extrem auf die Vorstellungen», sagt er, obwohl er diesmal nicht selbst auf der Bühne steht. So sehr er auch das Theater liebe, der enge Takt von Proben und Aufführungen sei ihm manchmal zu streng, lasse ihm zu wenig Freiraum.

«Zwischendurch brauche ich etwas mehr Raum für Spontanes», sagt er. Dem Stück fern ist er trotzdem nie. Denn auch wenn er nicht spielt, ist er an den Vorführungen oft da. In seiner Kulisse. In seinen Bildern. Bis der letzte Satz gesprochen ist.

Serie: Hinter den Kulissen

Der BärnerBär begleitet das Theater Gurten bei seiner neusten Produktion «So viu Läbe» und nimmt seine Lesenden mit hinter die Kulissen der Freilichtaufführung: Wie entsteht ein solches Theaterstück, wie wird aus ganz unterschiedlichen Darstellenden ein Team? Wie wird geprobt und wie oft? Und ganz generell: Was braucht es überhaupt alles, bis so ein Stück aufführbereit ist?

Redaktorin Andrea Bauer darf als Laiendarstellerin mit dabei sein und berichtet in losen Abständen über das allmähliche Entstehen von «So viu Läbe», welches am Mittwoch, 24. Juni 2026, auf dem Gurten Premiere feiern wird.

Hier geht es zu Teil 1.

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