Theater Gurten: Viel mehr als nur «chli theäterle»
Der BärnerBär blickt in der Theater-Gurten-Serie hinter die Kulissen der neuen Produktion «So viu Läbe» und ist während der Proben mit dabei.

Was auf der Bühne leicht und locker wirkt, ist das Resultat aus dutzenden Proben, Präzision und viel Feinarbeit. Der BärnerBär blickt hinter die Kulissen und ist während der Proben auf dem Gurten mit dabei. Hier entsteht aus Text, Timing und Zwischentönen Schritt für Schritt das neue Stück.
«Oh wie schön, dann kannst du diesen Sommer chli theäterle!» So oder ähnlich reagieren viele, wenn ich erzähle, dass ich dieses Jahr beim Theater Gurten mit dabei bin. Doch bis ein Stück auf der Bühne steht, braucht es weit mehr als einfach ein bisschen Theater spielen.
Als ich im November den Probeplan erhielt, wurde mir rasch klar, wie viel Zeit und Herzblut eine solche Produktion abverlangt. An rund 80 Tagen wird in den Monaten April, Mai und Juni geprobt – je nach Rolle mit mehr oder weniger Einsätzen.
Bis zur Premiere braucht es unzählige Stunden, damit am Ende eine Inszenierung auf der Bühne steht, die dem Ruf des Theater Gurten gerecht wird.
Die Proben beginnen
Seit Anfang April nun laufen die Proben. Schritt für Schritt werden die einzelnen Szenen erarbeitet. Heute sind 1.8 bis 1.14 dran, ich lese meine Einsätze im Gurtenbähnli sitzend nochmals durch.

Nicht nur meinen Text sollte ich auswendig wissen, sondern auch die Stichworte der anderen Darstellenden, auf die ich reagieren muss. Seit gut eineinhalb Stunden sind die Schauspielenden der ersten Szene schon beim Proben, als ich durch die Absperrung zum Theatergelände schlüpfe.
Der Zeitplan ist exakt, soeben gibt es eine Pause. Nach einem herzlichen Empfang und ein paar Lockerungsübungen setzen wir uns zuerst etwas abseits der Bühne hin und lesen die nun zu probenden Szenen noch einmal gemeinsam durch.
Dann geht es hinauf auf die Bühne, die Fredi Stettler und sein Team mit viel Liebe aufgebaut haben. In den Grundzügen ist sie bereits fertig, es fehlen nur noch etwas Farbe, Möbel und Details. Zum Proben ist sie aber schon jetzt perfekt.
Wichtige Hilfestellung
Livia Anne Richard und Regieassistentin Léonie Rossi sind während der Proben unverzichtbar. Denn die Figuren müssen erst zum Leben erweckt werden.
Jede Schauspielerin und jeder Schauspieler muss in die eigene Rolle hineinwachsen und sie in all ihren Facetten verstehen: ihren biografischen Hintergrund, ihre Motivation, ihre Reaktionen.
Und vor allem: Wie die Figur etwas sagt. Denn genau das entscheidet oft über die gesamte Wirkung einer Szene.

Die Regisseurin, die das grosse Ganze der Geschichte im Blick hat, hilft mit ihren Inputs: «Komm runter mit der Stimme und mach einen Punkt. Du meinst das genauso», sagt Livia Anne Richard zu mir in meiner Rolle als Ingrid König.
«Also ich meine das echt, nicht ironisch, richtig?», vergewissere ich mich. «Ja genau. Du findest das wirklich gut und meinst es auch so.»
Wer wann genau wohin geht, steht oder sitzt ist auch nicht einfach von Anfang an klar. Auch das muss erarbeitet werden und manchmal werden verschiedene Möglichkeiten ausprobiert, bis schliesslich alles stimmig ist.
Schritt für Schritt
Satz für Satz arbeiten wir uns durch die Szenen. Faszinierend ist, wie anders eine Situation plötzlich wirkt, je nachdem, welche Betonung, Haltung oder Gestik eine Aussage begleitet. «Sag das viel energischer, Irene, du bist da so richtig genervt!»
Und tatsächlich wirkt der Einschub von Irene Müller, alias Paula, so nun viel glaubwürdiger und gibt der Passage einen ganz anderen Dreh. Immer wieder gibt’s auch viel zu lachen für uns alle, weil die Szenen so viel Komik beinhalten oder auch, weil jemand im Eifer des Gefechts die Worte verdreht.
Wie gerade vorhin, als Dänu Brüggemann sich als Remo dermassen in Rage redet, dass er anstelle von: «Wes mau Fleisch git, de isch es zäih wiene Schuehsohle!» ein: «Wes mau Fleisch git, de isch es zäih wiene CHUEsohle!» Richtung Köchin donnert!
Schwierige Sätze
Manchmal aber stolpert jemand so oft über dieselbe Formulierung, dass ein Satz kurzerhand umgeschrieben wird. Dass die Regisseurin gleichzeitig auch die Autorin ist, erweist sich hierbei als Vorteil. «Es gibt viele Autoren, die es gar nicht mögen, wenn man ihre Sätze abändert», sagt Livia mit einem Schmunzeln.
Ihr sei das egal, solange sich an der grundsätzlichen Aussage nichts ändere. Dennoch müssen wir präzise bleiben bei den Formulierungen. Dafür sorgt Regieassistentin Léonie, die uns ab und an unterbricht und auf das korrekte Wort pocht.
Denn es ist unerlässlich, dass Sätze auf dem exakten Stichwort enden – sonst wird es für die nachfolgende Rolle schwierig, im richtigen Moment einzusteigen. Nach einer guten Stunde gibt es jeweils eine Pause.
Ich habe regelmässig das Gefühl, hirnmässig gerade einen Marathon hinter mir zu haben. Die Kombination aus «Wo muss ich hinstehen?», «Achtung, jetzt kommt mein Einsatz!», «Was kommt als Nächstes?» und dabei insbesondere «Was ist der ‹Subtext›, was sage ich und was denke ich wirklich dabei?», verlangt höchste Konzentration.

Dass beim Theaterspielen tatsächlich beide Hirnhälften gefordert sind, spüre ich ziemlich deutlich!
Üben, üben, üben
Nach der Pause hängen wir die einzelnen Szenen aneinander. Livia unterbricht nur noch selten. Was anfangs noch lose wirkt, bekommt allmählich Form.
Es wird aber auch klar, warum es so viele Proben braucht: Bis eine Geschichte wirklich lebt und sich die Rollen natürlich ineinander verweben, heisst es vor allem eines: üben, üben, üben.
Ganz besonders dann, wenn es so lockerflockig aussieht, steckt enorm viel Präzision und exakte Abstimmung dahinter. Und genau das ist Livia Anne Richard wichtig:
«Am Schluss muss alles perfekt zusammenpassen. Es muss wirken, als würde sich die ganze Geschichte gerade jetzt organisch ergeben, sodass die Zuschauenden diese Momente haben, in denen sie vergessen, dass sie im Theater sitzen.»
Sei richtig wütend!
Mein Fazit bisher: grossartig, aber sehr anspruchsvoll. Es ist eine wunderbare Tätigkeit und fast ein bisschen wie das Leben in komprimierter Form. Ein Theaterstück lebt von den Zwischentönen. Vom Dazwischen und Darunter.
Von unterschwelligen Botschaften, von Ironie und der ganzen Bandbreite von Gefühlen und Stimmungen, genau wie das richtige Leben. «Viel wütender, Natacha! Stell dir vor, du wiederholst das nun schon seit Monaten, und trotzdem kommt er immer und immer wieder mit diesem Thema!», unterbricht Livia den Einschub von Rafaela, der Küchenchefin im Stück.
«Du darfst so richtig laut werden und aufgebracht sein!» Und dann schmettert Natacha Siegenthaler, alias Rafaela, ihren Satz mit einer solchen Wucht über die Bühne, dass wir spontan applaudieren.
Weil die Szene plötzlich so ganz anders wirkt und wir unmittelbar spüren, wie sehr sich in dieser Figur etwas angestaut hat. «Als Natacha würde ich mich wohl nicht getrauen, in dieser Situation so zu reagieren.
Aber als Rafaela fägt das sehr!» meint die Schauspielerin nach der Probe lachend. Als ich später im Gurtenbähnli zurück in die Stadt fahre, frage ich mich, in welcher meiner Lebensrollen ich hie und da etwas lauter sein könnte, oder wo vielleicht manchmal etwas leisere Töne angebracht wären.
Jedenfalls wird mir hier mal wieder bewusst, was allein Stimmlage und Gestik aus einem einzigen Satz machen können. Und die Erkenntnis: Was auf der Bühne leicht aussieht, ist bis ins Detail erarbeitet.
Also mit einfach «chli theäterle» haben die Proben fürs Theater Gurten ungefähr so viel zu tun, wie ein Sonntagsspaziergang mit einem Marathon.
Info zur Serie «Hinter den Kulissen»
Der BärnerBär begleitet das Theater Gurten bei seiner neusten Produktion «So viu Läbe» und nimmt seine Lesenden mit hinter die Kulissen des Freilichttheaters: Wie entsteht ein solches Theaterstück, wie wird aus ganz unterschiedlichen Darstellenden ein stimmiges Ensemble? Wie wird geprobt und wie oft? Und ganz generell: was braucht es überhaupt alles, bis so ein Stück aufführbereit ist?
Redaktorin Andrea Bauer darf als Laiendarstellerin mit dabei sein und berichtet in losen Abständen über das allmähliche Entstehen von «So viu Läbe», welches am Mittwoch, 24. Juni 2026, auf dem Gurten Premiere feiern wird.












