YB-Hooligan-Lehrer: «Ich habe in Birmingham die Nerven verloren»
Als «Hooligan-Lehrer» wurde er nach der Eskalation von Birmingham landesweit bekannt. Nun spricht der YB-Fan erstmals über seine Zeit in einem britischen Knast.

Das Wichtigste in Kürze
- Ein YB-Fan griff in Birmingham Polizisten an und wurde zu acht Wochen Haft verurteilt.
- Der Lehrer spricht von einem Kontrollverlust, übernimmt Verantwortung und bereut die Tat.
- Trotz öffentlicher Kritik halten Schule und Gemeinde an seinem Arbeitsverhältnis fest.
Was als gewöhnliches Auswärtsspiel am 27. November begann, endete für einen Berner Lehrer in Handschellen, vor Gericht – und schliesslich in einem englischen Gefängnis.
Neuneinhalb Wochen sass der YB-Fan, der in den Medien als «Hooligan-Lehrer» bekannt wurde, in Haft, nachdem er im Stadion von Birmingham britische Polizisten angegriffen hatte.
Seit zwei Wochen befindet sich der 36-Jährige wieder zurück in der Schweiz und beschreibt seine Tat in einem Gespräch mit dem «Sonntagsblick» als Moment eines folgenschweren Kontrollverlusts, der sein Leben innert Sekunden aus der Bahn geworfen habe.
Er widerspricht dem Bild eines gewaltbereiten Randalierers und sagt, er sei im Fanumfeld «eigentlich als besonnene, deeskalierende Stimme bekannt».
«Ich habe zuvor drei kleine Biere getrunken»
Auch an jenem fatalen Abend im britischen Birmingham habe er zunächst versucht, beruhigend einzuwirken. Die Atmosphäre im Gästesektor habe sich jedoch nach Toren von Aston Villa zunehmend aufgeheizt. Auch weil der Torschütze des Heimteams genau vor dem Gästesektor jubelte.
Nach dem zweiten Treffer sei die Situation eskaliert. Der Aston-Villa-Stürmer wird am Kopf von einem Gegenstand getroffen und zieht sich eine Platzwunde zu. Der Schiri geht auf YB-Captain Loris Benito zu und bittet diesen, mit seinen Fans zu reden.
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«Wir verstanden ihn nicht. Mein Kollege, der Loris Benito kennt, will daher auf ihn zugehen.» Als der Kumpel des Oberstufenlehrers die Abschrankung zum Spielfeld überwindet, stürzen sich mehrere Uniformierte auf ihn. Dieses Vorgehen, habe er als überhart wahrgenommen, meint der Mann aus Bern.
«Ich empfand das Vorgehen gegen meinen Kumpel als sehr grob.» In der hektischen Lage sei er eingeschritten – mit gravierenden Folgen: «Ich reagierte mit Faustschlägen gegen die Beamten. Dafür übernehme ich die Verantwortung, dazu stehe ich, das will ich auch nicht schönreden. Ich habe die Nerven verloren.»
Alkohol habe dabei keine zentrale Rolle gespielt. «Ich habe zuvor drei kleine Biere getrunken.»
«Ich dachte: Mein Leben in Bern ist am Arsch.»
Kurz darauf wurde er festgenommen. Die Polizei sei dabei hart vorgegangen, sagt er. «Ein Polizist trat mir ins Gesicht, als ich am Boden lag. Später wurde mir mit dem Stock auf den Rücken geschlagen.»
Nach 36 Stunden Gewahrsam folgte ein Schnellverfahren. Kollegen aus der Schweiz organisierten ihm einen Anwalt. Statt der erwarteten Busse erhielt er acht Wochen Haft. «Wir gingen davon aus, dass es eine Geldstrafe geben wird.»
Die Haft traf ihn unvorbereitet – vor allem psychisch. «Meine Hoffnung, dass ich die Geschichte unter dem Radar halten konnte, zerplatzte.» Die Gedanken kreisten um Familie, Beruf und Öffentlichkeit. «Ich dachte: Okay, das wars. Mein Leben in Bern ist am Arsch.»
Der Gefängnisalltag sei karg gewesen: «Ausser der fehlenden Bibel war es genau so, wie man sich das Gefängnis vorstellt. Es sah wirklich aus wie im Film. Spätestens dann hatte ich panische Angst.»
Nach rund dreieinhalb Wochen wurde er zwar aus der Strafhaft entlassen, kam jedoch direkt in Ausschaffungshaft. «Aber ich wollte doch nur nach Hause.» Es begann ein bürokratischer Albtraum mit unbekannter Dauer. Erst nach weiteren Wochen und einer sogenannten Selbstdeportation durfte er Anfang Februar ausreisen.
«Wenn du einen Seich machst, dann stehe hin!»
Die Rückkehr in die Schweiz beschreibt er als überwältigend. «Es war eine unglaubliche Erleichterung. Nach so vielen Wochen. Und einfach sehr viel Dankbarkeit.» Selbst kleine Dinge hätten plötzlich Gewicht. «Ich kaufe nur noch Nastücher mit Aloe, seit ich im Gefängnis in WC-Papier schneuzen musste.»
Besonders belastend war für gleichzeitig ihn die Ungewissheit um seine Stelle als Oberstufenlehrer in Fraubrunnen BE. Er erfuhr noch während seiner Knastzeit, von der grossen Unterstützung der Schülerinnen, Schüler und Eltern (siehe Petition unten). «Man kann sich nicht vorstellen, wenn man es nicht selber erlebt hat, was das für Kraft und Mut gibt.»

Schule und Gemeinde entschieden schliesslich, das Arbeitsverhältnis «nach sorgfältiger Prüfung» weiterzuführen. Der Lehrer meint, es sei für ihn klar, dass dieser Entscheid für einige Leute unverständlich sei.
Er habe sich deshalb auch gefragt, ob er es «verantworten» könne, weiterhin zu unterrichten, sagt er rückblickend. Seine Haltung gegenüber den Schülerinnen und Schülern habe sich aber nicht verändert. «Wenn du einen Seich machst, dann stehe hin, stehe dazu und bringe es wieder in Ordnung.»












