«Hat der Mensch ein Verfallsdatum?»

    Andrea Bauer
    Andrea Bauer

    Bern,

    Auch mit 89 bleibt Lebensqualität wichtig. Doch warum wird das im hohen Alter so oft infrage gestellt?

    BärnerBär
    Apropos: Die Kolumne vom BärnerBär. - zVg

    «Warum macht er mit 89 diese Operation denn noch?» Der Satz fällt schnell. Manchmal im Büro, manchmal am Stammtisch, manchmal mit hochgezogenen Augenbrauen und jener Mischung aus Sorge und Urteil, die sich gern als Vernunft tarnt.

    Dabei geht es vielleicht gar nicht um eine komplizierte Hochrisikooperation. Vielleicht geht es um ein neues Hüftgelenk. Um einen Eingriff, der einem Menschen ermöglichen kann, wieder ohne Schmerzen aufzustehen, zur Toilette zu gehen, ein paar Schritte vor die Haustür zu machen oder schmerzfrei am Tisch zu sitzen.

    Aber lohnt sich das noch? Schon die Frage ist entlarvend. Denn was genau soll sich lohnen? Ein Jahr ohne Schmerzen? Sechs Monate? Drei Wochen? Muss Lebensqualität eine Mindestlaufzeit erfüllen, damit wir sie jemandem zugestehen?

    Freundschaft im Alter
    Muss Lebensqualität eine Mindestlaufzeit erfüllen, damit wir sie jemandem zugestehen? - depositphotos

    Natürlich muss jede Operation medizinisch sinnvoll sein. Risiken, Belastung und Erfolgsaussichten gehören sorgfältig abgewogen. Das gilt aber für einen 49-Jährigen genauso wie für einen 89-Jährigen. Das Geburtsdatum allein ist keine Diagnose.

    Trotzdem schleicht sich ab einem gewissen Alter ein Verdacht ein: Wer alt ist und noch behandelt werden möchte, verlangt zu viel. Als wäre Schmerzfreiheit nach dem 89. Geburtstag eine Form von Luxus. Als wäre der Wunsch, wieder gehen zu können, anmassend.

    Würdest du dich auch im hohen Alter noch für eine Operation entscheiden?

    Als müsste ein alter Mensch dankbar sein, überhaupt noch da zu sein. Er solle bei Schmerzen gefälligst auf die Zähne beissen und dürfe, weil er schon so lange lebe, nicht auch noch Kosten verursachen.

    Da hat jemand sein Leben lang gearbeitet, Steuern bezahlt und Krankenkassenprämien überwiesen. Er hat Kinder grossgezogen, Angehörige gepflegt, Verantwortung getragen. Und plötzlich soll er erklären, weshalb es sich noch lohnt, ihm zu helfen.

    Wer entscheidet eigentlich, welches Leben noch lebenswert ist? Der Arzt? Die Versicherung? Die Politik? Die Familie? Oder jene, die selbst noch weit genug vom hohen Alter entfernt sind, um grosszügig über Verzicht zu philosophieren?

    Pallative Care Pflege Angehörige
    Wer entscheidet eigentlich, welches Leben noch lebenswert ist? (Symbolbild) - depositphotos

    Wir alle wollen alt werden. Möglichst gesund, selbstständig und bei klarem Verstand, versteht sich. Doch das Alter, das wir uns wünschen, gibt es nur ganz selten ohne Medizin. Es braucht Medikamente, Hörgeräte, Herzschrittmacher, künstliche Gelenke und somit auch eine Operation mit 89.

    Vielleicht schenkt das neue Hüftgelenk nur ein halbes Jahr ohne Schmerzen. Vielleicht sind es zwei Jahre. Vielleicht weniger, vielleicht mehr. Aber selbst ein halbes Jahr besteht aus rund 180 Morgen, an denen das Aufstehen nicht zur Qual wird.

    Ein Mensch ist keine Milchpackung. Er hat kein aufgedrucktes Verfallsdatum. Und Würde bemisst sich nicht an der statistischen Restlaufzeit. Unverantwortlich ist nicht, mit 89 noch Lebensqualität zu wollen. Unverantwortlich wäre es, einem Menschen Hilfe vorzuenthalten, nur weil wir als Gesellschaft finden, er habe jetzt lange genug gelebt.

    Kommentare

    User #8188 (nicht angemeldet)

    Ich nicht um jeden Preis. Ich freue mich dann bei Jesus zu sein.

    User #3465 (nicht angemeldet)

    Guter Artikel Solange Hoffnung besteht, soll jedem und egal wie alt diese Person ist, geholfen werden und diese Entscheidung liegt bei jedem einzelnen persönlich. Keiner hat das Recht über eine andere Person, solange diese im Besitz ihrer geistigen Fähigkeiten, Kräfte ist, zu bestimmen! Das Ziel soll sein, dass auch als ältere Person noch so lange wie möglich selbständig zu sein.

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