Weniger Bändeli verkauft: Sterben Gratis-Veranstaltungen aus?
Gratis-Veranstaltungen wie das Buskers in Bern leben von freiwilliger Bezahlung. Doch: Das Portemonnaie vieler Besuchender bleibt zu.

Das Wichtigste in Kürze
- Kulturveranstaltungen, bei denen der Eintritt gratis ist, haben zu kämpfen.
- So auch das Festival Buskers Bern. An der Ausgabe 2026 kauften nur rund 30 Prozent der Besuchenden ein Bändeli.
- Dafür gebe es verschiedene Gründe, erklärt ein Konsumpsychologe.
- Anders läuft es an der Basler Fasnacht: Der «Blaggedden»-Verkauf ist seit Jahren stabil.
Seit Jahren gibt es sie: Kulturveranstaltungen – Open-Airs, Stadtfeste, Fasnachts-Umzüge – die gratis sind.
Sie leben von Sponsoren, von engagierten Helferinnen und Helfern, aber auch von Besuchenden, die trotz Gratis-Einlass Eintritt bezahlen.
So etwa die Berner Fasnacht oder das Festival «No Borders No Nations» auf der Berner Schützenmatte. Aber auch das Openair-Kino im Berner Kocherpark und das Strassenmusik-Festival Buskers, welches jährlich rund 60’000 Besuchende in Berns Altstadt lockt.
«Es geht ums Überleben»
Doch das System scheint an seine Grenzen zu stossen. Immer mehr Veranstaltungen bekunden Probleme. Denn: Immer öfter bleiben die Portemonnaies der Besuchenden für freiwillige Beiträge zu.
Das bringt einige Veranstaltungen immer wieder in finanzielle Schieflage. So auch das Festival Buskers Bern, welches an drei Tagen jährlich 300 Shows in der Berner Altstadt durchführt. Das Festival finanziert sich unter anderem durch einen freiwilligen Bändeli-Kauf der Besuchenden.
Gegenüber Nau.ch erklärt Christine Wyss, Co-Leiterin von Buskers Bern, zu den ausbleibenden Einnahmen durch den Bändeli-Verkauf: «Es geht letztlich um das Weiterbestehen respektive Überleben des Festivals.»
Denn das Buskers-Festival habe ein Budget von einer Million Franken. Davon müsse rund die Hälfte mit den Eintrittsgeldern erwirtschaftet werden.
«Zwei Drittel der Festivalbesuchenden zahlen keinen Eintritt»
Wyss warnt: «Wenn in einem optimalen Jahr wie diesem keine Reserven angelegt werden können oder sogar ein Defizit eingefahren wird, stimmt etwas nicht.»
Zwar wisse man noch nicht, wie viele Bändeli für die Ausgabe 2026 verkauft worden seien. Doch Stichprobenkontrollen hätten gezeigt, dass die Quote der Bändeliträger und -trägerinnen nur etwa bei bescheidenen 30 Prozent liege.
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Umgekehrt bedeutet das: «Zwei Drittel der Festivalbesuchenden zahlen keinen Eintritt.» Das bei einem Preis von nur «lächerlichen» 20 Franken für ein Dreitages-Festivalbändeli.
Einem Preis, der laut Wyss «einem Kinoeintritt oder drei Bier» entspreche. Oft seien es gerade durchaus vermögende und wohlsituierte Personen in den besten Jahren, deren Einsicht und Solidarität vermisst werde. Das sei unverständlich und beschämend.
Der Verkauf der Bändeli sei schon «immer anspruchsvoll und äusserst aufwändig» gewesen. Doch man optimiere ihn ständig und mit diversen Massnahmen.
«Das Portemonnaie vieler Menschen sitzt nicht mehr so locker»
«Wir haben mehr Vorverkaufsstellen geschaffen», berichtet Wyss. «Dazu lassen wir die Bändeli auch durch Kinder und Jugendliche verkaufen, die auf Kommission arbeiten und ihr Sackgeld aufbessern.»
Man habe sich auch um mehr Visibilität bemüht. Ebenso um Coaching für die Bändeli-Verkäuferinnen und -Verkäufer sowie statistische Auswertungen.
So konnte zumindest der Abwärtstrend gestoppt werden. Doch Wyss zeigt auch Verständnis: «Alles wurde in letzter Zeit teurer. Das Portemonnaie vieler Menschen sitzt nicht mehr so locker.»
Zudem werde auch der Gratiskonsum von Kultur gefördert. Etwa durch Streaming-Riesen wie Spotify oder von durch grosse Unternehmen gesponserten Veranstaltungen.
Ein freiwilliger Beitrag ist die bequemste Sparmassnahme
Dabei sei ein Festival wie Buskers Bern nicht «gratis», erklärt Wyss. «Wir sprechen eher von einem ‹offenen Festivalgelände›.» Denn: «Keine Veranstaltung der Welt ist ‹gratis›.»
Die Co-Leiterin des Buskers moniert: «Die allgemeine Gratis- und Billig-Konsummentalität wird täglich implementiert.» Dazu kämen die «unsicheren Zeiten» und die Tatsache, dass die Leute sparen und ihre Prioritäten anders setzen würden.

Dem pflichtet auch Konsumpsychologe Christian Fichter bei: «Wer knapp bei Kasse ist, streicht zuerst, was niemand einfordert.»
Ein freiwilliger Beitrag sei die bequemste Sparmassnahme der Welt. Denn, so Fichter: «Sie kostet nichts, und keiner merkt es.»
«Was null kostet, verbucht das Gehirn als bereits bezahlt»
Dass die Kaufkraft durch die Teuerung, steigende Mieten und Krankenkassenprämien unter Druck sei, sei zwar ein Fakt. «Aber das ist die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte heisst Anonymität.»
An einem Dorffest fällt sofort auf, wer ein freiwillig erworbenes Bändeli trägt und wer nicht. «An einem Stadtfest mit 60'000 Besuchenden sieht es niemand. Solidarität braucht Zuschauer. Ohne Zuschauer wird aus dem Mitmacher der Mitnehmer.»

Das Problem sei auch der sogenannte «Nullpreis-Effekt», erklärt Fichter: «Was null kostet, verbucht das Gehirn als bereits bezahlt – Von der Stadt, vom Sponsor, von irgendwem.»
Wer Gratis auf das Plakat schreibe, sage den Besuchenden unfreiwillig: «Dein Geld braucht hier niemand.» Dies nehme der Zuschauende dann wörtlich.
«Seit zwanzig Jahren lernen wir, dass Kultur nichts kostet»
Auch Fichter sieht einen Grund für diese Haltung bei der «Gratis-Mentalität». Diese sei antrainiert – etwa durch Streaming, Social Media und Gratis-Zeitungen.
«Seit zwanzig Jahren lernt eine ganze Generation, dass Kultur nichts kostet und die Rechnung jemand anderes bezahlt.» Wer nie an einer Kasse gestanden habe, habe «kein Gefühl für den Wert eines Auftritts».

Ein weiteres Problem sei der Verkauf von Eintritten als Spende, denn: «Spenden sind eine Gewissensfrage, und Gewissensfragen verschiebt man gerne auf morgen.»
Dazu meint der Konsumpsychologe: «Gratis ist kein Preis, es ist eine Botschaft – und man sollte sich gut überlegen, welche.»
Basler Fasnacht zeigt, wies anders geht
Dass es auch anders gehen kann, zeigt eine Schweizer Veranstaltung, die seit 2017 zum Unesco-Kulturerbe gehört: Die Basler Fasnacht.
Auch sie finanziert sich teilweise durch Spenden, nämlich durch den «Blaggedde»-Verkauf. Die Metall-Broschen gibt es in verschiedenen Kategorien: Silber (zehn Franken), Kupfer (20 Franken) und Gold (50 Franken).

Zwar will das Basler-Fasnachts-Comité zu den Verkaufszahlen gegenüber Nau.ch wegen eines «ungeschriebenen Gesetzes» keine Angaben machen.
Stichproben liessen jedoch vermuten, dass die «Blaggedden»-Verkaufszahlen – ausser während der Pandemie – mehr oder weniger konstant waren und sind.
«Blaggedde» ist ein «wertiges Produkt»
Daniel Hanimann vom Fasnachts-Comité sagt: «Die Basler Fasnacht ist ein traditionell tief verankertes Kulturgut und der Kauf einer ‹Blaggedde› ist ein Teil davon.»
Es gebe auch Sammlerinnen und Sammler, einige «Blaggedden» würden beim Wiederverkauf zu einem hohen Preis gehandelt.

Hanimann erklärt: «Eine ‹Blaggedde› ist mit einem Festival-Bändeli nicht zu vergleichen. Sie ist ein wertiges Produkt und schon nur deshalb lohnt es sich für die Fasnachts-Besuchenden, dafür Geld auszugeben.»
Doch was bedeutet das alles für Gratis-Veranstaltungen? Sterben sie aus?
Kleine Feste bleiben, grosse haben es schwer
«Meiner Ansicht nach: Nein», meint Konsumpsychologe Christian Fichter. «Aber der Gratis-Mythos stirbt, und das ist überfällig.»
Was die Fasnacht jahrzehntelang am Leben gehalten habe, sei nicht die Grosszügigkeit der Masse. Sondern der kritische Blick des Nachbarn, wenn man sich nicht beteilige.

Fichter ist sich sicher: «Wo man sich kennt, kauft man das Bändeli. Wo 170'000 Fremde durch die Gassen schieben, kauft es keiner, weil es keiner sieht.»
Die kleinen Feste würden somit erhalten bleiben. Und die grossen hätten eine Lektion zu lernen, die jede Beiz kenne, erklärt er. «Man stellt keinen Hut hin und hofft, man schreibt einen Preis an und lässt Ausnahmen zu.»
Denn: «Wer für das Bier am Fest zwanzig Franken hinlegt, zahlt auch zehn für den Eintritt. Man muss ihn nur fragen, und zwar so, dass Nein die peinlichere Antwort ist.»











