Stimme aus Berlin: «Mit Schweizer Dialekt nimmt mich keiner ernst»

    Mirjam Walser
    Mirjam Walser

    Bern,

    Wer in Berlin mit Schweizer Dialekt spricht, gilt als niedlich. Mirjam Walser trainiert hart gegen das süsse Image – und scheitert am Ende doch an einem Velo.

    Mirjam Walser, Berlin
    Nau.ch-Kolumnistin Mirjam Walser lebt seit acht Jahren in Berlin. In dieser Zeit hat sie besonders viel Wert darauf gelegt, ein gutes Hochdeutsch zu lernen. Ob ihr dies gelungen ist? - Adi Levy/Depositphotos

    Das Wichtigste in Kürze

    • In Deutschland wird wert auf eine geschliffene und perfekte Aussprache gelegt.
    • Kolumnistin Mirjam Walser hat darum ihre Schweizer Aussprache in Berlin radikal angepasst.
    • Doch trotz perfekter Tarnung entlarvt sie ein einziges Wort als Schweizerin.

    Meine Tarnung ist perfekt. Im Supermarkt verlange ich eine Tüte für meine «Rote Bete» und die «Paprika», als hätte ich nie etwas anderes gesagt. «Säckli», «Randen», «Peperoni» – diese Wörter sind in meinem aktiven Wortschatz praktisch ausgestorben.

    Ich habe mein Hochdeutsch so hart trainiert wie andere Leute ihr «Sixpack» – wobei in Berlin damit natürlich ein «Sixpack Bier» gemeint ist.

    Die meisten Deutschen verorten mich mittlerweile irgendwo zwischen Stuttgart und Freiburg, also Süddeutschland.

    Wie geschliffen ist dein Hochdeutsch?

    In Deutschland ist die korrekte, geschliffene Aussprache ein Muss. Dialekt wirkt hier oft ungehobelt, man gilt schnell als nicht die hellste Kerze auf der Torte.

    In der Schweiz hingegen ist Dialekt unser Herzblut; wir sprechen, wie uns der Schnabel gewachsen ist. Egal ob zuhause oder an der Migros-Kasse.

    Selbst der Bundesrat spricht Hochdeutsch mit starkem Dialekteinschlag. In Deutschland unvorstellbar.

    Ich habe ein Problem!

    In Berlin habe ich aber schnell kapiert: Wer mit Dialekt spricht, wird belächelt.

    Das erste Mal verstand ich das Ausmass meines Problems, als ich jemanden anschnauzen wollte – vollkommen berechtigt, er hatte sich vorgedrängelt, so ein klassischer Berliner Reflex. Ich rief mit meinem damals noch ungeschliffenen Schweizer Singsang: «He, hallo! Stellen Sie sich hinten an!»

    Der Mann drehte sich um und grinste mich an: «Ah, na wenn ich so süss ausgeschimpft werde, komme ich diesem Wunsch gerne nach.»

    Hallo?! Ich wollte eine Konfrontation, keine Schmeichelei!

    Berlin
    In Deutschland ist Dialekt verpönt. Wer Berliner Schnauze oder sonst einen Dialekt spricht, kommt schnell als ungehobelt oder ungebildet rüber. - Depositphotos

    Das Muster war immer dasselbe: Sobald das erste «ch» zu rau aus meinem Mund kam und die Betonung mehr einer Märlitante glich, wurden die Augen meines Gegenübers warm.

    In einem Tonfall, den man für Welpen reserviert hat, kam dann zuverlässig: «Oh, das klingt so niedlich. Du kommst aus der Schweiz?»

    Innerhalb von Millisekunden verwandelte ich mich von der kompetenten Gesprächspartnerin in ein sprechendes Murmeltier mit Goldvreneli in den Augen.

    Fränkli, Bänkli, Nervli

    Und dann sind da noch diese «Schweiz-Experten». Deutsche, die mal drei Tage in Zürich waren und mir jetzt stolz ihre drei gelernten Worte präsentieren: Fränkli, Bänkli, Geldli. Natürlich ist die Aussprache so falsch, dass es in meinen Ohren wehtut. Und wer sagt denn bitte «Geldli»?

    Berlin, neben Brandenburgertor
    In Berlin kommt alles zusammen. Dennoch hört man im Deutschen kaum sprachliche Unterschiede. Der Dialekt kommt hier nur selten zum Vorschein. - Depositphotos

    Also habe ich geschliffen und poliert und trainiert, bis vom Dialekt nur noch ein fernes Echo übrig war. Endlich werde ich ernst genommen!

    Bis mir kürzlich in einem Gespräch das Wort «Velo» statt «Fahrrad» herausgerutscht ist. Und sofort folgte dieses entzückte Lächeln, das ich inzwischen im Schlaf erkenne: «Woher kommst du eigentlich?» – kurze Pause, Augen leuchten auf – «Oh! Sag mal was auf Schweizerdeutsch!» Wie ein gut dressiertes Schosshündchen, das auf Kommando Pfötchen gibt.

    Meistens gebe ich dann Pfötchen, spule mein «Chuchichästli»-Repertoire der schönsten Schweizer Dialektwörter ab und führe brav vor.

    Es ist wohl mein Beitrag zur deutsch-schweizerischen Völkerverständigung.

    Zur Person:

    Mirjam Walser (39) ist 2018 von Bern nach Berlin gezogen. In ihrer Kolumne berichtet sie über die Unterschiede und Gepflogenheiten der Hauptstädter – und was sie voneinander lernen können.

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    Kommentare

    User #4866 (nicht angemeldet)

    den schweizer "Axang" wird in Berlin von niemandem bemerkte - in Berlin Mitte ist sowieso Englisch die Amtssprache!

    User #4309 (nicht angemeldet)

    Am bestä redä wiä dä scgnappel gwachsä isch. Dänn ghats am bestä!😁

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