Das passiert im Hirn, wenn du Kommentare schreibst

Maria Brasser
Maria Brasser

Zürich,

Warum kommentieren Menschen eigentlich im Internet? Neurowissenschaftlerin Maria Brasser erklärt, was im Gehirn abläuft.

Maria Brasser
Dr. Maria Brasser ist Kolumnistin auf Nau.ch. - zvg

Das Wichtigste in Kürze

  • Neurowissenschaftlerin Dr. Maria Brasser schreibt auf Nau.ch Kolumnen.
  • Die Kommentarspalte sei sozusagen ein Fenster in unser Gehirn, schreibt Brasser.

Warum schreiben manche sofort ihre Meinung unter einen Artikel im Internet, während andere stumm mitlesen, vielleicht innerlich urteilen, aber nie etwas posten?

Und warum eskalieren Online-Diskussionen oft so schnell?

Die Antwort liegt weniger in der Technologie als in unserem Gehirn. Denn: Die Kommentarspalte ist sozusagen ein Fenster in unser Gehirn.

Es passiert im Emotionszentrum

Wir Menschen halten uns gerne für rational. Für objektiv und logisch denkende Wesen. Doch die heutige Hirnforschung zeigt uns ein anderes Bild.

Unser Gehirn ist nämlich so aufgebaut, dass alle Informationen zuerst immer durch das limbische System, also das Emotionszentrum, hindurchgehen, bevor sie überhaupt im Neokortex, also im «Denkhirn», ankommen.

Hirn ist hochdynamisch

Im Gegensatz zu künstlicher Intelligenz arbeitet unser Gehirn nicht linear nach festen Wahrscheinlichkeiten oder rein datenbasierten Analysen. Es ist hochdynamisch und ständig in Wechselwirkung mit unserer Umwelt.

Und insbesondere arbeitet das Gehirn permanent als Vorhersagesystem. Sekunde für Sekunde versucht es einzuschätzen: Was bedeutet diese Information für mich? Ist sie relevant? Oder könnte sie potenziell gefährlich oder bedrohlich sein?

Das Faszinierende dabei: Das Gehirn verarbeitet die Realität nie neutral. Es interpretiert sie durch die Brille unserer Erfahrungen.

Kommentare schreiben
Hoffnung oder doch Gefahr? Oftmals sind Emotionen im Spiel, wenn Kommentare geschrieben werden. - dpa-infocom GmbH

Gleiche Beitrag, andere Emotion

Jeder Mensch trägt sozusagen seine eigene innere Welt mit sich herum, geprägt durch Kindheit, Erlebnisse, Ängste, Werte, soziale Zugehörigkeit und frühere Erfahrungen.

Deshalb können zwei Menschen denselben Beitrag lesen und emotional völlig unterschiedlich reagieren. Der eine liest Gefahr. Die andere vielleicht Hoffnung. Der Nächste fühlt sich bestätigt und ein anderer angegriffen.

Nicht weil die Fakten unterschiedlich wären, sondern weil das Gehirn unterschiedlich bewertet. Und genau diese emotionale Bewertung passiert extrem schnell.

Schreibst du Leserkommentare im Internet?

Soziale Medien nutzen Mechanismus

Unser Gehirn bewertet zuerst alles emotional. Erst danach sucht der «rationale» Teil unseres Gehirns häufig nach Argumenten, die die bereits emotional entstandene Reaktion erklären.

Gerade soziale Medien nutzen genau diesen Mechanismus.

Empörende Schlagzeilen, extreme Aussagen oder emotional aufgeladene Titel aktivieren unser Gehirn sofort, denn sie sprechen hochrelevante Basisemotionen wie Angst, Wut oder Euphorie an und aktivieren dadurch automatisch auch unser Nervensystem, welches augenblicklich in Alarmbereitschaft geht.

Das ist kein Zufall.

Bedrohungen werden ernst genommen

Das menschliche Gehirn wurde evolutionär darauf trainiert, Bedrohungen besonders ernst zu nehmen. Wer Gefahren früh erkannte, hatte höhere Überlebenschancen.

Deshalb reagieren wir bis heute stärker auf negative Informationen als auf neutrale oder positive. Die Neurowissenschaft nennt das den «Negativity Bias».

Emotion schlägt Neutralität

Eine ruhige, sachliche Überschrift aktiviert unser Gehirn weit weniger als Titel wie «Das sollten Sie niemals tun!», «Experten schlagen Alarm!» oder «Darum sind viele Menschen gefährdet!». Emotion schlägt Neutralität. Und Angst ist rein aktivitätsbezogen die mächtigste Emotion.

Eine Hauptfunktion unseres Gehirns besteht nämlich darin, uns zu schützen, indem es Unsicherheit reduziert sowie Orientierung, Kontrolle und Erklärungen liefert.

Gerade in Krisenzeiten wird dieser Mechanismus sichtbar. Wenn Menschen sich überfordert fühlen, steigt die Sehnsucht nach klaren Antworten. Komplexität kostet das Gehirn Energie.

Gut oder böse?

Einfache Erklärungen fühlen sich deshalb oft angenehmer an als komplizierte Zusammenhänge. Das erklärt auch, warum Diskussionen online häufig so polarisiert verlaufen.

Das Gehirn liebt gerade im emotionalen Kontext eine klare Einordnung: Richtig oder falsch, gut oder böse, wir oder die anderen. Die Realität ist allerdings meistens deutlich komplexer.

Bist du emotional, wenn du einen Kommentar schreibst?

Menschliches Verhalten schwer vorhersehbar

Hinzu kommt: Das menschliche Gehirn ist kein stabiles System. Es verändert sich permanent. So können Stress, Schlafmangel, Hormone, persönliche Krisen, soziale Erfahrungen oder chronische Überforderung laufend beeinflussen, wie wir denken, fühlen und reagieren.

Genau deshalb ist menschliches Verhalten so schwer vorhersehbar.

Ein Mensch reagiert heute anders als gestern, abhängig davon, wie sein Nervensystem gerade belastet ist. Und dann gibt es noch die stille Mehrheit.

Hirn hochaktiv beim stillen Lesen

Denn: Viele Menschen kommentieren nie sichtbar. Sie beobachten nur (was ebenfalls eine extrem wichtige und früher sogar überlebenswichtige Tätigkeit war). Doch auch beim stillen Lesen arbeitet das Gehirn hochaktiv. Wir vergleichen, bewerten, ordnen ein und positionieren uns innerlich.

Soziale Medien sind deshalb nicht nur Informationsplattformen. Sie sind in erster Linie, neurobiologisch gesehen, eher emotionale Räume.

Unser Gehirn fragt dort permanent: Wo gehöre ich dazu? Welche Meinung ist sicher? Wer denkt wie ich? Wo droht Ablehnung?

Denn soziale Zugehörigkeit war für Menschen schon immer überlebenswichtig. Genau deshalb können Likes, Kommentare oder Ablehnung neurologisch so stark wirken. Sie aktivieren Belohnungs- und Stresssysteme tief in unserem Gehirn.

Wer kommentiert, teilt deshalb oft nicht nur eine Meinung, sondern auch Emotionen, Bedürfnisse, vielleicht sogar Unsicherheiten und generell das eigene Erleben der Welt.

Nicht jede Meinung ist rational

Und vielleicht hilft genau dieses Wissen dabei, Diskussionen im Netz anders zu betrachten. Nicht jede Reaktion ist bewusst. Nicht jede Meinung rein rational. Und nicht jeder Kommentar sagt nur etwas über ein Thema aus.

Manchmal sagt er vor allem etwas über den Menschen dahinter aus.

Ich freue mich riesig auf die Kommentare zu diesem Artikel 😊

Maria Brasser
Dr. Maria Brasser ist Neurowissenschaftlerin, Lehrerin und Mitgründerin von Hirncoach. - zvg

Zur Autorin

Dr. Maria Brasser ist Neurowissenschaftlerin, Lehrerin und Mitgründerin von Hirncoach, dem führenden Spezialisten für die Hirngesundheit. Gemeinsam mit ihrem Team entwickelt sie Programme für Eltern, Schulen und Unternehmen – unter anderem zur Stärkung der mentalen Gesundheit und Leistungsfähigkeit sowie zu einem klugen, hirngerechten Umgang mit digitalen Medien und Künstlicher Intelligenz. Interessiert? Infos unter hirncoach.ch.

Kommentare

User #4487 (nicht angemeldet)

Ihr Kommentar hat keinen erkennbaren Bezug zum Thema.

User #6967 (nicht angemeldet)

Haben Gefahr erkannt. 🤣

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