Theater

Theater Gurten: Wenn Kleider Rollen erzählen

Andrea Bauer
Andrea Bauer

Bern,

Der BärnerBär blickt in der Theater-Gurten-Serie hinter die Kulissen der neuen Produktion «So viu Läbe». Und sieht diesmal, wie die Kostüme entstehen.

Kostümbildnerin Katrin Schilt (l.) und Regisseurin Livia Anne Richard diskutieren die Kleider fürs Stück «So viu Läbe» des Theater Gurten.
Kostümbildnerin Katrin Schilt (l.) und Regisseurin Livia Anne Richard diskutieren die Kleider fürs Stück «So viu Läbe» des Theater Gurten. - Daniel Zaugg

Im Atelier von Katrin Schilt werden Figuren sichtbar. Für das Theater Gurten sucht die Kostümbildnerin nach Farben, Formen und Stoffen, die nicht nur passen, sondern erzählen. Ein Besuch zwischen Kleiderständern, Stoffmustern und den letzten Anpassungen vor der Premiere.

«Es passt einfach nicht zur Figur», sagt Regisseurin Livia Anne Richard zu Katrin Schilt. Die Kostümbildnerin hört zu, nickt und macht sich Notizen. Wir befinden uns in ihrem Atelier in der Berner Länggasse.

Überall hängen Kleider, an einer Büste ist eine Jacke drapiert, auf dem langen Tisch liegen Stoffmuster, Notizen, Nähutensilien und die Kleider der ersten Anprobe für das Theater Gurten.

Hier, zwischen Nähmaschine und Stecknadeln wird geprüft, ob ein Kleidungsstück zu einer Figur passt. Ob eine Farbe trägt. Ob ein Mensch auf der Bühne darin sichtbar wird oder verschwindet.

Ein Blau für Eveline

«Ich denke, es braucht kräftigere Farben für Eveline. Was meinst du zu diesem Blau?» Katrin Schilt hält die Hose prüfend hoch. «Mit einem etwas farbigeren Oberteil?», fragt Livia Anne Richard.

Nach der Lektüre des Drehbuchs macht sich Katrin Schilt Notizen mit Stift und Stoff.
Nach der Lektüre des Drehbuchs macht sich Katrin Schilt Notizen mit Stift und Stoff. - Daniel Zaugg

«Ja, das könnte gut kommen.» Auch beim ehemaligen Gründer des Generationenhauses «Inseli» wird nochmals diskutiert. «Das Schwarz ist zu pathetisch, das löst den falschen Groove aus.»

Solche Gespräche zwischen Kostümbildnerin und Regisseurin sind wichtig und nötig, denn Figuren verändern sich während der Proben. Eine Rolle wird anders gespielt als gedacht, eine Szene verschiebt sich, eine Haltung wird klarer.

Und manchmal zeigt sich erst beim Tragen, ob ein Kostüm funktioniert. Kann man sich bewegen? Unterstützt es die Figur oder steht es ihr gar im Weg? Sagt es etwas zu deutlich, das gar nicht betont werden sollte?

Gegenwart aus dem Fundus

Das Stück «So viu Läbe» spielt in der Gegenwart. Die Kleider müssen deshalb aktuell wirken. Für diese Produktion näht Katrin Schilt somit nichts neu, sondern wählt aus verschiedenen Fundus aus: aus dem des Stadttheaters, des Theaters Matte und aus ihrem eigenen Bestand.

Nachdem sie jeweils das Drehbuch gelesen hat, macht sie sich Notizen, skizziert Kleider und klebt schon mal Stoffmuster daneben. «So sehe ich auch gleich, ob die Farben zusammen harmonieren, sich ergänzen oder konkurrenzieren.»

Ohne Handarbeit geht es aber auch diesmal nicht. Hier muss etwas ausgelassen, dort etwas eingenäht, da ein Saum angepasst werden. Noch ist Zeit dazu.

Aber spätestens am 16. Juni sollte alles fertig sein. Dann müssen die Kostüme einsatzbereit sein. Katrin Schilt lässt sich davon nicht aus der Ruhe bringen.

Gehst du oft ins Theater?

Sie weiss längst, wie der Hase läuft. Denn seit Beginn des Theaters Gurten ist sie für die Kostüme verantwortlich. Für Produktionen wie «Einstein» oder «Dällenbach Kari» nähte sie einst rund 65 Kostüme.

«Dabei liess ich mich von historischen Bildern inspirieren, passte die Kleider aber natürlich an die jeweilige Figur und an das Stück an.»

Freilichttheater hat eigene Gesetze

Katrin Schilt weiss genau, was ein Kostüm für ein Freilichttheater leisten muss. «Die Kleider müssen weit genug sein, damit man darunter Wärmeunterwäsche anziehen kann», sagt sie.

Auch im Sommer kann es am Abend empfindlich kalt sein. Gleichzeitig müssten die Kostüme dem Wetter standhalten. «Der Stoff muss schnell wieder trocknen. Deshalb sind Kunstfasern hier oft besser geeignet.»

Ein Theaterkostüm darf zudem nicht verrutschen oder stören. Und: «Die Schauspielenden sollten sich darin wohlfühlen», weiss Schilt aus Erfahrung. «Denn ein Kostüm ist mehr als Kleidung. Es ist der Einstieg in die Rolle.»

Vom Büro zur Bühne

Über zehn Jahre arbeitete Katrin Schilt in der Schneiderei des Berner Stadttheaters. Schneiderin wurde sie erst auf dem zweiten Bildungsweg. Zunächst machte sie eine KV-Ausbildung und arbeitete viele Jahre im Büro.

Kurz vor ihrem 40. Geburtstag spürte sie: Da muss noch etwas anderes kommen. Sie nahm sich eine Auszeit und erinnerte sich, wie sehr sie Stoffe liebte. «Meine Mutter war Hutmacherin und bei uns zu Hause wurde schon immer viel genäht.»

Auch Katrin entdeckte ihre Liebe zu Faden und Nadel früh. Und da war immer auch diese Faszination für Filmkostüme, für Figuren, die durch Kleidung Präsenz erhalten. Nach der Ausbildung zur Schneiderin führte sie zunächst ein eigenes Atelier in der Berner Kramgasse.

Bis eine Freundin vom Berner Stadttheater, die dort aufhörte, sie fragte, ob sie nicht ihre Nachfolgerin werden wolle. Katrin wollte. «Das Theater ist enorm vielseitig», sagt sie und lächelt.

Kostümbildnerin
Für diese Produktion näht die Kostümbildnerin nichts neu, sondern wählt aus verschiedenen Fundus aus: aus dem des Stadttheaters, des Theaters Matte und aus ihrem eigenen Bestand. - Daniel Zaugg

«Von der Krinoline bis zum modernen Kleid, vom historischen Kostüm bis zum Alltagslook haben wir alles genäht.» Deshalb blieb sie dem Theater treu. Und begann nebenbei, auch für Freilichttheater zu arbeiten.

Wenn alle einander helfen

«Freilichttheater haben ihren ganz eigenen Geist. Oft wird mit Laien gearbeitet, die Abläufe sind anders als in einem Stadttheaterbetrieb», erklärt sie ihre Faszination. Es gibt keine Ankleiderinnen, die im Hintergrund jeden Knopf schliessen und jeden schnellen Wechsel begleiten.

Stattdessen helfen alle einander. Katrin Schilt mag diesen Zusammenhalt. Das Wissen: Es geht nur miteinander. Gleichzeitig verlangt genau das von den Kostümen viel.

Sie müssen unkompliziert sein. Wenn es schnelle Wechsel gibt, braucht es einfache Verschlüsse: Klett, Magnetknöpfe, Haken. Alles muss praktisch sein, aber nicht auffallen.

«Wenn jemandem auf der Bühne ein Kleidungsstück vom Leib gerissen wird, muss das echt aussehen, ohne dass es das Kostüm zerstört», erzählt die Schneiderin.

Kleidung als Erzählung

Beim Fototermin wird Katrin Schilt ihre Kostüme zum ersten Mal auf der Bühne sehen: im Licht, in Bewegung. «Das ist immer ein grosser Moment», sagt sie. Einer, auf den sie sich jedes Mal freut. Dass es diesmal der letzte solche auf dem Gurten sein soll, erfüllt sie mit Wehmut.

Kostümbildnerin
Für das Theater Gurten sucht die Kostümbildnerin nach Farben, Formen und Stoffen, die nicht nur passen, sondern erzählen. - Daniel Zaugg

«Gleichzeitig bin ich unendlich dankbar für all die wunderbaren Erinnerungen aus den vergangenen Jahren.» Dann nimmt sie in ihrem Atelier wieder ein Kleid von der Stange, prüft den Stoff, misst ab und hält die Farbe ins Licht.

Vielleicht ist es genau dieses Blau für Eveline. Vielleicht noch nicht. Aber schon bald wird es perfekt passen. Zur Figur, zur Bühne, zum Stück.

INFO

Serie: Hinter den Kulissen

Der BärnerBär begleitet das Theater Gurten bei seiner letzten Produktion «So viu Läbe» und nimmt seine Lesenden mit hinter die Kulissen des Freilichttheaters: Wie entsteht ein solches Theaterstück, wie wird aus ganz unterschiedlichen Darstellenden ein stimmiges Ensemble? Wie wird geprobt und wie oft? Und ganz generell: was braucht es überhaupt alles, bis so ein Stück aufführbereit ist?

Redaktorin Andrea Bauer darf als Laiendarstellerin mit dabei sein und berichtet in losen Abständen über das allmähliche Entstehen von «So viu Läbe», welches am Mittwoch, 24. Juni 2026, auf dem Gurten Premiere feiern wird.


Hier geht es zu Teil 1, Teil 2 und Teil 3.

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