Startups: Was Berliner lieben, stürzt Berner in Panik!
Kolumnistin Mirjam Walser hatte eine gloriose Startup-Idee (dachte sie zumindest). Die Reaktionen darauf zeigen, wie unterschiedlich Bern und Berlin ticken.

Das Wichtigste in Kürze
- Kolumnistin Mirjam Walser wollte in der Schweiz gründen – und erntete besorgte Blicke.
- In Berlin klingt die Reaktion auf genau dieselbe Startup-Idee komplett anders.
- Der Mentalitätsunterschied bringt eine typisch schweizerische Sorge zum Vorschein.
Ich hatte eine Startup-Idee, die mich nachts vor lauter Tatendrang nicht mehr schlafen liess: ein Konzept, das den Markt für nachhaltige Mode komplett umkrempeln sollte – so dachte ich damals zumindest.
An einem lauen Sommernachmittag sass ich mit einer Freundin beim Kaffee im Adrianos in der Berner Altstadt. Mein Kopf rauchte vor Euphorie, während ich ihr den ultimativen Masterplan für meine Selbstständigkeit erklärte.
Doch statt mir begeistert zu gratulieren, lehnte sie sich besorgt nach vorne, rührte bedächtig in ihrem Cappuccino und sagte: «Mutig. Aber wie machst du das dann mit der Pensionskasse? Und der AHV?»
Ein Satz, den ich noch öfters hören sollte und der massgeblich dafür verantwortlich war, dass ich meine Koffer packte – und mit meiner Geschäftsidee im Kopf in den Zug von Bern nach Berlin stieg.
Einfach mal machen
In Berlin vernetzte ich mich sofort mit der Startup-Szene, und das war purer Treibstoff für meine Idee. Wenn ich dort mein Projekt vorstellte, hiess es nämlich: «Boah, cool!» Das Credo lautete: einfach mal machen.
Selbstständig sein gehört hier fast zum guten Ton. Wer nicht gerade ein eigenes Projekt schaukelt, schlägt sich als Freelancer durch oder hat zumindest eine gloriose Idee in Planung.

Lange war dieser Gründergeist schlicht der Not geschuldet. Es gab keine Konzerne und keine gut bezahlten Jobs, dafür günstige Mieten und billiges Essen. Wer nichts fand, baute sich halt selber etwas auf – zu verlieren gab es ohnehin nichts.
Zugegeben, vieles davon ist heute reines Startup-Theater mit viel heisser Luft, und auch Berlin ist teuer geworden. Die Euphorie für neue Ideen ist trotzdem geblieben.
Mit dieser Euphorie im Hinterkopf, denke ich oft an den Cappuccino in Bern zurück.
Denn genau hier zeigt sich der dramatische Kontrast zur Schweiz. Der Schweizer gründet nicht aus der Not, denn unser Berufsleben ist sehr weich gepolstert. Wer in Bern oder Zürich kündigt, gibt nicht nur ein sattes Gehalt auf, sondern ein absolutes Höchstmass an Sicherheit.
War ja klar, dass das nicht funktioniert
Diese reflexartige Frage nach der Altersvorsorge ist bei uns das gesellschaftlich akzeptierte Synonym für die nackte Panik vor dem sozialen Abstieg. Wer hier scheitert, hat viel zu verlieren.
Scheitern klebt an einem wie Kaugummi am Schuh. Wenn dein Projekt floppt, darfst du dir beim Apéro mitleidige Kommentare anhören wie: «Ja, ich hab mir gleich gedacht, dass das nicht funktioniert.»

Geht dein Startup in Berlin baden, bist du natürlich auch deprimiert. Aber du bekommst Schulterklopfen, man hebt gemeinsam ein Glas auf den gezeigten Mut und startet gefühlt am nächsten Dienstag das nächste Projekt.
Ich weiss das ziemlich genau, weil mein eigenes Mode-Startup später tatsächlich glorios die Wand küsste.
Pioniergeist vs. Taschenrechner
Versteht mich nicht falsch: Altersvorsorge ist wichtig. Aber wenn wir bei jedem Funken Pioniergeist reflexartig den Taschenrechner zücken und das Worst-Case-Szenario für in dreissig Jahren durchspielen, ersticken wir jeden Wagemut im Keim.
Wir müssen natürlich nicht alle zu Berliner Startup-Hipstern mutieren. Ein bisschen mehr Offenheit für das Unbekannte und etwas weniger Pensionskassen-Panik würde uns aber guttun.
Vollkaskoversichern kann man schliesslich nicht alles im Leben – und die Zukunft schon gar nicht.
Zur Person:
Mirjam Walser (39) ist 2018 von Bern nach Berlin gezogen. In ihrer Kolumne berichtet sie über die Unterschiede und Gepflogenheiten der Hauptstädter – und was sie voneinander lernen können.
















