Heiratsstrafe

    Abschaffung Heiratsstrafe: Kantone gehen auf die Barrikaden

    Matthias Bärlocher
    Matthias Bärlocher

    Bern,

    Die kantonalen Finanzdirektoren fordern ihre Kantone auf, das Referendum gegen die Abschaffung der Heiratsstrafe zu ergreifen. Das gibt es äusserst selten.

    Ernst Stocker Heiratsstrafe Referendum
    Der Zürcher Regierungsrat Ernst Stocker ist Präsident der Konferenz der kantonalen Finanzdirektoren (FDK), die die Kantone zu einem Referendum gegen die Abschaffung der Heiratsstrafe drängt. - keystone

    Das Wichtigste in Kürze

    • Die Finanzdirektoren der Kantone sind gegen die Abschaffung der Heiratsstrafe.
    • Sie fordern die Kantone auf, das Kantonsreferendum dagegen zu ergreifen.
    • Im Parlament stösst aber sogar die weitergehende Volksinitiative auf Zustimmung.

    So, wie es 50'000 Stimmbürgerinnen und Stimmbürger können, können es auch acht Kantone: Gegen ein neues Gesetz ein Referendum erzwingen.

    Nun stimmt das Stimmvolk zwar oft mehrmals jährlich über ein Referendum ab. Das Kantonsreferendum, obwohl seit 1874 möglich, gab es bislang aber erst ein einziges Mal.

    Kantonsreferendum: Drastisches Mittel

    Nun soll es erneut ergriffen werden, gegen das Bundesgesetz über die Individualbesteuerung. Dazu fordert die Finanzdirektorenkonferenz (FDK) ihre Kantone auf.

    Der Zürcher Regierungsrat und FDK-Präsident Ernst Stocker ist gegenüber Nau.ch zuversichtlich: «Nach den Diskussionen, die wir geführt haben, glaube ich, dass acht oder mehr zusammenkommen.»

    Steuererklärung Heiratsstrafe
    Eine verheiratete Frau kontrolliert die Abrechnung der Steuererklärung des Kantons Zürich, fotografiert am 17. März 2025. - keystone

    Und dies, obwohl National- und Ständerat nicht nur für das Gesetz sind. Sondern sogar für die Steuergerechtigkeits-Initiative, zu der das Gesetz eigentlich «nur» ein Gegenvorschlag darstellt. Weshalb dann gleich zum drastischen Mittel «Kantonsreferendum» greifen?

    Zankapfel Heiratsstrafe

    FDK-Präsident Stocker relativiert die vordergründig klare Haltung des Parlaments: Dort sei man sich in dieser Frage gar nicht so einig. «Es sind hauchdünne Abstimmungen, im Ständerat mit nur einer Stimme Differenz.»

    Wie stehst du zur Abschaffung der Heiratsstrafe?

    Auf der anderen Seite erachteten die Kantone den Weg als falsch, ausserordentlich aufwändig und nicht zielführend. «Uns werden immer nur die Bundessteuern vorgerechnet – aber das ist nur ein Teil des schweizerischen Steuersystems. Der kantonale Anteil betrifft die Steuerpflichtigen zudem weitaus stärker.»

    «Niemand kommt verheiratet zur Welt»

    Wer da «vorrechnet», das ist der Trägerverein der Volksinitiative «Für eine zivilstandsunabhängige Individualbesteuerung», genannt Steuergerechtigkeits-Initiative.

    Die Ängste einiger Kantone bezüglich Steuerausfällen und administrativem Mehraufwand seien unbegründet, heisst es in einem offenen Brief an die Kantonsregierungen. Dieser wurde praktisch gleichzeitig wie die Forderung der Finanzdirektoren veröffentlicht.

    Individualbesteuerung Heirat Hochzeit
    Verheiratete Paare zahlen heute meist höhere Steuern, als wenn sie weiterhin wie als Single besteuert würden. - keystone

    In einer ersten Phase gebe es zwar Umstellungsaufwand und vorübergehend Mindereinnahmen. Im Gegenzug gebe es dann aber eine höhere Erwerbsquote und damit mehr Steuereinnahmen.

    Auch administrativ werde es einfacher, argumentiert der Trägerverein, denn: «Niemand kommt bereits verheiratet zur Welt.»

    Ergo gebe es im Laufe des Lebens viele Wechsel bei der Besteuerung: bei Heirat, Scheidung oder Trennung und beim Ableben eines Ehepartners. Mit der Individualbesteuerung aber falle solches weg.

    Können Kantone gewinnen?

    «Wir teilen diese Ansicht nicht», entgegnet Ernst Stocker, der oberste Finanzdirektor, simpel und einfach. Der Aufwand werde grösser, allein in seinem Kanton Zürich seien es Tausende zusätzlicher Steuererklärungen.

    Der Hauptaufwand aber liege bei den Steuerpflichtigen: «Die Verheirateten müssten neu zwei Steuererklärungen ausfüllen», gibt Stocker zu bedenken.

    Auch müssten viele Rechtsgebiete überarbeitet werden, zum Beispiel die Prämienverbilligung: «Bei sehr ungleichen Einkommen könnte sonst der eine Ehepartner viel verdienen, der andere aber Prämienverbilligungen beantragen.»

    Individualbesteuerung Steuergerechtigkeits-Initiative Thierry Burkart
    FDP-Präsident Thierry Burkart (rechts) überreicht eine Schachtel mit gesammelten Unterschriften, bei der Einreichung der Volksinitiative «Für eine zivilstandsunabhängige Individualbesteuerun - keystone

    Das Kantonsreferendum, sollte es zustande kommen, wäre wohl eher symbolischer Natur. Denn abgestimmt würde wohl so oder so, da auch SVP und Mitte das Referendum ergreifen dürften.

    Interessant ist hingegen: Das letzte – und einzige – Mal, dass ein Kantonsreferendum zustande kam, war 2003, als es ebenfalls um Steuerfragen ging.

    Auch damals wäre so oder so abgestimmt worden, weil auch 50'000 Unterschriften gesammelt wurden. Das Stimmvolk lehnte die Gesetzesänderung mit zwei Dritteln der Stimmen ab – die Kantone waren also siegreich.

    Kommentare

    User #2483 (nicht angemeldet)

    Tatsache ist, dass zwei Steuererklärungen für Paare völliger Unsinn ist. Will man etwas am System ändern, dann die Tarife. Dazu brauchts nicht zwei Steuererklärungen!

    User #1731 (nicht angemeldet)

    Steuerausfälle sind kein Problem. Die kann man locker ausgabenseitig kompensieren, indem man weniger Unsinn finanziert. Heiratstrafe kann ebenfalls ganz simpel abgeschafft werden. Flatax, 12% auf alle Einkommen und gut ist. Soll der Staat mal sparen.

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