Theater

Theater Gurten: Wenn aus Lampenfieber Spielfreude wird

Andrea Bauer
Andrea Bauer

Köniz,

Der BärnerBär blickt in der Theater-Gurten-Serie hinter die Kulissen der neuen Produktion «So viu Läbe». Nun ist der grosse Abend gekommen: Die Premiere.

Während der Premiere zu «So viu Läbe»: Die Spielfreude erwacht!
Während der Premiere zu «So viu Läbe»: Die Spielfreude erwacht! - zVg

Die Premiere ist vorbei, die Magie bleibt: Aus Lampenfieber, Teamgeist und monatelanger Probenarbeit ist inzwischen jene Spielfreude entstanden, die einen ganzen Theatersommer lang anhalten wird.

Die letzten Stunden vor der Premiere

Heute nun also ist es so weit: Der Tag der Premiere ist gekommen. Es ist der 24. Juni, und seit über zwei Monaten haben wir fast täglich geprobt. Anfangs einzelne Szenen, dann mehrere Szenen nacheinander und schliesslich, seit knapp zwei Wochen, ganze Durchläufe.

Weil diese jeweils zur Normalspielzeit, also ab 20.30 Uhr, stattfanden, dauerten die letzten Probetage bis in die Nacht. Das Feedback von Regisseurin Livia Anne Richard folgte deshalb jeweils erst am nächsten Morgen und half uns, letzte Unsicherheiten, Betonungsnuancen und die präzise Gestik weiter zu verbessern.

Die Mails wurden von Tag zu Tag kürzer, ebenso wie die in Pink markierten Stellen im Skript, das uns Regieassistentin Léonie Rossi jeweils zukommen liess und das aufzeigte, wo noch nicht ganz präzis gesprochen worden war.

Vor der Premiere schenken alle einander etwas Kleines, das Glück bringen soll.
Vor der Premiere schenken alle einander etwas Kleines, das Glück bringen soll. - zVg

Nebst den Anmerkungen schrieb Livia aber immer auch, wie stolz sie auf uns sei und wie toll wir das machen würden. Es ist auch dieser wertschätzende, rücksichtsvolle Umgang mit- und untereinander, der mich in dieser ganzen Zeit tief beeindruckt hat.

Der Probeplan war streng, die Zeit intensiv, sie verlangte von jedem einzelnen viel Disziplin und Einsatz. Doch wir hatten ein gemeinsames Ziel und spürten, dass wir es nur erreichen können, wenn alle alles geben.

Umso mehr trug man Sorge zueinander. Und so fühlt sich auch eine sehr anstrengende Zeit am Ende sehr gut an.

Wenn plötzlich Publikum da ist

Mit der Hauptprobe geschah dann im gesamten Ensemble etwas Spannendes: Zum ersten Mal war Publikum anwesend. Noch keine volle Tribüne, aber immerhin etwa 50 Zuschauende, Schauspielkollegen und ehemalige Schauspielende vom Theater Gurten.

Die sogenannte «Vierte Wand», diese unsichtbare Grenze zwischen Bühne und Publikum, war zwar schon während der Proben immer mitgedacht worden: Keine Figur durfte sie durchbrechen, Der Bühnenraum blieb in sich geschlossen. Und doch war nun plötzlich etwas Neues spürbar.

Über diese unsichtbare Wand hinweg kam eine Resonanz zurück: Eine Aufmerksamkeit, ein Mitgehen, eine Energie aus dem Zuschauerraum. Endlich konnte ich mir etwas unter dem Begriff «Spielfreude» vorstellen.

theater gurten
Zwischen der ersten Lektüre des Stücks und seiner Premiere liegt ein gutes halbes Jahr. - zVg

Es knisterte kurz vor Beginn, eine spürbare Nervosität zog sich durch die Garderobe und wurde, je näher der Zeitpunkt der Aufführung rückte, durch angenehme Vorfreude ersetzt. Zum ersten Mal spürte man auf der Bühne die Anwesenheit eines Publikums.

Man bekam seine Reaktionen mit, merkte, wo gelacht wurde, nahm diese Energie wahr. Die Hauptprobe gelang, wenn auch noch nicht perfekt. «Zum Glück!», meinte Livia danach lachend, als sie uns nach der Vorstellung umarmte und uns gratulierte.

«Sonst hättet ihr euch auf die Premiere hin ja gar nicht mehr steigern können!» So hatten wir noch zwei weitere Gelegenheiten, uns mit zunehmend mehr Publikum an der Generalprobe und der Vorpremiere zu verbessern.

Noch immer, fanden wir selbst, war nicht alles perfekt. Einiges ging besser, dafür passte dies oder jenes nun nicht mehr. Umso freudiger blickten wir der Premiere entgegen.

Vom ersten Satz zur zweiten Welt

Zwischen der ersten Lektüre des Stücks und seiner Premiere liegt ein gutes halbes Jahr. Was in dieser Zeit entstanden ist, ist faszinierend. Zuerst waren es nur Worte. Dann kamen durch die einzelnen Schauspielenden allmählich die Figuren dazu.

Und schliesslich ergab sich aus dem Zusammenspiel von allen ein rundes Ganzes. «Ob ein Stück funktioniert, sieht man effektiv erst auf der Bühne», sagt Regisseurin Livia Anne Richard. Fast Satz für Satz wird geprobt, angepasst, geübt und doch wieder etwas anders betont.

Bis er stimmt, zur Figur passt, sich einfügt und genau das aussagt, was er soll. «Der Subtext ist entscheidend», sagt Livia und schmunzelt.

«Wie im richtigen Leben ja auch. Es geht immer darum, was ich mit dem Gesagten eigentlich sagen will. Das ist ja gar nicht immer das, was die Worte bedeuten. Sondern wie diese Worte gesagt werden, unterstützt durch Mimik und Gestik.»

Dennoch kann die Regie nicht jedes Augenrollen, jeden Seufzer und jedes Stirnrunzeln vorgeben. Das muss aus den Schauspielenden selbst kommen.

Und es entwickelt sich tatsächlich während der Proben. Während man beim ersten Üben noch stark mit sich selbst beschäftigt ist, auf das entscheidende Stichwort wartet und den eigenen Satz möglichst fehlerfrei sagen möchte, entsteht mit der Zeit ein immer grösseres Vertrauen zur eigenen Rolle.

Es ist kurz nach 20 Uhr hinter den Kulissen: bald ist es Zeit für die Premiere!
Es ist kurz nach 20 Uhr hinter den Kulissen: Bald ist es Zeit für die Premiere! - zVg

Man spürt, wie sie allmählich in einem selbst zu leben beginnt und wie sie fast selbständig auf die anderen Figuren reagiert. Sobald man ins Kostüm schlüpft, steigt man sinnbildlich hinein in die Figur und in die Welt auf der Bühne.

Während der vielen Durchläufe wird das Spiel immer natürlicher, ergibt sich fast von selbst. Plötzlich kann man ganz genau zuhören, erlebt mit, ist offen für die Gefühle und Nöte der anderen Figuren und realisiert, wie sehr man Teil dieser Geschichte wird. Wie sie jeden Abend zur zweiten Welt wird, in der man sich immer sicherer bewegt.

Nur gemeinsam beginnt es zu funkeln

Die Energie der anderen überträgt sich, reisst einen mit oder kann manchmal auch bremsen. Aber immer ist da dieses Wir-Gefühl, dieser unglaubliche Teamgeist, weil allen bewusst ist: Es geht nur miteinander.

«Es ist wie eine Perlenkette», umschreibt es Livia Anne Richard. «Jede einzelne trägt dazu bei, dass die Kette am Schluss ein Ganzes ist und funkelt und schimmert.»

Und genau so fühlt es sich an, Teil eines Ensembles zu sein. Natürlich gibt es Haupt- und Nebenrollen, aber man schätzt die Wichtigkeit eines jeden.

Man unterstützt einander, an Requisiten zu denken, hilft beim Ankleiden, achtet darauf, dass es dem anderen gut geht. Und fehlt jemandem auf der Bühne ein Wort, springt man selbstverständlich improvisierend ein.

Es ist wie in einer Familie: Da können auf der Bühne noch so die Fetzen fliegen, man hat sich trotz oder gerade wegen allem enorm gern. Die intensive Probezeit hat uns zusammengeschweisst.

Hast du schon mal das Theater Gurten besucht?

Aus unterschiedlichen Individuen ist eine Gemeinschaft geworden, deren Ziel es ist, das Publikum mit einer möglichst perfekten Darbietung zu unterhalten.

Toi toi toi hinter der Bühne

Noch knappe drei Stunden bis zum Premiere-Beginn. Fast alle Schauspielenden und das Backstage-Team sind schon da, und wie es die Theatertradition will, haben wir einander je ein kleines Gschänkli mitgebracht.

Etwas, das mit der eigenen Rolle oder jener der beschenkten Person zu tun hat. Oder einfach etwas mit Liebe Gemachtes oder Ausgesuchtes, versehen mit persönlichen Worten und einem herzlichen «toi toi toi».

Was für unglaublich kreative Ideen da zusammenkommen! Eine wunderschöne Geste, die so viel Freude macht, uns zum Schmunzeln und Lachen bringt. Nach dem Einwärmen und dem Soundcheck auf der Bühne umarmen wir uns alle und spucken uns symbolisch über die Schulter.

Auch das ist ein altes Theater-Glücksritual, um Pech, böse Geister oder Neid fernzuhalten. Jetzt sind wir bereit. Hinter der Kulisse hören wir, wie das Publikum lachend und schwatzend langsam auf seine Plätze strömt.

Und je höher die Geräuschkulisse draussen wird, desto höher geht nun auch mein Puls. Während die einen nochmals still für sich einige Szenen durchgehen, machen andere ein paar Sprechübungen oder sitzen etwas abseits, rauchen eine Zigarette und trinken noch einen Espresso.

Zigarette
Vor der Premiere sitzen einige etwas abseits, rauchen eine Zigarette und trinken noch einen Espresso. - zVg

Ich tigere ein bisschen rum und spüre dieses flaue Gefühl im Magen. Ähnlich wie damals in der Schule oder im Studium vor wichtigen Prüfungen.

Und dann ist es so weit: Licht an und Auftritt!

Der Moment, wenn alles aufgeht

Und tatsächlich gelingt die Aufführung. Die Geschichte entwickelt sich, wir bringen das Publikum zum Lachen, zum Klatschen, und je länger der Abend dauert, desto mehr kann ich ihn geniessen.

Eintauchen in diesen ersten Abend vor vollen Rängen, sich anspornen lassen von der positiven Energie des Premiere-Publikums. Nach dem langen Applaus, den Standing Ovations, füllt sich unser Garderobenzelt mit fröhlicher Erleichterung und einem unglaublichen Glücksgefühl.

Und ich realisiere immer mehr, was die Faszination am Theater ausmacht: Es ist nicht einfach einmal abgedreht und im Kasten.

Ensemble
Livia Anne Richard: «Ein Ensemble ist wie eine Perlenkette: Es braucht jede einzelne Perle für ein funkelndes Ganzes.» - zVg

Es gibt nun noch viele weitere Abende und mit ihnen immer wieder die Gelegenheit, noch etwas besser, noch etwas präziser zu werden, noch vielen weiteren Menschen einen unvergesslichen Sommerabend zu bieten und ihre direkten Emotionen zu spüren.

Manchmal bei Sonnenschein, manchmal bei Regen. Genau wie im richtigen Leben. Ich freue mich riesig auf all die kommenden Vorstellungen bis Ende August.

INFO

Serie: Hinter den Kulissen

Der BärnerBär begleitet das Theater Gurten bei seiner letzten Produktion «So viu Läbe» und nimmt seine Lesenden mit hinter die Kulissen des Freilichttheaters: Wie entsteht ein solches Theaterstück, wie wird aus ganz unterschiedlichen Darstellenden ein stimmiges Ensemble? Und ganz generell: was braucht es überhaupt alles, bis so ein Stück aufführbereit ist?

Redaktorin Andrea Bauer darf als Laiendarstellerin mit dabei sein und berichtet in losen Abständen über das allmähliche Entstehen von «So viu Läbe», welches noch bis am 29. August aufgeführt wird.

Hier geht es zu Teil 1, Teil 2, Teil 3 und Teil 4.

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