Bühnen Bern: Wenn Bern zur Bühne wird
Die neue Spielzeit von Bühnen Bern beginnt mit zwei grossen Publikumsanlässen. Dabei gibt es Musik unter freiem Himmel und offene Türen im Stadttheater.

Es gibt Orte, die einer Stadt ihr Gesicht geben. In Bern gehört der Bundesplatz zweifellos dazu. Hier wird demonstriert und debattiert, hier finden Empfänge und Märkte statt, hier schlägt das politische Herz der Schweiz.
Am Samstag, 22. August, gehört der Platz für einen Abend jedoch ganz der Musik: Das Berner Symphonieorchester eröffnet unter freiem Himmel die Konzertsaison 2026/27.
Und zwar «very british». Edward Elgar und Eric Coates treffen auf grosse Melodien aus My Fair Lady, Brigadoon, The Wizard of Oz und Carousel. Auf dem Podium steht der junge irische Dirigent Killian Farrell, als Solistin ist unter anderem die Schweizer Sopranistin Regula Mühlemann zu erleben.

Der Eintritt ist frei, klassische Musik wird damit für diesen Abend ganz bewusst aus dem Konzertsaal hinaus mitten ins Zentrum der Stadt getragen. Für Intendant Florian Scholz liegt genau darin eine besondere Qualität des Anlasses.
«Das Open-Air-Konzert soll allen in Stadt und Kanton zeigen, wie viel Freude klassische Musik machen kann», sagt er. Gemeinsam mit der Mobiliar als Partnerin wolle man deshalb «ein Konzert vom Feinsten» präsentieren: mit hervorragenden Stimmen und einem Programm, das unmittelbar zugänglich sei.
Klassik ohne Schwellenangst
Scholz betont allerdings, dass Zugänglichkeit nicht auf einen einzigen Gratisabend beschränkt sei. Auch während der regulären Saison gebe es Möglichkeiten, «für wenig Geld ein tolles Konzert im Casino zu geniessen».
Das Openair auf dem Bundesplatz ist damit Schaufenster und Einladung zugleich: Wer hier zum ersten Mal entdeckt, wie unmittelbar ein grosses Orchester wirken kann, soll vielleicht Lust auf mehr bekommen.
Die Wahl eines britisch geprägten Programms dürfte dabei helfen. Statt eines schweren symphonischen Monumentalwerks setzt das BSO zum Saisonauftakt auf Musik, die Atmosphäre erzeugt, Geschichten erzählt und vielfach einen hohen Wiedererkennungswert besitzt.

Die Idee dazu sei auch mit dem Dirigenten verbunden, erklärt Scholz. «Wir haben den aufstrebenden jungen irischen Dirigenten Killian Farrell für dieses Konzert gewinnen können – ein Coup!»
Farrell habe ein Programm «aus seiner geographischen Nachbarschaft» angeregt, mit Werken, die sich besonders gut für eine stimmungsvolle Sommernacht eigneten. «Also fanden wir das dann alle eine gute Idee.»
Eine zusätzliche Verbindung zur kommenden Saison gibt es ebenfalls: Wer sich auf dem Bundesplatz von «Wouldn‘t It Be Loverly» oder «I Could Have Danced All Night» verführen lässt, begegnet dem Werk im Laufe der Spielzeit erneut, denn My Fair Lady steht später auch im Stadttheater auf dem Programm.
Musik vor dem Zentrum der Politik
Zur besonderen Atmosphäre trägt jedoch nicht nur das Programm bei. Ein Symphonieorchester unmittelbar vor dem Bundeshaus lässt sich kaum von der politischen Bedeutung der Kulisse trennen.
«Die Frage ist schon fast die Antwort», sagt Scholz. Das Berner Symphonieorchester spiele als Orchester der Bundesstadt nicht nur vor einer prachtvollen Kulisse, sondern «auch an einem besonderen und geschichtsträchtigen Ort. Politik und Kunst, beides spielt in der Schweiz eine zentrale Rolle, und das werden wir an diesem festlichen Abend hautnah erleben.»

Wo sonst Stimmen ausgezählt, Forderungen erhoben und politische Entscheide kommentiert werden, übernehmen Streicher, Bläser und Stimmen. Und vielleicht ist es gerade diese Zweckentfremdung, die den Reiz ausmacht: Kultur besetzt für einen Abend einen der prominentesten öffentlichen Räume des Landes. Friedlich, festlich und für alle offen.
Eine Woche später öffnet sich das Stadttheater
Mit dem Openair-Konzert ist der Saisonauftakt von Bühnen Bern allerdings noch nicht abgeschlossen. Genau eine Woche später, am Samstag, 29. August, folgt ab 13 Uhr das Theaterfest im Stadttheater. Auch hier gilt: Eintritt frei.
Während auf dem Bundesplatz vor allem das Berner Symphonieorchester im Zentrum steht, präsentiert sich beim Theaterfest die ganze Vielfalt des Hauses. Konzerte, Lesungen, Mitmach-Workshops und erste Einblicke in kommende Produktionen sollen neugierig auf die Spielzeit machen.
Vor allem aber dürfen Besucherinnen und Besucher dorthin, wo sie während einer normalen Vorstellung kaum hinkommen: hinter die Kulissen. Das Theater zeigt sich damit nicht nur als Ort fertiger Inszenierungen, sondern als riesiger Arbeitsraum, in dem jeden Tag entworfen, gebaut, geprobt, genäht, gespielt, getanzt und musiziert wird.
Damit verfolgen Openair-Konzert und Theaterfest im Grunde dieselbe Idee, nur aus zwei unterschiedlichen Richtungen. Einmal geht die Kunst hinaus zu den Menschen und eine Woche später werden die Menschen hineingebeten und dürfen das Theater auf eine Weise kennenlernen, wie es im normalen Vorstellungsbetrieb kaum möglich ist.
So beginnt die neue Spielzeit nicht hinter geschlossenen Türen, sondern mit zwei Einladungen an die ganze Stadt. Vielleicht braucht es für den ersten Kontakt mit klassischer Musik eben nicht immer Abendgarderobe und nummerierte Sitzplätze. Manchmal reicht eine Sommernacht auf dem Bundesplatz. Und manchmal eine offene Tür im Stadttheater.








