Wir haben strengstes Tierschutz-Gesetz der Welt, aber…

Mirjam Walser
Mirjam Walser

Bern,

Wir sind stolz auf das «strengste Tierschutzgesetz der Welt». Und trotzdem leben manche Tiere unter Bedingungen, die man kaum aushält. Wie kann das passieren?

Mirjam Walser Kolumnistin
Die meisten Menschen möchten, dass es den Tieren in der Landwirtschaft gut geht – Die Realität sieht leider oft anders aus. - Keystone / Maryl Vogel - Portraitmacher

Das Wichtigste in Kürze

  • Versteckt aufgenommene Bilder aus einem Emmentaler Schweinestall sind erschreckend.
  • Der Fall erinnert an den Hof von Ramiswil: Trotz Kontrollen wurden Tiere vernachlässigt.
  • Trotz strengem Tierschutzgesetz und Kontrollen: Regelmässig werden Missstände aufgedeckt.

Die Schweiz hat das strengste Tierschutzgesetz der Welt. Dieser Satz fällt gerne und oft. Er klingt so beruhigend, dass man guten Gewissens Schweizer Fleisch kaufen kann.

Bis man diese Bilder aus einem Schweinestall im Emmental sieht, die diesen Monat durch die Presse gingen.

Ein Schwein liegt auf dem Boden, zittert, scharrt, hinterlässt Blutspuren. Im nächsten Bild ein krankes Ferkel, in einer Ecke steht ein Kübel mit toten Jungtieren.

Es sind Bilder, die man nicht lange anschauen will. Und sie passen so gar nicht zu dem Bild, das wir so gerne von der Schweizer Landwirtschaft haben.

Hast du den Fall um den Schweinebetrieb im Emmental mitbekommen?

Wenn wir an Schweizer Ställe denken, stellen wir uns Schweine vor, die sich genüsslich im Schlamm suhlen oder Ferkel, die im Stroh spielen – es sieht aus wie aus dem Bilderbuch.

Schweine auf der Wiese
So stellen wir uns die Schweinehaltung gerne vor: Ferkel spielen fröhlich auf der Wiese. - Unsplash

Die Realität ist eine andere. Die Bilder aus Emmental, die heimlich von Tierrechtsaktivisten aufgenommen wurden, stammen nicht etwa von einem Ausreisser, nicht von einem «schwarzen Schaf» der Branche. Der Betrieb gilt als Spitzenbetrieb.

Der Betreiber sitzt im Vorstand von Swissporc, dem Schweizerischen Schweinezucht- und Schweineproduzentenverband. Es ist ein Labelbetrieb. Und er wurde mehrfach kontrolliert – ohne Beanstandung.

Tierrechtsaktivisten decken auf

Der Fall erinnert an Ramiswil. Auch auf diesem Hof wurde kontrolliert, ohne dass Mängel festgestellt wurden. Kurz darauf mussten Dutzende Pferde beschlagnahmt und 120 Hunde eingeschläfert werden, weil sie in einem Zustand waren, der nicht mehr zu retten war.

Solche Fälle tauchen regelmässig auf, meist dank Aktivisten, die in Ställe eindringen. Sie zeigen, was sonst verborgen bleibt: Kranke, verletzte, vernachlässigte Tiere. Ihr Vorgehen ist illegal, sie riskieren hohe Bussen. Doch ohne sie bliebe vieles unsichtbar, trotz Kontrollen.

Schweine
Schweine sind sehr intelligente Tiere und brauchen viel Beschäftigung und Auslauf. Doch in der intensiven Tierhaltung bleibt dafür kaum Platz. - Keystone

Genau hier liegt das Problem. Kontrollen finden oft angekündigt statt. Man räumt auf, organisiert, bringt den Betrieb in einen Zustand, der für den Moment passt.

Die Tierschutzorganisation Tier im Fokus, die auch den Fall aus dem Emmental zur Anzeige gebracht hat, fordert deshalb in einem Protestbrief an Guy Parmelin unangemeldete Kontrollen. Das ist sinnvoll. Denn Missstände sollten nicht nur punktuell kaschiert, sondern dauerhaft verhindert werden.

Das eigentliche Problem geht viel tiefer

Aber selbst bessere Kontrollen lösen das Grundproblem nicht. Auch das strengste Tierschutzgesetz der Welt bewegt sich innerhalb eines Systems, das sich rechnen muss.

Das Schwein hat darin eine klare Aufgabe: möglichst schnell möglichst viel Gewicht anzusetzen, um es dann gewinnbringend zur Wurst zu verarbeiten. Alles, was diesem Ziel im Weg steht, verursacht Kosten – etwa mehr Bewegungsfreiheit und Beschäftigung.

Schwein hinter Gittern
In der Tierhaltung müssen Schweine vor allem eines sein: Wirtschaftlich. - Keystone

Die Konsumenten wollen dafür keinen höheren Preis bezahlen. Das zeigt sich am Anteil von Bio-Schweinefleisch in der Schweiz: In Bio-Betrieben haben die Tiere mehr Platz, das Fleisch ist entsprechend teurer – und macht am gesamten Schweinefleischkonsum gerade einmal 3,5 Prozent aus.

Tier vs. Profit

Dass die Schweiz versucht, strengere Standards zu setzen als andere Länder, ist richtig. Nur sollte man sich als Konsument keine Illusionen machen, was diese Standards in der Realität bedeuten: Ein Tierwohl, das nicht für das Tier optimiert ist, sondern für den Profit.

Und genau hier liegt das eigentliche Problem: Tierwohl und Profit sind nicht vereinbar.

Wenn wir die Interessen der Tiere wirklich ernst nehmen würden, müssten wir zuerst ihr grundlegendes Bedürfnis anerkennen. Und das ist nicht ein bisschen mehr Platz, Auslauf oder Beschäftigung, sondern einfach: Zu leben.

Zur Person

Mirjam Walser (39) schreibt auf Nau.ch regelmässig zu Veganismus, Ernährung und gesellschaftlichem Wandel. Als Gründerin der Vegan Business School unterstützt sie Menschen dabei, vegane Unternehmen aufzubauen.

Kommentare

User #4893 (nicht angemeldet)

Dass Trump ein Lügner ohne Hemmungen ist, sollte bis dato auch dem letzten ‚Unterstützer‘ aufgefallen sein. Aber er hat offensichtlich immer noch Erfolg mit Kartenhäusern, Wichtigtuerei und Abzocken, um damit der gesamten Menschheit das tägliche Leben zu vermiesen. Aber er ist bei bei Leibe nicht der Einzige, der seine ‚Schweinereien‘ schön redet. Nur, die echten Schweine mit Ringelschwanz haben kein Mitspracherecht und müssen seit Unzeiten die Dummheit und Arroganz ihrer ‚Konsumenten‘ ertragen. Ich hoffe nur, jeder Einzelne von uns muss nicht für diese Schweinereien einmal gerade stehen!

User #5037 (nicht angemeldet)

Die Schweiz hat in den letzten Jahren in vielem nachgelassen!

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