Trolle im Netz: Welche Internet-Regeln sind sinnvoll für Kinder?
Auch bei unserem Kolumnisten Fabian Ruch ist die Handyzeit seiner Kinder ein Dauerthema.

Das Wichtigste in Kürze
- Journalist Fabian Ruch schreibt auf Nau.ch regelmässig Kolumnen.
- Der 48-jährige Berner schreibt über das Leben im Midlife-Crisis-Alter.
- Heute schreibt Ruch über einen gesunden Umgang seiner Kids mit dem Handy.
- Ein riesiges Thema, das in jeder Familie für heftige Diskussionen sorgt.
In meiner letzten Kolumne schrieb ich davon, wie schwierig es sein kann, sich schlechte Angewohnheiten abzugewöhnen. Erstaunt war ich über einige Kommentare dazu, die grösstenteils hämisch und despektierlich waren.
Nun weiss ich als Journalist schon lange, dass leider viele Internet-Kommentare von Usern wenig Substanz haben, es gibt viele Trolle (gibt es eigentlich auch Trollinnen?).
Jedenfalls habe ich auch in den letzten Wochen viel Sport getrieben und das wunderbare Wetter in der Schweiz genossen. Wie vieles im Leben hat das herrliche Badewetter jedoch seine Schattenseiten: Die Natur leidet, Kinder und ältere Menschen tun sich mit den hohen Temperaturen schwer, es gibt einen enormen Wassermangel.
Es ist einerseits ein Sommer der Sonderklasse, andererseits ist den Allermeisten bewusst, dass die Klimaveränderung eine riesige Bedrohung für unseren Planeten darstellt.
Schöne Erinnerungen an die Sommerferien
Es ist ein bisschen wie mit dem Internet und insbesondere mit den sozialen Medien, die zunehmend asozialer daherkommen. Eigentlich eine gute Sache, aber die Nebenwirkungen sind schrecklich.
Konstruktive Diskussionen finden kaum statt, man giftet sich an, teilweise hasserfüllt, der eigene Algorithmus flutet die Feeds mit jenen Meinungen, die uns passen.
Ich selbst poste kaum etwas auf Facebook, Instagram, Twitter (das X heisst, aber sonst ändert sich nix), LinkedIn, WhatsApp, YouTube und was es sonst noch so gibt. Für TikTok und Snapchat bin ich sowieso zu alt. Aber auch so weiss ich, wie süchtig man danach werden kann, einfach immer weiter zu scrollen.
Noch ein Filmchen, noch ein Meme, noch ein Fussballtransfer-Gerücht. Es ist wie Drogen für das Gehirn. Wir sind fast alle Sklaven unserer Geräte. Ich habe eine grosse Achtung vor so disziplinierten Menschen, die den Verführungen konsequent widerstehen können.
«Früher spielten wir lustvoll»
Und vor allem frage ich mich immer wieder: Was stellt das mit unseren Kindern an?
Mitte August gingen im Kanton Bern die Schulferien zu Ende. Es ist gut, dass es für die Schülerinnen und Schüler nun wieder eine Struktur im Alltag.
Die Sommerferien als Jugendlicher waren eine wunderbare Zeit. Endlos lang gerieten sie, wir hängten in der Badi rum, kickten auf dem Schulhausplatz, bis es dunkel wurde, schlossen Freundschaften fürs Leben, genossen das süsse Nichtstun.
Damals gab es kein Internet, keine Smartphones, keine sozialen Medien. Wir waren stundenlang draussen. Aber natürlich zockten wir auch. Ich war stolz darauf, als einer der Ersten im Quartier einen Amiga zu besitzen. Das war ein Computer mit einer für heutige Verhältnisse lächerlichen Rechenleistung.
Aber wie wir lustvoll spielten: Kickoff 2, Bundesliga Manager Pro, Lotus Esprit Turbo Challenge und so weiter (mittelältere Menschen erinnern sich!).
Eine Bedrohung für das Kinderhirn!
Heute sind die Möglichkeiten für Jugendliche gigantisch. Und wer Kinder hat, der weiss, wie intensiv und mühsam Debatten mit ihnen sind über einen sinnvollen Gebrauch von Handys oder über die tägliche Bildschirmzeit.
Man kann Regeln aufstellen. Doch in einem normalen Haushalt gibt es längst so viele Geräte, dass es schwierig ist, alles zu kontrollieren. Und was ist, wenn der Sohn mit dem Papa ein Fussballspiel schaut? Ist das dann Bildschirmzeit, die der Tochter ebenfalls zusteht?

Thema ein Dauerbrenner
Auch bei uns zu Hause ist das Thema selbstverständlich ein Dauerbrenner. Auf das neue Schuljahr haben wir nun vergleichsweise strenge Regeln aufgestellt – zumindest einmal bis zu den Herbstferien Mitte September.
Es ist ein Experiment, um zu beobachten, wie sich das auf den Alltag der Kinder auswirkt. Natürlich gab es schon am ersten Morgen Diskussionen.
Aber im Grunde genommen gibt es zum Beispiel keinen Grund, warum eine 13-Jährige noch vor der Schule schon um 7 Uhr auf WhatsApp sein muss. Oder warum ein 10-Jähriger gleich nach dem Aufstehen die Höhepunkte von Fussballspielen anschauen muss.
Das geht beides problemlos auch später am Tag. Oder?
Es ist erwiesen, dass das menschliche Gehirn erst mit etwa 25 Jahren komplett entwickelt ist. Der Frontallappen für Impulskontrolle und Planung reift zuletzt.
Früher und unkontrollierter Internet- sowie Smartphone-Konsum überfordert das unreife Kindergehirn, verändert das Belohnungssystem und stört die wichtige Vernetzung der Nervenzellen enorm.
Es sind nur einige von zahlreichen negativen Auswirkungen für Jugendliche, die sich lange im Internet und auf sozialen Medien aufhalten.
Wäre ich ein zehnjähriges Kind, wäre ich auch total süchtig nach all den Optionen, die das World Wide Web bietet.
Und wenn man mit anderen Eltern spricht, realisiert man, dass der Umgang mit Smartphones und Tablets in jeder Familie ein riesengrosses Thema ist. Wir waren oft in Australien in den Ferien, es ist ein tolles Land, und Australien hat im letzten Dezember als weltweit erste Nation ein striktes Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren eingeführt. Davon betroffen sind alle grossen Plattformen.
Welche Massnahmen sind sinnvoll?
Australien macht es vermutlich richtig. Ich bin eigentlich kein Freund von zu vielen Regeln und zu starker Kontrolle, sondern eher ein Freigeist. Aber ich halte diese Massnahme für angemessen.
Natürlich sind Digitalisierung und KI wichtig und dominant. Dieser Trend geht ungebremst weiter. Doch Kinder sollten möglichst lange vor allem einen spielerischen Umgang damit erleben – und nicht einfach relativ ziellos unterwegs sein.
Und wenn man sieht, was für Schwachsinn manche Erwachsene anonym und mit sonderbaren Benutzernamen wie beispielsweise «DirtyPeter69» absondern (gerne in Kommentarspalten), dann kann man von Minderjährigen ja kaum erwarten, einen gesunden Umgang mit dem Internet zu finden.
Vielleicht wäre das ja jetzt eine tolle Gelegenheit, dass Menschen hier mitteilen, wie sie mit dieser Herausforderung umgehen, welche Regeln sich als klug herausgestellt haben, wie die Kinder sogar zielführend eingebunden werden können.
Wir wollen ja nicht, dass auch die nächste Generation zu einer Armada von Internet-Trollen heranwächst. Schlechte Angewohnheiten lassen sich später bekanntlich schlecht abgewöhnen.

Zum Autor
Fabian Ruch (48) ist selbständig im Bereich Kommunikation, er arbeitet unter anderem als Journalist, hat das Frauen-Sportmagazin «Sportlerin» gegründet und einen Fussball-Podcast (Anderi Liga 2.0). Er schreibt auf Nau.ch über Tücken, Herausforderungen und Chancen im Midlife-Leben. Und darüber, wie man die Balance zwischen Arbeit und Alltag, Familie und Freizeit behält und auch mal verliert – als Sportjunkie und Selbständiger, Spielernatur und Suchtreisender.












