Deshalb ist Handy-Scrollen für Jugendliche so schädlich
«In der Debatte über Bildschirmzeit am Handy geht es nicht um Moral. Es geht um Gehirnentwicklung.» Eine Kolumne von Maria Brasser.

Das Wichtigste in Kürze
- Neurowissenschaftlerin Dr. Maria Brasser schreibt auf Nau.ch Kolumnen.
- In ihrer Kolumne schreibt sie darüber, was zu viel Handyzeit bei Jugendlichen anrichtet.
«Aaaaaahhhhh!». Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum Jugendliche kreischen, wenn sie einen Popstar sehen? Die Antwort ist nicht, weil die Jugendlichen übertreiben. Die Antwort liegt im Gehirn.
Das jugendliche Gehirn ist kein kleines Erwachsenenhirn. Es ist sozusagen eine Grossbaustelle mit radikalen Umstrukturierungen. Und auch eine Phase, in der sich entscheidet, wer wir einmal sein werden!

Jahre in der Jugend sind entscheidend
Die Jugend ist kein also Nebenkapitel. In dieser Zeit werden zentrale neuronale Strukturen gelegt, die uns ein Leben lang begleiten: Selbstkontrolle, Entscheidungsfähigkeit, Emotionsregulation, und insbesondere auch Identität.
Natürlich verändert sich das Gehirn auch später noch. Aber diese Jahre sind sehr entscheidend.
Hohe Unfallwahrscheinlichkeit
Wer Jugendliche beobachtet, sieht manchmal scheinbar widersprüchliches Verhalten: Manchmal brillante Gedanken, dann wieder plötzliche sehr impulsive Entscheidungen, grosses Feingefühl. Und gleichzeitig wieder völlige Selbstüber- oder Unterschätzung.
Auch die Unfallwahrscheinlichkeit ist in dieser Phase um 300 Prozent erhöht. Die sogenannte «Age-Crime-Curve» hat ihren Höhepunkt zwischen 15 und 20 Jahren.

Wirkt das Verhalten widersprüchlich? Vielleicht Ja. Aber neurobiologisch ist dies sehr gut erklärbar.
Im Jugendalter reifen die emotionalen und motivierenden Systeme schneller als die Kontrollsysteme im Frontallappen.
Das sogenannte «Mismatch»-Modell beschreibt genau dieses Ungleichgewicht: Das Gaspedal funktioniert bereits hervorragend, die Bremse wird erst später fertig eingebaut.
Jeder Swipe verspricht etwas Überraschendes
Und genau hier trifft die digitale Welt ins Schwarze.
Endloses Scrollen (bei Jugendlichen laut Studie vier bis fünf Stunden pro Tag) ist ein perfekt designter Dopamin-Trigger («Belohnungsmittel» im Gehirn).
Jeder Swipe verspricht etwas Neues und etwas Überraschendes. Oder vielleicht etwas Relevantes. Das Gehirn lernt dabei: Noch ein Scroll und noch ein Video. Vielleicht kommt ja gleich der nächste Treffer?
Normale Welt wird langweilig
Mit der Zeit verschiebt sich dabei die Sensibilität des dopaminergen Systems, also unserem Belohnungssystem.
Unsere normale Welt scheint auf einmal grau und fad. Was langsam ist, wird langweilig. Was Anstrengung braucht, verliert an Reiz.
Schule, Lesen, längere Konzentration, ein normales Gespräch ohne ständige Reizwechsel, all das kann mit der schnellen Belohnungsfolge digitaler Plattformen kaum mithalten.
Die Folgen sehen wir immer häufiger: Schlafprobleme, Konzentrationsschwierigkeiten, innere Unruhe, steigender sozialer Druck, ein fragileres Selbstwertgefühl. Und wachsende Belastungen der mentalen Gesundheit.
Und das alles in einer Phase, in der das Gehirn eigentlich etwas anderes tun sollte. Nämlich die Persönlichkeit entwickeln.
Wo steckt unsere Persönlichkeit?
An dieser Stelle lohnt sich ein Blick in die Geschichte der Neurowissenschaft. 1848 schoss eine Eisenstange durch den Schädel des amerikanischen Bahnarbeiters Phineas Gage. Sie zerstörte grosse Teile seines Frontalkortex. Gage überlebte.

Er konnte weiter sprechen, lesen, arbeiten. Aber seine Persönlichkeit veränderte sich dramatisch. Aus einem zuverlässigen, sozialen und ausgeglichenen Mann wurde jemand, der impulsiv, unberechenbar und sozial schwierig war.
Natürlich bohrt sich heute keine Eisenstange durch die Köpfe unserer Jugendlichen.
Aber die provokante Frage lautet: Was passiert, wenn ein Gehirn in seiner empfindlichsten Entwicklungsphase über Jahre permanent auf Sofortbelohnung trainiert wird, während genau jene Hirnregion noch reift, die für Steuerung, Reflexion und Persönlichkeitsentwicklung zuständig ist?
Es geht nicht nur um Bildschirmzeit
Denn genau dort liegt der neuralgische Punkt. Es geht nicht nur um Bildschirmzeit. Es geht nicht nur um ein paar harmlose Stunden auf TikTok. Es geht um eine Umgebung, die neurobiologisch perfekt darauf zugeschnitten ist, ein unreifes Belohnungssystem maximal zu aktivieren.
Das jugendliche Gehirn trifft auf eine Technologie, die es besser versteht, als ihm lieb sein kann.
Darum geht es in der Debatte über Bildschirmzeit nicht um Moral.
Es geht um Gehirnentwicklung. Und damit stellt sich eine wichtige Frage: Was brauchen Jugendliche eigentlich in dieser Phase? Vor allem echte Erfahrungen.
Das Jugendalter ist die Zeit, in der Menschen die Welt entdecken, Freundschaften vertiefen, sich ausprobieren, Risiken eingehen, sich verlieben, scheitern und wieder aufstehen.
Genau diese Erfahrungen formen das Gehirn und damit auch Persönlichkeit und Identität.
Sport, Musik, intensive Gespräche, Herausforderungen, Abenteuer, gemeinsames Lachen, auch Langeweile: All das sind Erfahrungen, an denen ein junges Gehirn wächst.
Grenzen und Beziehungen
Und noch zwei Dinge sind essenziell, nämlich Grenzen und Beziehungen.
Grenzen sind nicht einfach Einschränkungen. Für ein Gehirn, das sich noch im Umbau befindet, sind sie Orientierung und Struktur. Eine Art externes Steuerungssystem, solange das eigene noch im Aufbau ist.
Jugendliche brauchen deshalb nicht nur Freiheit, um sich zu entfalten. Sie brauchen auch Erwachsene (Eltern, Lehrpersonen, Trainer), und eine Gesellschaft, die Verantwortung übernehmen.
Bezugspersonen, die Orientierung geben und einen sicheren Hafen bieten, zu dem sie immer wieder zurückkehren können.
Kurz: Beziehungen, die tragen und auch für ihr späteres Leben den Unterschied machen. Denn das Jugendalter ist kein Problem, das man überstehen muss. Es ist vielleicht die entscheidendste Entwicklungsphase unseres Lebens.
Und vielleicht sollten wir uns öfter fragen: Würden wir wirklich zulassen, dass ein grosser Teil davon im endlosen Scrollen vergeht? Wenn wir wüssten, wie empfindlich diese Phase für die Entwicklung von Persönlichkeit, Selbstkontrolle und mentaler Gesundheit ist.
Zur Autorin
Dr. Maria Brasser ist Neurowissenschaftlerin, Lehrerin und Mitgründerin von Hirncoach, dem führenden Spezialisten für die Hirngesundheit. Gemeinsam mit ihrem Team entwickelt sie Programme für Eltern, Schulen und Unternehmen – unter anderem zur Stärkung der mentalen Gesundheit und Leistungsfähigkeit sowie zu einem klugen, hirngerechten Umgang mit digitalen Medien und Künstlicher Intelligenz. Interessiert? Infos unter hirncoach.ch.








