Bildung: Modernes und faires Bewertungssystem im Schulalltag
Schulnoten sind oft weniger neutral als gedacht. Es wäre mehr Fairness angebracht. Doch wie kann das funktionieren?

Das Wichtigste in Kürze
- In der Schweiz entscheiden Noten über Übertritte, Niveaus und die erste Lehrstelle.
- Doch nicht nur die Leistung ist entscheidend dafür, welche Zahl am Ende im Zeugnis steht.
- Die Schule kann bestimmte Routinen durchbrechen, so dass das Lernen wieder Spass macht.
Eine Note wirkt auf dem Zeugnis wie eine nüchterne Messgrösse, hinter jeder Ziffer steckt jedoch ein Urteil, das Menschen fällen. Und dementsprechend kann ein solches Urteil auch schnell «wehtun».
Lehrpersonen gewichten Leistungen, vergleichen sie mit ihren Erwartungen und verdichten alles anschliessend zu einem einzigen Wert. Genau dieser Schritt kann das System anfällig machen. Wieso? Weil unterwegs viele Informationen über den tatsächlichen Lernstand verloren gehen.
In der Schweiz entscheiden Noten über Übertritte, über die Zuteilung in Niveaus und häufig auch über die erste Lehrstelle. Schnell kann es um alles gehen.
Was die Forschung über Verzerrungen zeigt
Wie die Universität Zürich zusammen mit der Universität Bern in einer Studie von 2024 zeigt, erklärt die erbrachte Leistung die Notenvergabe nur teilweise. Die Forschenden verglichen die Zeugnisnoten von rund 14'000 Jugendlichen mit den Resultaten standardisierter Kompetenztests und suchten nach systematischen Abweichungen.

Geschlecht, sozioökonomischer Status, ethnische Zugehörigkeit und Körpergewicht beeinflussten die Bewertung messbar.
Wer mehrere benachteiligende Merkmale mitbrachte, erhielt trotz vergleichbarer Testleistung spürbar tiefere Noten als die Mitschülerinnen und Mitschüler. Die Verfassenden führen dies auf unbewusste Erwartungen zurück und nicht auf Absicht, was die Sache besonders heikel macht.
Bildung: Kriterien statt Bauchgefühl
Der Trick ist eigentlich einfach und heisst Transparenz. Lernende wissen dadurch im Voraus, worauf es ankommt, und Lehrpersonen bewerten anhand beschriebener Merkmale statt anhand eines diffusen Gesamteindrucks.

Wichtig bleibt dabei die Bezugsnorm, also die Frage, ob an einem Sachstandard, an der Klasse oder am eigenen Fortschritt gemessen wird. Alle drei Perspektiven haben ihre Berechtigung, sie dürfen aber nicht unbemerkt miteinander vermischt werden.
Mehrere Augen reduzieren den Zufall
Auch organisatorische Massnahmen wirken, etwa anonymisierte Korrekturen, die verhindern, dass der Name auf dem Blatt die Erwartung der korrigierenden Person steuert. Doppelkorrekturen bei wichtigen Arbeiten können dafür sorgen, dass mehr Qualität entsteht. Sind aber oft schwer durchzusetzen, weil es an Personal mangelt.
Wie Schulen eingefahrene Routinen durchbrechen
Beurteilung ist stark von Gewohnheit geprägt, viele Verfahren werden übernommen, weil sie im Kollegium seit Jahren so gehandhabt werden.
Diese Routine lässt sich durchbrechen, wenn Schulen den eigenen Massstab regelmässig überprüfen, und dafür genügen vier einfache Schritte. Erstens werden Noten und Testergebnisse einer Klasse nebeneinandergelegt, auffällige Abweichungen werden im Team offen besprochen.

Zweitens tauschen zwei Lehrpersonen dieselbe Arbeit zur Blindkorrektur, drittens wird jedes Beurteilungsraster spätestens nach zwei Jahren überarbeitet. Viertens erhalten die Lernenden die Möglichkeit, einzelne Kriterien mitzuformulieren, was die Akzeptanz der späteren Bewertung deutlich erhöht. Solche Rituale sind wenig aufwendig und verhindern, dass sich stille Verzerrungen über Jahre hinweg festsetzen.
Für Lernende ist die Selbstbeurteilung ein zentraler Baustein. Sie schätzen ihre Arbeit vor der Rückgabe selbst ein und vergleichen anschliessend. Dabei ist der Unterschied zwischen Selbstbild und Fremdbild häufig lehrreicher als die Note selbst, weil sie ihre Fehler selbst einsehen können. Bildung gewinnt so Transparenz, wenn sich die Last auf mehreren Schultern verteilt und nicht nur auf das Lehrpersonal.














