Ist das WEF dieses Jahr so politisch wie noch nie?
Am diesjährigen WEF wird in Davos auffallend oft über Politik gesprochen. Die Wirtschaft verkommt am Weltwirtschaftsforum beinahe zum Randthema.

Das Wichtigste in Kürze
- Das politische Klima ist am diesjährigen WEF in Davos aufgeheizt.
- Wirtschaftliche Themen verkommen am Wirtschaftsforum beinahe zur Randnotiz.
- Drei Experten ordnen die Situation gegenüber Nau.ch ein.
Am gestrigen Dienstag startete in Davos das alljährliche Weltwirtschaftsforum (WEF).
Wie in den vergangenen Jahren gibt sich dazu die Elite aus Politik und Wirtschaft die Ehre. Nur: Heuer scheint das WEF politisch deutlich aufgeladener zu sein als in den vergangenen Jahren.
So wurde der iranische Aussenminister erst kurz vor dem Forum wieder ausgeladen. Internationale Kritik an seiner Präsenz in Davos wurde laut. Das Regime geht aktuell gewaltsam gegen landesweite Anti-Regierungs-Proteste vor – das WEF ruderte zurück.
Zudem sagte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj kurz vor Start des Forums ab. Und knüpfte sein Kommen an politische Bedingungen.
Ebenfalls fern bleibt dieses Jahr die Delegation aus Dänemark. Grund: Die Spannungen rund um das dänische Territorium Grönland.
Politische Reden bergen viel Zündstoff
Auch die bisher von Staatschefs gehaltenen Reden enthielten politisch ordentlich Zunder.
So kündigte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen an, dass Europa autonomer werden wolle. Und schloss mit «Lang lebe Europa!».
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Und auch Frankreichs Präsident Emmanuel Macron (wegen Augenentzündung mit Sonnenbrille) nutzte die Weltbühne, um Europas Stärken anzupreisen. Denn dort würden «Rechtsstaatlichkeit und Zuverlässigkeit» herrschen.
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Später verteilte er zudem Spitzen gegen die USA, mit denen Europa aktuell im Clinch liegt. Und sagte: «Rechtsstaatlichkeit ist wichtiger als Brutalität.»
Ist das Weltwirtschaftsforum in seiner diesjährigen Ausgabe zum Thema «Ein Geist des Dialogs» politischer als je zuvor?
Das WEF hat sich zur «politischen Schaubühne» entwickelt
Nicht unbedingt, erklärt Politikwissenschaftler Gilbert Casasus von der Universität Freiburg gegenüber Nau.ch. Denn: «Das Davoser WEF war immer politisch.»
Er fügt an: «Zahlreiche Staatsoberhäupter haben dort das Wort ergriffen. Selbst Lula da Silva, Nelson Mandela und gar Yasser Arafat gehörten dazu. Und Chinesen sowie Russen wurden durch hochkarätige Delegationen in Davos vertreten.»
Das Wirtschaftsforum habe sich nach und nach zu einer «politischen Schaubühne» entwickelt. Diese sei jedoch nicht «werteneutral», erklärt Casasus. Sie gelte als «politisches Schaufenster des liberalen und kapitalistischen Denkmusters».
Dieses Jahr ist laut dem Experten aber aus einem bestimmten Grund besonders. «Ausgerechnet der exponierteste Wortführer dieser Schule, Donald Trump, steht berechtigterweise im Kreuzfeuer der Kritik.»
«Das WEF erlebt eine Renaissance»
Dass das WEF schon immer politisch gewesen ist, bekräftigt US-Expertin Claudia Franziska Brühwiler. «Wirtschaft und Politik sind nicht trennbar, weswegen Staats- und Regierungschefs regelmässig den Anlass frequentieren.»

Sie erklärt: «Das WEF erlebt eine Renaissance.» Dies hänge auch mit der geopolitisch instabilen Lage zusammen.
«Wir befinden uns in einer Übergangsphase, in der sich das internationale System neu ordnen muss. Die entsprechenden Spannungen befeuern auch das Klima am WEF.»
Dass das WEF heuer politischer ist, ist eine «europäische Sichtweise»
Politikwissenschaftler Thomas Malang von der Universität Zürich meint zudem: «Die politische Dimension der Weltwirtschaft ist durch Präsident Trump wieder präsenter.»
Deshalb könne man durchaus sagen, dass es politischer wirke. Aber: «Es ist eine europäische Sichtweise, dass das WEF dieses Jahr stärker politisch gefärbt ist.»

Denn, so Malang: «Trumps Grönland-Szenarien treffen Europa ins Mark und führen zu einer starken Verzerrung unserer Wahrnehmung. Ob Indien, Saudi-Arabien oder China das WEF dieses Jahr als politisierter betrachten als bisher, halte ich für fragwürdig.»
«Die Reden sind Spektakel»
Claudia Franziska Brühwiler warnt zudem, die am WEF gehaltenen Reden für bare Münze zu nehmen.
Denn die wichtigen Gespräche würden abseits der Öffentlichkeit geführt. «Die Reden an sich sind Positionsbezüge und Spektakel», erklärt sie.
«Es sind Signale an Wählerschaft und Medien und sie dienen nicht dazu, eine Verhandlung voranzubringen.» Es seien die Gespräche ohne Kameras und Mikrofone, die «ernsthafte Verhandlungen» anstossen würden.
«Profilierte Leute aus aller Welt nützen dieses Forum als Theaterbühne»
«Doch diese Verhandlungen sind aktuell in Sachen Grönland nicht möglich.»
Der Grund dafür: «Mit Dänemark ist eine für dieses Thema wichtige Regierung nicht vertreten.» Und über deren Kopf könne man nichts entscheiden, erklärt Brühwiler.
Dem pflichtet Gilbert Casasus bei: «Profilierte Leute aus aller Welt nützen dieses Forum als Theaterbühne aus, nicht als Denkfabrik. Deswegen gibt Davos zu denken!»


















