«Heidenangst»: Darum ruderte Donald Trump bei Grönland zurück

Sina Barnert
Sina Barnert

Prättigau,

Am Mittwoch liess sich Donald Trump wegen Nato-Generalsekretär Mark Rutte zu einem Meinungsumschwung bewegen. Ist ihm die Nato wichtiger, als er zugibt?

Donald Trump
Unterhielten sich am Mittwoch am WEF: Nato-Generalsekretär Mark Rutte (links) und US-Präsident Donald Trump. - keystone

Das Wichtigste in Kürze

  • Am Mittwoch legte Donald Trump am WEF einen veritablen Meinungsumschwung hin.
  • Erst wollte er Grönland annektieren, später ruderte er nach einem Gespräch zurück.
  • Dies habe mehrere Gründe, erklären gegenüber Nau.ch Expertinnen und Experten.

Am heutigen Freitag geht in Davos das diesjährige WEF zu Ende.

Überschattet wurde das Wirtschaftsforum durch Spannungen zwischen Europa und den USA. Denn: Donald Trump hegt Annexionsgelüste für die zu Dänemark gehörende Insel Grönland.

Rund um das WEF liess der US-Präsident deshalb die Muskeln spielen. Erst drohte er EU-Staaten, die sich für Grönland einsetzten, mit Extra-Zöllen.

Donald Trump provozierte vor dem WEF online

Dann postete er auf seinem Online-Sprachrohr «Truth Social» krude Fotomontagen. Auf diesen zu sehen: Grönland, welches zum US-Territorium gehört.

In einem Bild sitzen die europäischen Staatschefs mit Donald Trump im Oval Office. Neben ihnen zu sehen ist eine Karte der gesamten USA. Zu deren Territorium gehören auf der Grafik auch Grönland, Venezuela und Kanada.

Auf einer zweiten Fotomontage ist derweil der US-Präsident zu sehen. Er steckt eine Flagge in grönländischen Boden. Dazu steht: «Grönland: US-Territorium seit 2026.»

«Grönland ist ein unterentwickeltes Land»

Und auch am WEF selbst hielt sich Donald Trump nicht zurück. Bei seiner Rede teilte er aus – gegen die US-Vorgängerregierung unter Joe Biden, Europa, und die Schweiz. Aber auch gegen Grönland und die Nato.

Sollten die USA Grönland übernehmen?

Er erklärte: «Ich habe grossen Respekt für die Menschen in Grönland und Dänemark.» Doch Grönland sei nicht fähig, für seine eigene Sicherheit zu sorgen.

«Grönland ist ein unterentwickeltes Gebiet», so der US-Präsident. Es sei eine grosse und strategisch elementar wichtige Insel, die aber nicht gesichert sei. Deshalb sei es heute wichtiger denn je, dass Grönland zu den USA gehöre.

Rutte ist «der Held von Davos»

Doch kurz darauf zeigte sich Donald Trump nach einem Treffen mit Nato-Generalsekretär Mark Rutte beinahe handzahm.

Denn der US-Präsident nahm seine Grönland-Zölle zurück. Und erklärte, nun sei ein «Rahmen für ein zukünftiges Abkommen in Bezug auf Grönland» geschaffen worden.

Rutte wurde daraufhin als grosser Trump-Flüsterer und «Held von Davos» gefeiert.

Doch es stellt sich die Frage: Warum legte der US-Präsident eine solche Kehrtwende hin? Wie passt dies zusammen, wenn Trump sonst keine Gelegenheit auslässt, gegen die Nato zu schiessen?

Das «Wettern» Trumps ist durchaus rational

Politikwissenschaftler Thomas Malang von der Universität Zürich erklärt gegenüber Nau.ch: «Das passt sogar sehr gut zusammen.»

Denn ein internationales Sicherheitsbündnis mache immer zwei Sachen. «Nämlich Abschreckung nach aussen und Kooperation nach innen.»

Donald Trump
Erst polterte er unnachgiebig, dann gab er sich kompromissbereit: US-Präsident Donald Trump am WEF. - keystone

Zu dieser Kooperation gehöre auch die Frage: «Wer ist für was verantwortlich? Und wer bezahlt?». Hier könne «das Wettern» Trumps durchaus rational sein.

Schliesslich hätte dies dazu geführt, dass die anderen Nato-Staaten ihre Verteidigungsausgaben drastisch erhöht hätten, so Malang. Doch: «Das Problem ist, dass dieser Unmut Trumps dann zu einer Schwäche in der Abschreckungsfunktion nach aussen führt.»

Die Nato ist ein «zentraler Eckpfeiler der amerikanischen Sicherheitspolitik»

Und auch US-Experte Reinhard Heinisch erklärt: «Die Nato ist für die USA keineswegs unwichtig.»

Dies, auch wenn Trumps ehemaliger Sicherheitsberater John Bolton in seinen Memoiren schreibe, Trump habe zeitweise erwogen, auszutreten.

Steht die Nato vor dem Ende?

Denn: «Viele Republikaner – insbesondere im Senat – betrachten die Nato nach wie vor als zentralen Eckpfeiler der amerikanischen Sicherheitspolitik.»

Die Nato sei für Trump auch nicht ein primäres und zu schwächendes Ziel, mutmasst Heinisch. «Vielmehr dürfte es ihm darum gehen, für die USA bessere Bedingungen auszuhandeln und mehr Vorteile für amerikanische Interessen herauszuholen.»

Donald Trump hat eine «Gier nach Anerkennung und Wertschätzung»

Das sieht auch US-Expertin Claudia Franziska Brühwiler so: «Trump ist kein Gegner der Nato. Er will in erster Linie nicht, dass die USA diese allein tragen.»

Das habe Nato-Generalsekretär Mark Rutte bereits vor einem Jahr erkannt. Damals habe sich Donald Trump zur Nato bekannt, trotz seines Disputs mit Wolodymyr Selenskyj.

Brühwiler folgert daraus: «Möglicherweise hat Rutte schlicht verstanden, dass er auf die Trumpsche Rhetorik nicht mit Angst reagieren darf. Sondern dass man sie als Verhandlungseröffnung ansehen muss.»

Rutte habe zudem erkannt, dass Donald Trump eine grosse «Gier nach Anerkennung und Wertschätzung» habe.

«Persönliche Drähte zu Trump helfen»

Dem pflichtet Nato-Experte Karl-Heinz Kamp bei. «Rutte hat ein gutes Verhältnis zu Trump aufgebaut.» Dies sei zu Beginn der Trump-Präsidentschaft sichtbar geworden.

«Rutte wurde oft kritisiert, er habe sich zu sehr angebiedert», so Kamp weiter. «Allerdings ist er klug genug, zu wissen, dass es um den Bestand der Nato geht.»

Donald Trump
Eine geleakte Nachricht von Nato-Generalsekretär Mark Rutte an Donald Trump. - Truth Social / @realDonaldTrump

Denn: «Persönliche Drähte zu Trump helfen.» Doch sie seien auch instabil. So habe Trump auch zu Emmanuel Macron und Keir Starmer gute Beziehungen gepflegt. Diese seien jedoch rasch zerbrochen.

Darum ruderte Trump wirklich zurück

Letztlich sei wohl aber etwas anderes für den Meinungsumschwung von Donald Trump verantwortlich, mutmasst Kamp. Es sei wohl eher so, dass sich der US-Präsident in die Enge manövriert habe.

«Erstmalig wurde er von wichtigen republikanischen Senatoren heftig kritisiert.» Die Öffentlichkeit sei gegen Trumps Grönland-Pläne gewesen – wie auch das Militär.

Kamp führt aus: «Trump hat also nicht seine Liebe für die Nato entdeckt, die die USA nach seinen Worten immer betrogen habe.»

Der US-Präsident habe schlicht und einfach eine «Heidenangst» vor den US-Zwischenwahlen im November. «Darum versucht er weitere, in den USA unpopuläre Themen zu vermeiden.»

Am Ende sei es nämlich so, schlussfolgert Kamp: «Für Donald Trump zählt weder die Nato, noch Rutte, noch sonst wer – nur er selbst.»

Kommentare

User #3879 (nicht angemeldet)

Medicine-1 ist in Wahrheit Dr. Jekyll und als BB Blödi ist er Mr. Hyde.

User #3051 (nicht angemeldet)

Gut agiert und gemacht, Mark Rütte

Weiterlesen

keller sutter
1’363 Interaktionen
«Bitte nicht»
Trump Rutte WEF
347 Interaktionen
Nach Zoll-Deal
WEF
114 Interaktionen
«Spektakel»
Kommunikation
22 Interaktionen
Smartphone im Winter

MEHR DONALD TRUMP

32 Interaktionen
Zürich/Davos GR
Donald Trump
160 Interaktionen
Wie bitte?
Donald Trump
53 Interaktionen
Trump will Grönland
Donald Trump WEF
428 Interaktionen
Landung, Rede & Co.

MEHR AUS GRAUBüNDEN

EHC Arosa
Eishockey
besson
708 Interaktionen
So frech!
Klosters