10-Millionen Schweiz?Überlebensguide aus Berlin hilft!
10-Millionen-Schweiz? Kein Problem. Wie man Dichtestress überlebt, weiss ich aus Berlin: Hier mein nicht ganz ernst gemeinter Überlebensguide.

Das Wichtigste in Kürze
- Kolumnistin Mirjam Walser wundert sich über die Panik vor der 10-Millionen-Schweiz.
- Verglichen mit dem Berliner Dichtestress sind Schweizer Städte pure Ruheoasen.
- In ihrem Grossstadt-Knigge zeigt sie auf, wie man das Chaos entspannt überlebt.
- Die Lösung für genervte Pendler liegt in der tiefenentspannten Auää-Attitüde.
10-Millionen-Schweiz? Ich reibe mir die Augen. Wo genau liegt eigentlich das Problem? Schweizer Städte sind im europäischen Vergleich absolute Ruheoasen.
Ich schaue aus meinem Fenster in Berlin-Neukölln. Hier ist die Bevölkerungsdichte mehr als doppelt so hoch wie in Bern. Es ist laut, die U-Bahn quillt über, der Verkehr tobt, der Grossstadt-Puls dröhnt und hupt direkt durch mein offenes Wohnzimmerfenster.
Ich weiss also bestens, wie man im Dichtestress-Modus überlebt.
Deshalb hier, als kleiner Vorbereitungskurs für die 10-Millionen-Schweiz: mein Grossstadt-Knigge. Hundertprozentig nicht ernst gemeint, aber absolut praxistauglich.
Die heilige Ist-mir-egal-Attitüde
Das Geheimnis des entspannten Zusammenlebens in Berlin hat einen Namen: «Ist-mir-egal-Haltung».
Die Berliner Verkehrsbetriebe haben diesen Gemütszustand vor Jahren in einem Song perfekt auf den Punkt gebracht. Rapper Kazim Akboga fährt darin als Kondukteur durch die Stadt. Ponys in der U-Bahn? Egal. Zwiebelschneidende Fahrgäste auf dem Nebensitz? Egal. Brüllende Lautsprecherdurchsagen? Völlig egal.
Der Track wurde augenblicklich Kult. Heute ist er das heimliche Mantra dieser Stadt.
Mit diesen Zeilen im Kopf verliert der Dichtestress augenblicklich seinen Schrecken.
Die S-Bahn ist total überfüllt!
Das funktioniert in der Praxis nämlich so: Am Morgen und nach Feierabend sind Tram, Busse und Züge hier hoffnungslos überfüllt. Egal. Rein muss man trotzdem.
Wir Schweizer geraten ja bereits in Panik, wenn sich im Zug jemand auf den freien Platz neben uns setzt.
In Berlin beginnt die Intimsphäre erst, wenn der Ellbogen des Sitznachbarn sich zwischen deine Rippen bohrt. Hier gilt: Bauch einziehen, einsteigen und die physische Nähe der Mitmenschen als gratis Umarmung akzeptieren.
Wem das an Körperkontakt dann doch zu viel wird: Einfach die alte Corona-Maske aus der Tasche ziehen. Ein lautes, gut platziertes Niesen dazu, und wie durch ein Wunder teilt sich das Rote Meer der Pendler.
Hilfe! Ständig werde ich angerempelt!
In Berlin gilt die eiserne Regel: Regt sich jemand hinter dir auf, weil du zu langsam läufst, ist das ganz allein sein Problem. So schlendert es sich herrlich entspannt durch die Stadt.
Und tritt dir im Gedränge doch mal jemand auf die Füsse? Perfekt. Das ist die ideale Gelegenheit, das stille Schweizer Leiden für einen Moment an den Nagel zu hängen und genüsslich zurückzumeckern.

Für ihre freche Schnauze sind die Berliner berühmt. Höchste Zeit, dass wir als Antwort die Berner Schnauze etablieren.
Zu viele Autos und keine Parkplätze!
Egal. Nimm das Velo. Aber verabschiede dich von der romantischen Vorstellung der gemütlichen Velofahrt ins Büro. Velofahren in Berlin ist ein reiner Überlebenskampf. Das ersetzt den doppelten Espresso am Morgen und treibt den Blutdruck absolut verlässlich in den roten Bereich.

Wem der Nahtod-Moment an der Kreuzung zu viel ist, der rettet sich eben doch in den öffentlichen Nahverkehr. Da wartet dann immerhin die gratis Sardinenbüchsen-Umarmung.
Ich finde keine Wohnung!
Berlin hatte einst Wohnraum im Überfluss, heute herrscht blanke Not. Das treibt absurde Blüten. Da wird auf WG-Plattformen plötzlich ein fensterloses Zimmer zur Untermiete angeboten, das bei Licht betrachtet schlicht ein Bett im Hausflur ist.
Da können wir Schweizer noch richtig was lernen. Wozu braucht man eigentlich einen beheizten Raum für Altpapier und Staubsauger, wenn da locker noch ein zahlender Student reinpasst? Verdichtetes Wohnen schont schliesslich die Ressourcen – und der Student freut sich über ein günstiges WG-Zimmer.
Zu viel Multikulti!
Berlin ist ein Dauer-Karneval der Kulturen. In Neukölln wechseln sich türkisches Baklava, libanesischer Hummus und mexikanische Tacos im Dreimetertakt ab.
Wer will, darf jetzt natürlich lautstark den Untergang der Leitkultur heraufbeschwören. Ich entscheide mich stattdessen für die pure Freude, dass mein kulinarisches Universum grösser ist als Rösti und Kohlroulade.

Das Beste daran: Sind alle Kulturen direkt vor der Haustür versammelt, spart man sich den teuren Langstreckenflug ans andere Ende der Welt, um sie zu erleben. Ist übrigens auch ganz gut für die Umwelt.
Tiefenentspannt durch den Tag
Es gilt also: Ist-mir-egal-Attitüde pflegen und tiefenentspannt durch den Tag gleiten.
Aber bitte nicht falsch verstehen. «Ist mir egal» heisst nicht, dass man seinen Abfall achtlos auf die Strasse pfeffert oder seine Mitmenschen ignoriert.
Es heisst bloss, Dinge nicht persönlich zu nehmen – und sich nicht permanent über das aufzuregen, was man in diesem Moment sowieso nicht ändern kann.
In Bern könnte man diese Haltung wohl am besten als «Äuää-Attitüde» übersetzen.
Am besten gleich üben: Wenn der Bus morgens überquillt, statt still die Faust im Sack zu ballen, einfach tief seufzen, mit den Schultern zucken und Laut «Äuää!» rufen. Hilft enorm.
Zur Person:
Mirjam Walser (39) ist 2018 von Bern nach Berlin gezogen. In ihrer Kolumne berichtet sie über die Unterschiede und Gepflogenheiten der Hauptstädter – und was sie voneinander lernen können.












