Alec von Graffenried: «Es kann sein, dass ich nochmals antrete»

Yves Schott
Yves Schott

Bern,

Alec von Graffenried überlegt sich, 2028 nochmals als Berner Gemeinderat zu kandidieren. Zudem spricht der Sicherheitsdirektor exklusiv über sein Ehe-Aus.

Alec von Graffenried spricht offen über Pläne und Privates
Alec von Graffenried spricht offen über Pläne und Privates. - Daniel Zaugg

Räumt Alec von Graffenried vorzeitig das Feld? Er selbst überlegt sich, 2028 nochmals als Berner Gemeinderat zu kandidieren – er wäre dann schon 66. Zudem spricht der Sicherheitsdirektor exklusiv über sein Ehe-Aus.

BärnerBär: Alec von Graffenried, Sie sind seit knapp zwei Jahren Sicherheitsdirektor. Welche Bilanz ziehen Sie?

Alec von Graffenried: Die Arbeit ist spannend, ich komme täglich gerne ins Büro. Es gibt zahlreiche Themen, bei denen ich mich engagieren kann: Nachhaltigkeit und namentlich die Energietransformation beschäftigen mich stark.

Es gab auch Highlights: Das Fussballfest der Frauen-Euro 2025 hat unser Polizeiinspektorat wesentlich mitgeprägt. Bei der Zukunft des Familienzoos im Tierpark mit der Streichelzoo-Initiative herrschte eine grosse Verunsicherung, die wir ausräumen konnten – die Initiative wurde zurückgezogen.

Nun konzentriere ich mich unter anderem auf die Klimagerechtigkeitsinitiative und die Fusion unseres Rettungsdienstes mit jenem der Insel.

BärnerBär: Im Oktober 2025 kam es in Bern bei einer Pro-Palästina-Demonstration zu heftigen Ausschreitungen. Hallen diese bei Ihnen noch nach?

Von Graffenried: Viele fragten mich, ob wir das nicht hätten verhindern können. Ich glaube, solche Ereignisse lassen sich nicht gänzlich vermeiden. Eine unbewilligte Kundgebung mit 8000 teils gewaltbereiten Teilnehmenden hat eine komplexe Dynamik.

Alec von Graffenried
Alec von Graffenried überlegt sich, 2028 nochmals als Berner Gemeinderat zu kandidieren. - Daniel Zaugg

Entscheidend ist dann ein gutes Krisenmanagement – teilweise vergleichbar mit einer Naturkatastrophe. Ich finde, das hat einigermassen gut funktioniert.

BärnerBär: Die Abwahl als Stadtpräsident haben Sie mittlerweile verkraftet?

Von Graffenried: Meine Lebensqualität ist deutlich besser geworden. Ich habe mehr Zeit für mich und mehr Freiraum, um mich Themen zu widmen, die mich persönlich interessieren.

BärnerBär: Sie sind gerade 64 geworden. Ist dies Ihre letzte Amtszeit als Gemeinderat?

Von Graffenried: Kann sein. Rein vom Gefühl her würde ich hingegen sehr gerne noch weiterarbeiten.

BärnerBär: Sie können sich also vorstellen, bei den nächsten Wahlen erneut anzutreten?

Von Graffenried: Wieso nicht? Stand heute kann ich mir nicht vorstellen, pensioniert zu sein. Wenn aber eine mögliche Ablösung ansteht, diskutiert die eigene Partei in alle Richtungen. Genau das passiert jetzt.

BärnerBär: Gibt es bereits eine Tendenz, die sich herauskristallisiert?

Von Graffenried: Nein. Wie heisst es in solchen Situationen so schön? Wir prüfen alle Optionen (lacht).

BärnerBär: Und Ihre Partei, die Grüne Freie Liste GFL, hat noch keine Präferenz für Ihre Nachfolge?

Von Graffenried: Sie macht sich ihre Überlegungen. Es bestehen sicher verschiedene Ideen, aber nichts, das spruchreif wäre.

BärnerBär: Die Sichtbarkeit der GFL hängt stark mit Ihrem Namen zusammen. Wenn Sie abtreten, droht die Partei in der Versenkung zu verschwinden.

Von Graffenried: Die GFL und ihre Vorgängerorganisationen existieren schon lange. Der Partei ist es schon schlechter gegangen als heute.

In Bern bestand immer ein Bedürfnis nach lösungsorientierten und unkonventionellen grünen Kräften. Dieses Bedürfnis bleibt bestehen und die GFL wird noch lange existieren.

BärnerBär: Wie erleben Sie die Zusammenarbeit im Gemeinderat?

Von Graffenried: Wir sind ein eingespieltes Team. Ich glaube, meine Kolleginnen und Kollegen sind froh, dass ich einige der schwierigen Dossiers übernommen habe (schmunzelt).

BärnerBär: Sie haben mit der Sicherheitsdirektion tatsächlich nicht das einfachste Amt in einer rot-grünen Stadt. Niemand wollte es übernehmen, dann wurde die Direktion Ihnen zugeschanzt. Stört Sie das?

Von Graffenried: Nein. Was mich allerdings beschäftigt, ist der Konflikt zwischen einem Teil der Bevölkerung, insbesondere dem jüngeren, und der Polizei. Wir versuchen immer wieder, bei den Menschen Verständnis für die Sicherheit und die Polizeiarbeit zu schaffen.

BärnerBär: Gerade im linken Bern steht die Polizei besonders am Pranger.

Von Graffenried: Und das begreife ich nicht. Eine rotgrüne Stadt zeichnet sich unter anderem durch ihre Verkehrspolitik aus. Wir wollen die Sicherheit verbessern, gerade für Schwächere. Dafür benötigen wir die Polizei.

Dasselbe gilt bei Demonstrationen oder wenn wir etwas gegen Gewalt, beispielsweise Femizide, tun wollen. Wir brauchen eine gute und kompetente Polizei.

BärnerBär: Geraten Sie deswegen mit der politischen Linken aneinander etwa mit Ihrer Gemeinderats-Kollegin Ursina Anderegg?

Von Graffenried: Solche Diskussionen führen wir innerhalb der Linken, ja.

BärnerBär: Insgesamt nimmt die Kriminalität erfreulicherweise ab.

Von Graffenried: Das stimmt, wir haben deutlich weniger Tötungsdelikte als vor 30, 50 oder 100 Jahren. Das ist eine positive Entwicklung. Die Schweiz ist heute sehr sicher. Die Wahrnehmung zum Beispiel via die Medien ist oft eine andere.

Ich habe kürzlich mit Bundesrat Beat Jans darüber gesprochen. Er sagte, ein Problem sei, dass wir keine einheitliche Statistik erfassen, sondern 26 Polizeistatistiken.

BärnerBär: Nicht nur politisch hat sich Ihr Leben verändert. Sie und Ihre Frau Cornelia haben sich im Dezember nach fast 30 Jahren Ehe getrennt.

Alec von Graffenried
Alec von Graffenried: «Rein vom Gefühl her würde ich hingegen sehr gerne noch weiterarbeiten.» - Daniel Zaugg

Von Graffenried: Richtig. Ich lebe im Moment in der Altstadt und nicht mehr im Murifeld. Das ist eine grosse private Veränderung.

BärnerBär: Wie fühlen Sie sich?

Von Graffenried: Es machte mich traurig. Eine Trennung ist immer auch eine Art Scheitern und nichts, worauf man stolz sein kann. Ich habe daher auch getrauert.

Doch das Leben geht weiter. Mir geht es gut. Der Job hilft da ebenfalls: Er gibt einem eine Struktur.

BärnerBär: Themenwechsel: Wie haben Sie den Hitzesommer 2026 erlebt?

Von Graffenried: Zwiespältig. Ich mag es eigentlich gerne heiss und habe diesen Sommer daher genossen. Ich ging häufig in der Aare baden, manchmal mehrmals am Tag. Gleichzeitig sieht man die Folgen des Klimawandels.

Der Mönch war früher selbst im Sommer durch Schnee und Eis weiss, jetzt ist er schwarz. Gletscher verschwinden, der Grundwasserspiegel sinkt und Bäume verfärben bereits im August ihre Blätter.

BärnerBär: Sie konnten die Hitze also geniessen, gleichzeitig beunruhigt Sie die Entwicklung?

Von Graffenried: Absolut. Ich bin wütend, dass wir nicht früher aktiv geworden sind. Wir rennen der Zeit hinterher.

BärnerBär: Zu diesem Thema passt Ihre Reise nach New York. In der Lokalpresse gab vor allem der Flug zu reden. Hat Sie das geärgert?

Von Graffenried: Es war eigentlich die einzige Reaktion der Medien, was ich wirklich schade finde. Gerade in einem heissen Sommer, in dem wir die Klimakrise so stark spüren, dürfte man sich schon dafür interessieren, worum es in New York ging und was es Bern bringt.

BärnerBär: Worum ging es denn?

Von Graffenried: Es fand die jährliche UNO-Konferenz zur weltweiten Entwicklung der wichtigen Themen wie Armutsbekämpfung, Friedenspolitik und Klimawandel statt. Am Forum habe ich zum Beispiel Stellung zum Einbezug der Bevölkerung in Städten und Gemeinden in der Schweiz genommen.

Ich konnte mich auch mit Annalena Baerbock, der Präsidentin der UNO-Generalversammlung, über die Zukunft der Vereinten Nationen und den besseren Einbezug von Städten austauschen.

Soll Alec von Graffenried 2028 nochmals kandidieren?

Wir sprachen ausserdem mit verschiedensten Menschen über die Stimmung in den USA. Für mich war es eine äusserst interessante Reise. Ich habe viel gelernt. Aber die Berner Medien interessierten sich kein bisschen für den Inhalt.

BärnerBär: Hatten Sie wegen des Flugs ein schlechtes Gewissen?

Von Graffenried: (überlegt kurz) Nein. Wer an einer solchen Konferenz teilnehmen will, muss halt fliegen, um sich auszutauschen. Ich halte solche Anlässe und die UNO für enorm wichtig.

BärnerBär: Ein Thema, das Ihnen persönlich am Herzen liegt, ist die Ukraine. Sie waren über Pfingsten fünf Tage dort.

Von Graffenried: Ja, in Lwiw und Kiew. Die Entwicklung der Ukraine beschäftigt mich. Ich bin seit der Reise überzeugt, dass das Land diesen Krieg nicht verlieren wird.

BärnerBär: Und Sie lernen mittlerweile sogar Ukrainisch?

Von Graffenried: Ja, ich nehme zwar Stunden, aber das ist extrem schwer!

Alec von Graffenried
Alec von Graffenried: «Nachhaltigkeit und namentlich die Energietransformation beschäftigen mich stark.» - Daniel Zaugg

Kommentare

User #1781 (nicht angemeldet)

Was soll er sonst auch machen? Ein typischer Sesselkleber.

Weiterlesen

Politanalyst Mark Balsiger.
3 Interaktionen
Paradiesli-Fall & Co.
Alec von Graffenried
1 Interaktionen
Bern
Von Graffenried Nachtdemo
25 Interaktionen
«Missverständlich»

MEHR AUS STADT BERN

Fabian Staudenmann
Kilchberg-Schwinget
Balde schiesst seine Farben mit zwei Toren zum Sieg.
2. Liga regional
YB
19 Interaktionen
Hattrick gegen FCZ
5 Interaktionen
Bern