Theater Gurten: Der «Bergpreis» ist erreicht
Der BärnerBär blickt in der Theater-Gurten-Serie hinter die Kulissen der neuen Produktion «So viu Läbe». Nun ist die Hälfte der Aufführungen geschafft.

Erstaunlich, wie schnell es nun doch gegangen ist: Mit der letzten Mittwochvorstellung im Juli haben wir im Theater Gurten den sogenannten «Bergpreis» erreicht. So bezeichnen wir den Moment, in dem genau die Hälfte aller geplanten Vorstellungen gespielt ist.
17 Aufführungen liegen noch vor uns. Seit der Premiere am 24. Juni – unterbrochen lediglich durch das Gurtenfestival – spielen wir jeweils von Mittwoch bis Samstag. Und der Sommer 2026 zeigt sich bisher als perfekter Freilichttheater-Kumpel.
Erst bei drei Vorstellungen fiel überhaupt etwas Regen: einmal ganz am Schluss, zweimal kurz während des Stücks. Nie jedoch regnete es einen ganzen Abend lang, und auch von Gewittern, die eine Absage nötig gemacht hätten, sind wir bisher verschont geblieben.
So konnten wir eines der Schlechtwetter-Ersatzdaten kurzerhand in eine Zusatzvorstellung umwandeln. Diese war innerhalb einer Woche bis auf wenige Plätze ausverkauft.
Die Kraft des Publikums
Eine weitere grossartige Tatsache: Wir durften bisher fast jeden Abend vor ausverkauften Rängen spielen. Das ist keineswegs selbstverständlich und jedes Mal Anlass zu grosser Freude, wenn wir vom Ticketing die Meldung bekommen, dass die Tribüne erneut bis zum letzten Platz voll sein wird.

Denn auf der Bühne spürt man das Publikum, auch wenn man die einzelnen Menschen der Scheinwerfer wegen nicht erkennen kann. Ihre Präsenz, ihr Lachen, ihre Energie und das tiefe Schweigen im exakt richtigen Moment aber beflügeln und motivieren extrem.
Auch die vielen Reaktionen, die uns nach den jeweiligen Aufführungen erreichen, sind für uns wie Traubenzucker: gehen direkt ins Blut und lassen unser Herz höherschlagen! Für alle der schönste Lohn, wenn unser Spiel die Zuschauenden erfreut, berührt und beglückt.
Wenn die Zweifel kommen
Dennoch gibt es Tage, an welchen im Ensemble eine gewisse Erschöpfung zu spüren ist. Man ist etwas müde, dünnhäutiger, wird plötzlich unsicher, hat Angst vor dem Versagen und möchte an diesem Tag am liebsten gar nicht auf die Bühne. Interessanterweise trifft das fast jeden einmal, egal, wie viel Bühnenerfahrung er hat.
«Das ist völlig normal», weiss Regisseurin Livia Anne Richard auch aus eigener Erfahrung als Schauspielerin. Gerade deshalb legt sie grossen Wert darauf, uns nach jeder Vorstellung Rückmeldung zu geben.
«Auch wenn ich manchmal spüre, dass ihr das jetzt nicht auch noch hören wollt!», sagt sie lachend. Tatsächlich weiss jeder ja meist selbst, wo er an diesem Abend seine Sache nicht ganz so gut gemacht hat.

«Aber es ist wichtig, dass ihr präzise bleibt, beim Text genauso wie auch beim Timing. Es schleichen sich immer wieder kleine Ungenauigkeiten ein. Wenn man sie nicht sofort korrigiert, verändert sich das Stück allmählich.»
Professionalität zeige sich eben genau darin, nach jeder Vorstellung ehrlich hinzuschauen und konsequent an der Qualität festzuhalten.
Getragen vom Ensemble
Sobald wir jedoch die Bühne betreten, passiert jeden Abend etwas Faszinierendes. Die Müdigkeit ist wie weggeblasen, die Nervosität rückt mit den ersten Sätzen in den Hintergrund.
Die Energie kommt nicht nur aus dem Publikum, sondern auch vom Ensemble. Man trägt sich gegenseitig, vertraut einander und weiss, dass im entscheidenden Moment alle füreinander da sind. Denn es gibt diese Blackout-Momente.
Plötzlich will die Formulierung einfach nicht mehr über die Lippen kommen. Doch nach so vielen Proben und Vorstellungen wissen alle auf der Bühne sofort, was als Nächstes folgen müsste.
Jemand springt ein, hilft weiter, ohne dass das Publikum davon überhaupt etwas mitbekommt. Genau das zeichnet ein gutes Ensemble aus: dieser Zusammenhalt und das gemeinsame Ziel, alles zu geben, damit die Vorstellung gelingt.

Ebenso spüren wir sofort, wenn einer Szene einmal etwas Schwung fehlt und können so schon in der nächsten darauf reagieren.
Jeder Abend ist einzigartig
Das für mich Überraschendste ist jedoch: Keine Vorstellung gleicht der anderen. Jede ist einzigartig – und das ist wohl auch die grosse Faszination am Theaterspielen. An jedem Vorstellungsabend tauchen wir wieder aufs Neue in diese Geschichte ein und erleben sie, wie das Publikum auch, quasi zum ersten Mal.
Dadurch, dass man sie zwar bis ins Detail kennt, entsteht auch wieder Raum für eine noch etwas authentischere Darstellung, eine noch etwas passendere Mimik oder Körperhaltung und zusammen mit den Reaktionen aus dem Publikum ist jeder Abend auch für uns immer wieder ein neues Erlebnis.
INFO
Serie: Hinter den Kulissen
Der BärnerBär begleitet das Theater Gurten bei seiner letzten Produktion «So viu Läbe» und nimmt seine Lesenden mit hinter die Kulissen des Freilichttheaters:
Wie entsteht ein solches Theaterstück, wie wird aus ganz unterschiedlichen Darstellenden ein stimmiges Ensemble? Und ganz generell: was braucht es überhaupt alles, bis so ein Stück aufführbereit ist?
Redaktorin Andrea Bauer darf als Laiendarstellerin mit dabei sein und berichtet in losen Abständen über das Entstehen und Aufführen von «So viu Läbe», welches noch bis am 29. August gespielt wird.
Das hätte ich mir effektiv nie vorstellen können. Ich fürchtete zu Beginn tatsächlich ein wenig, dass uns dieses Stück dann mit der Zeit verleiden würde – nach so vielen Proben und Aufführungen.
Doch spannenderweise ist genau das Gegenteil der Fall: das Stück hat nichts von seiner Faszination verloren. Wir sind effektiv auf dem Berg angekommen, geniessen die Aussicht und freuen uns enorm, dass es noch lange nicht vorbei ist.
Jetzt verstehe ich auch, warum dieser Moment im Theater Gurten so treffend «Bergpreis» heisst.












