Beim Kochtopf endet der Spass
Charles Linsmayer stellt für den BärnerBär wöchentlich Lesenswertes vor. Dieses Mal: «Ich will Wirklichkeit» von Anna Seghers.

«In Deinem Brief hab ich jedes Wort geküsst!» 1921 verliebt sich Netty Reiling, Tochter orthodox-jüdischer Mainzer Kaufleute, in László Radványi, Kommunist und Sohn von aufgeklärten Juden aus Ungarn.
Die angehenden Doktoranden Jahrgang 1900 schreiben sich bis 1925 fast täglich Briefe, von denen sich nur jene der jungen Frau erhalten haben. Sie zeichnet als Kind und schreibt den Geliebten als Kindli, Bruder, Hündli oder Erzhammel an.
Sie ist finanziell gut gestellt, der Partner nicht, und sie bemuttert ihn ganz schön: «Gib bei der grossen Kälte auf Dich acht! Handschuhe, warme Strümpfe!» «Geh nicht schlampig und sieh nach, dass Deine Hosen nicht so lang herunterhängen!»

Ihr Vater will sich bei einer Heirat mit dem Kommunisten «unter die Bahn legen.» So dass sie ihn immer neu zu einem bürgerlichen Verhalten antreibt.
Kurz bevor es dann auf komplizierte Weise wirklich zur Heirat kommt, ist es auch mit dem Kindli vorbei: «Du bist doch kein Kind und Du weisst doch, dass man für einen Haushalt manches braucht vom Kochtopf bis ich weiss nicht was.»
Der köstliche Briefwechsel «Ich will Wirklichkeit» ist vor allem darum so spektakulär, weil aus dieser Netty Reiling die 1983 verstorbene, ihrem László bis zuletzt treue Kommunistin Anna Seghers hervorging: die Autorin des grossartigsten aller Holocaust-Romane, «Das siebte Kreuz» von 1942.








