Handy-Sucht: Warum das Gehirn ständig auf Alarm steht!
«Bei Jugendlichen ist der Hirnbereich, der den rechten Daumen repräsentiert, fast doppelt so gross ausgeprägt wie bei Erwachsenen», schreibt Dr. Maria Brasser.

Das Wichtigste in Kürze
- Neurowissenschaftlerin Dr. Maria Brasser ist neue Nau.ch-Kolumnistin.
- In der ersten Kolumne schreibt sie über Handy-Sucht – und was genau dahintersteckt.
- Und sie liefert Tipps und Tricks, wie man sich davon lösen kann.
Was sich oft harmlos anfühlt, kann für unser Gehirn Dauerstress sein. Nicht, weil Smartphones per se schlecht wären. Sondern weil sie unsere mentalen Ressourcen, insbesondere unser Aufmerksamkeitssystem, permanent auf Abruf halten.
Als Neurowissenschaftlerin sehe ich täglich, wie sich dieses Verhalten auf Konzentration, Erholung und mentales Wohlbefinden auswirkt – bei Jugendlichen, aber auch bei Erwachsenen. Stress, Schlafprobleme, verschlechterte psychische Gesundheit sind nur einige direkte und indirekte Folgen davon.
Kein Tippen, kein schnelles Nachschauen
Wann war dir das letzte Mal langweilig? Kein Scrollen. Kein Tippen. Kein schnelles Nachschauen. Nur du. Dein Gehirn. Und ein Moment ohne äusseren Reiz. Aber nein, du greifst zum Handy. Ohne konkreten Grund. Nur kurz. Nur schnell. Und plötzlich sind zehn Minuten weg.
Langeweile ist heute sehr schwierig zu ertragen – und kann mit einem Griff zum Handy beendet werden.
Knapp die Hälfte fast ständig erreichbar
Ein Blick auf aktuelle Studien zeigt: Rund 46 Prozent der Menschen geben an, «fast ständig» erreichbar zu sein, um neue Mitteilungen zu lesen oder zu reagieren.
78 Prozent checken ihre Social-Media-Accounts mindestens stündlich. Im Durchschnitt entsperren wir unser Smartphone achtzig bis hundert Mal pro Tag. Also etwa alle 13 Minuten.

Was macht das mit unserem Gehirn?
Langzeitstudien der letzten Jahre zeigen zudem einen klaren Trend: Wir verbringen immer mehr Zeit auf Social Media. Jugendliche sind heute im Schnitt 3 bis 4 Stunden täglich allein auf Social-Media-Plattformen aktiv.
Was macht das mit unserem Gehirn? Nicht moralisch. Nicht kulturkritisch. Sondern biologisch. Und das Bild ist klarer, als vielen lieb ist.
Unser Gehirn: sensibel und anpassungsfähig
Unser Gehirn ist extrem sensibel und hoch anpassungsfähig. Es verändert sich je nach Verhalten. Genau darin liegt seine Stärke. Und auch sein Risiko.
Jedes Scrollen, jede Push-Nachricht, jedes neue Video aktiviert das Belohnungssystem. Dopamin (unser – vereinfacht gesagt – «Glückshormon») wird ausgeschüttet. Kurz, schnell, häufig.
Das Problem: Je öfter wir diese künstlichen Reize nutzen, desto weniger reagieren die entsprechenden Rezeptoren der Nervenzellen. Der Effekt nimmt ab. Wir brauchen mehr.
Natürliche Belohnungen werden langweilig
Gleichzeitig fühlen sich natürliche Belohnungen (ein Gespräch, ein Spaziergang, ein Gedanke ohne Ablenkung) plötzlich erstaunlich langweilig an. Deshalb erleben viele Menschen bei Digital-Detox-Versuchen zunächst echte Entzugssymptome.
Ein eindrückliches Beispiel für Neuroplastizität, also die Anpassungsfähigkeit unseres Gehirns: Bei heutigen Jugendlichen ist der Hirnbereich, der den rechten Daumen repräsentiert, fast doppelt so gross ausgeprägt wie bei Erwachsenen.

Warum wohl? Dieser rechte Daumen wird heutzutage schon im Kindesalter mit der «Wischfunktion» beim Handy vielfach beansprucht.
Das Gehirn passt sich automatisch unserem Verhalten und unserer schnelllebigen digitalen Umwelt an.
Die Folge ist «Brain Fog»
Bei Social Media kommt ein weiterer Faktor hinzu. Die Plattformen sind gezielt so gestaltet, dass wir möglichst lange darauf bleiben.
Algorithmen, die Inhalte vorschlagen, zielen auf Aufmerksamkeit, Klicks und Verweildauer. Kein Wunder: Sie wurden nämlich auch mit Neurowissenschaftlerinnen und Neurowissenschaftlern entwickelt.
Die Folgen spüren viele bereits heute. Konzentration fühlt sich zäh an. Gedanken zerfasern. Man liest, aber behält wenig. Dieser Zustand wird häufig als «Brain Fog» beschrieben. Nicht wegen mangelnder Intelligenz, sondern wegen eines dauerhaft überlasteten Aufmerksamkeitssystems.
Wir verarbeiten täglich unzählige Informationen über das Smartphone. Das Gehirn muss permanent sortieren, priorisieren, entscheiden – meist unbewusst.
Das kostet mentale Energie. Energie, die uns später fehlt. Um zu arbeiten, aber auch um runterzufahren – oder uns wirklich zu erholen.
Passend dazu wurde «Brain Rot» zum Oxford-Wort des Jahres 2024 gewählt. Übersetzt etwa «Gehirnfäule». Gemeint sind die kognitiven Folgen übermässigen Konsums trivialer Online-Inhalte.
Multitasking? Gehirn kann nicht parallel denken
Multitasking verschärft das Problem – und ist neurobiologisch eine Illusion. Das Gehirn kann nicht parallel denken. Es springt beim Multitasking einfach schneller hin und her. Und jedes Springen kostet Energie.
Hier beginnt auch der Brain-Drain-Effekt: Studien zeigen, dass bereits die blosse Anwesenheit digitaler Medien zu einer Einbusse von bis zu zwanzig Prozent der Gedächtnisleistung führt. «Brain-Drain» ist schleichend, kaum spürbar, aber wirksam.
Am Ende des Tages sind wir erschöpft, ohne das Gefühl, wirklich etwas geleistet zu haben.

Kaum etwas bleibt hängen
Dazu kommt das sogenannte «Popcorn Brain». Es ist ein Phänomen, von welchem immer mehr Menschen berichten. Inhalte heute sind kurz, laut und emotional. Kaum etwas bleibt hängen.
Das Gehirn gewöhnt sich an Dauerstimulation und reagiert immer schlechter auf Ruhe, Tiefe oder längere Texte. Das ist kein persönliches Versagen. Das ist neurologische Anpassung.
Das Paradoxe: Viele greifen zum Handy, um sich zu entspannen.
Neurobiologisch passiert oft das Gegenteil. Passives Scrollen hält das Stresssystem aktiv. Das Gehirn kommt nicht in den Regenerationsmodus. Erholung braucht entweder echte Pausen (Bewegung, bewusste Atmung, Wasser trinken, sozialer Austausch, Musik etc.) oder fokussierte Vertiefung.
Was hilft?
Die gute Nachricht: Unser Gehirn ist veränderbar. Aber nicht über Nacht.
Zwischen Wissen und Verhalten liegt eine grosse Lücke. Die schliesst man nicht mit Willenskraft allein, sondern mit klaren Rahmenbedingungen.
Wirksame Massnahmen: Hilfreich sind digitale, handyfreie Zeiten und Zonen. Zum Beispiel: Kein Handy am Esstisch. Kein Handy im Schlafzimmer. Orte und Zeiten, bei denen das Gehirn weiss: Hier kann ich runterfahren. Allein diese zeitliche und räumliche Trennung entlastet das Aufmerksamkeitssystem spürbar.
Oder: Reflektiere immer wieder bewusst (auch mit Hilfe der Bildschirmzeit): Kontrollierst du das Handy oder umgekehrt? Will ich diese Zeit wirklich auf diese Weise investieren?
Konkrete Mini-Schritte: Notifications abschalten, Timer stellen oder Sperr-Apps nutzen oder unnötige Handy-Apps löschen und Social Media-Follower aufräumen. Und: Alternativen zur Handynutzung bewusst einplanen, das Handy nachts ausserhalb des Schlafzimmers lassen. Und: Lernen oder Arbeiten ohne Handy in Griffnähe.
Und schliesslich ein einfacher, fast spielerischer Trick: Bevor du automatisch zum Handy greifst, laut aussprechen, was du jetzt genau tun willst: «Ich will die Uhrzeit checken.» Oder: «Ich will kurz eine Nachricht beantworten.»
Unser Gehirn benötigt Support
Oft merken wir in diesem Moment, dass es keinen echten Grund gibt. Und kommen aus diesem unbewussten Automatismus raus.
Handys sind nicht das Problem. Unbewusste neurologische Suchtsysteme schon.
Unser Gehirn braucht keine radikale Abstinenz. Es braucht Unterstützung. Und Führung. Und die beginnt nicht im Gerät. Sondern bei uns.

Zur Autorin
Dr. Maria Brasser ist Neurowissenschaftlerin, Lehrerin und Mitgründerin von Hirncoach, dem führenden Spezialisten für die Hirngesundheit. Gemeinsam mit ihrem Team entwickelt sie Programme für Eltern, Schulen und Unternehmen – unter anderem zur Stärkung der mentalen Gesundheit und Leistungsfähigkeit sowie zu einem klugen, hirngerechten Umgang mit digitalen Medien und Künstlicher Intelligenz. Interessiert? Infos unter hirncoach.ch.








