Bildung: Unterschiede zum Schweizer Bildungssystem in Nachbarländern
Das Schweizer Bildungssystem funktioniert anders als das der Nachbarländer. Ein Vergleich zeigt, wo sich die Wege früh trennen.

Das Wichtigste in Kürze
- Kaum ein Land in Europa organisiert seine Schulen so kleinräumig wie die Schweiz.
- Der Vergleich mit Deutschland, Österreich, Frankreich und Italien überrascht.
- Die Schweiz gibt viel für ihre Lernenden aus.
Schon ein kleiner Umzug, zum Beispiel von Basel nach Lörrach kann dazu führen, dass man merkt, dass das Schulsystem plötzlich anders ist.
Die Schweiz grenzt an fünf Staaten und pflegt trotzdem ein Bildungsmodell, das in dieser Kombination in Europa vergleichsweise ungewöhnlich ist.
Die Unterschiede beginnen bei der Frage, wer für die Bildung zuständig ist, und reichen bis zum Zugang zur Universität.
Die Schulsysteme in der Schweiz
Für das Schulwesen sind in erster Linie die Kantone verantwortlich und nicht der Bund. Lehrpläne, Schulstrukturen, Einschulungsalter und die Löhne der Lehrpersonen werden deshalb kantonal festgelegt und teilweise sogar kommunal ausgestaltet.
Zwei Kindergartenjahre sind nicht überall Pflicht. In 18 Kantonen müssen alle Kinder beide Jahre besuchen, in sieben Kantonen mindestens eines.

Wer mit schulpflichtigen Kindern dann beispielsweise von Genf nach Zug zieht, spürt die verbleibenden Unterschiede deshalb nach wie vor deutlich.
Frankreich und Italien sind wesentlich zentralistischer organisiert, weil dort der Staat bei Lehrplänen und Bildungsabschlüssen eine stärkere Rolle spielt. Ein Umzug, beispielsweise von Lyon nach Marseille, verändert die schulischen Rahmenbedingungen deshalb deutlich weniger als ein Kantonswechsel in der Schweiz.
Deutschland hat mit seinen 16 Bundesländern ebenfalls verschiedene Bildungssysteme. Die Unterschiede sind jedoch kleiner als in der Schweiz. In Österreich werden die Lehrpläne grösstenteils landesweit festgelegt. Die Bundesländer kümmern sich vor allem um Organisation und Verwaltung.
Bildung: Die Lehre ist der Normalfall und nicht die Ausnahme
Nach der obligatorischen Schule zeigt sich ein weiterer grosser Unterschied. Rund zwei Drittel der Jugendlichen in der Schweiz machen eine berufliche Grundbildung. Dabei arbeiten sie mehrere Tage pro Woche in einem Lehrbetrieb und besuchen zusätzlich die Berufsfachschule.

Die gymnasiale Maturitätsquote liegt in der Schweiz bei rund 23 Prozent. Nimmt man Berufs- und Fachmaturitäten hinzu, kommt die gesamte Maturitätsquote auf rund 43 Prozent eines Jahrgangs.
In Frankreich erwirbt dagegen die grosse Mehrheit eines Jahrgangs ein Baccalauréat. 2024 waren es rund 79 Prozent, wobei ein erheblicher Teil auf technologische und berufliche Varianten entfiel. Die berufliche Ausbildung findet dort häufiger schulisch statt als im Schweizer dualen System, auch wenn es ebenfalls Lehrlingsausbildungen gibt.
Deutschland und Österreich stehen der Schweiz näher, weil beide Länder eine duale Lehre mit Betrieb und Berufsschule kennen. Österreich verbindet in den berufsbildenden höheren Schulen zusätzlich die Matura mit einem Berufsabschluss.
Wer ohne Gymnasium trotzdem studieren möchte
Ein Lehrabschluss gilt in der Schweiz nicht als Endstation, weil das Bildungssystem zahlreiche Anschlussmöglichkeiten bietet. Die Berufsmaturität öffnet den direkten Weg an eine Fachhochschule, und über die Passerelle steht danach auch der Zugang zu den universitären Hochschulen offen.
Daneben existiert die höhere Berufsbildung mit eidgenössischen Fachausweisen, Diplomen und höheren Fachschulen. Sie baut meist auf einer beruflichen Grundbildung und Berufserfahrung auf und gehört bereits zur Tertiärstufe.

Damit bietet die Schweiz neben den Hochschulen einen stark ausgebauten zweiten Weg zu höheren Qualifikationen.
Zugang zur Hochschule meist ohne Aufnahmeprüfung
Eine anerkannte gymnasiale Maturität ermöglicht grundsätzlich den prüfungsfreien Zugang zu den universitären Hochschulen, wobei die Maturanote normalerweise keine Zulassungsgrenze darstellt.
Ausnahmen bestehen vor allem bei Studiengängen mit beschränkten Kapazitäten. Besonders bekannt ist der Eignungstest für das Medizinstudium an mehreren Schweizer Universitäten.

Frankreich kombiniert dagegen einen offenen Universitätszugang mit Auswahlverfahren in bestimmten Studiengängen und den stark selektiven Grandes Écoles.
In Italien bestehen ebenfalls Zulassungsbeschränkungen für verschiedene Studiengänge. Auch in Deutschland entscheidet in gefragten Fächern häufig die Abschlussnote ob und wer einen passenden Studienplatz erhält.
Schweiz gehört zu der Spitzengruppe
Laut «Bildung auf einen Blick» der Organisation for Economic Co-operation and Development von 2025 gibt die Schweiz von der Primarstufe bis zum nachobligatorischen nichttertiären Bereich rund 16'990 Schweizer Franken pro Lernenden aus.
Der Durchschnitt der OECD-Länder liegt bei rund 9'984 Schweizer Franken. Womit die Schweiz zusammen mit Ländern wie Luxemburg und Korea zur Spitzengruppe gehört.

Zur Finanzierung der Schweizer Berufsbildung tragen zusätzlich auch Verbände und Unternehmen bei. Lehrbetriebe übernehmen mit der Ausbildung im Betrieb einen wesentlichen Teil der praktischen Berufsbildung.
Was das für Familien bedeutet
Für Eltern heisst das, dass die Entscheidung nach der Sekundarstufe I weniger endgültig ist. Wer als Jugendlicher eine Lehre wählt, kann später immer noch an einer Fachhochschule oder über zusätzliche Qualifikationen an einer Universität studieren. Genau diese Durchlässigkeit ist eine der Besonderheiten des Schweizer Bildungssystems.
Gleichzeitig verlangt das Modell Orientierung, weil die Zahl der möglichen Wege für Jugendliche kaum überschaubar ist. Wer sich früh mit Berufsberatung, Schnupperlehren und Informationsveranstaltungen beschäftigt, findet in dieser Vielfalt deutlich leichter den passenden Anschluss.














