Bern: Schweizer Zoos zahlen 7,1 Millionen für Artenschutz
Im Tierpark Bern haben die sieben Zoos von zooschweiz ihr Engagement für die Artenvielfalt aufgezeigt. Jährlich fliessen 7,1 Millionen Franken in Naturschutzprojekte.

Die wissenschaftlich geführten Zoos der Schweiz haben heute im Tierpark Bern aufgezeigt, wie sie zum Erhalt der Artenvielfalt beitragen: mit international koordinierten Zuchtprogrammen, Forschung, Bildung und konkreten Projekten zum Schutz der Biodiversität. Im Zentrum steht der sogenannte One Plan Approach – ein Ansatz, der den Schutz von Tieren in der Wildnis und in menschlicher Obhut ganzheitlich betrachtet.
Die sieben im Verein zooschweiz organisierten Zoos begrüssen jährlich über 3,1 Millionen Gäste, darunter mehr als 130'000 Schülerinnen und Schüler. Zusätzlich nehmen fast 120'000 Personen an verschiedenen Bildungsangeboten wie beispielsweise Zooführungen teil. Damit schaffen die Zoos Zugang zur Natur, vermitteln ökologische Zusammenhänge und zeigen auf, wie jede und jeder Einzelne zum Erhalt der Biodiversität beitragen kann.
«In einer idealen Welt bräuchte es keine Zoos», sagt Severin Dressen, Direktor des Zoo Zürich. Doch diese Welt existiert nicht: Schätzungen zufolge sterben pro Tag rund 150 Tier-, Pflanzen- und Pilzarten aus. Diese unwiederbringlichen Verluste gehen meist auf menschengemachte Einflüsse zurück.
Dazu gehören die Zerstörung der Lebensräume, Wilderei, illegaler Handel mit Wildtieren oder die Veränderung des Weltklimas.
Eine zentrale Aufgabe von Zoos im Artenschutz ist der langfristige Erhalt von genetisch gesunden Reservepopulationen. Sie sind eine Art Versicherung für bedrohte Tierarten – insbesondere dann, wenn die Bestände in ihren natürlichen Lebensräumen verloren gehen. «Moderne, wissenschaftlich geführte Zoos können hier mit ihrer Expertise in der Haltung, Zucht und Erforschung von Wildtieren einen konkreten Beitrag leisten, um den Erhalt der Artenvielfalt zu unterstützen», erklärt Dressen.
Zoos arbeiten koordiniert in internationalen Erhaltungszuchtprogrammen der Europäischen Zoovereinigung EAZA. Derzeit sind rund ein Drittel der in den Mitgliedszoos von zooschweiz gehaltenen Tierarten vom Aussterben bedroht oder potenziell gefährdet.
Artenschutz endet aber nicht an den Zoogrenzen. So finanzieren und unterstützen die sieben Mitglieder von zooschweiz Naturschutzprojekte direkt in den natürlichen Lebensräumen der Artgenossen aus ihren Tierbeständen mit insgesamt 7,1 Millionen Franken pro Jahr. Das Engagement reicht von Beiträgen an die Betriebsbudgets von Schutzgebieten und der Ausbildung von Rangerteams über die Umweltbildung der lokalen Bevölkerung bis hin zur Forschungsarbeit vor Ort.
Ziel ist es, die noch wildlebenden Tierpopulationen sowie deren Lebensräume zu sichern.


Erfolgreiche Luchs-Auswilderungen
Nebst der langfristigen Absicherung gefährdeter Arten ausserhalb des natürlichen Lebensraums können die Reservepopulationen auch für Wiederansiedlungen in der Natur zur Verfügung stehen. Solche Massnahmen sind aber nur sinnvoll, wenn die Tiere gesund sind, selbständig überleben können und ihr Lebensraum langfristig geschützt ist. Die Mitglieder von zooschweiz sind regelmässig an Auswilderungsprojekten beteiligt – so zum Beispiel bei «Linking Lynx», das dem Schutz des Karpatenluchses in Europa gewidmet ist.
Bereits wurden mehrere Tiere aus Schweizer Zoos erfolgreich in Deutschland ausgewildert.
Auch der Tierpark Bern beteiligt sich bei Luchsauswilderungen. Direktorin Friederike von Houwald sagt: «Wissenschaftliche Zoos retten Tierarten nicht alleine. Aber sie sind ein wichtiges Puzzleteil im gesamten Netzwerk des Natur- und Artenschutzes. Die Stärke der Zoos liegt darin, ihre Erkenntnisse aus den vier Kernaufgaben Naturschutz, Artenschutz, Forschung und Bildung optimal miteinander zu verbinden und so zu dauerhaften Lösungen beitragen zu können.»
Die Zoos orientieren sich dabei am von der Weltnaturschutzunion IUCN vertretenen «One Plan Approach». Dieser verbindet Massnahmen im natürlichen Lebensraum, also in situ, mit Massnahmen ausserhalb dieses Lebensraums, also ex situ. Entscheidend ist, dass Behörden, Naturschutzorganisationen, Forschungseinrichtungen und Zoos nicht getrennt planen, sondern gemeinsam Strategien für den ganzheitlich gedachten Erhalt einer Art entwickeln.
Die IUCN räumt wissenschaftlichen Zoos eine bedeutende Rolle beim Erhalt und bei der Rettung bedrohter Arten ein.
Fortpflanzung ist ein Grundbedürfnis
Zoos müssen koordinieren, welche Tiere sich fortpflanzen, um einen regelmässigen Wechsel der Generationen zu garantieren und die genetische Vielfalt in den Zoopopulationen zu erhalten. Dank der artgerechten Haltung und veterinärmedizinischen Versorgung werden Tiere in Zoos oftmals älter als in der Natur. Damit bleibt aber weniger Platz übrig für reproduktionsfähige Jungtiere. Ein Dilemma.
«Die Überalterung gefährdet eine der Kernaufgaben wissenschaftlicher Zoos: die Erhaltung von Reservepopulationen für den Artenschutz», sagt Marcus Clauss, Co-Direktor der Klinik für Zoo-, Heim- und Wildtiere am Tierspital der Universität Zürich. «Nachwuchs ist jedoch nicht nur für genetisch gesunde Bestände wichtig», betont Clauss, «sondern auch für das Tierwohl. Die Fortpflanzung ist ein Grundbedürfnis jedes Tieres, weshalb diese in Zoos generell zugelassen werden sollte. Zusätzlich ermöglicht Nachwuchs den Tieren, artspezifische Sozialstrukturen zu bilden und natürliches Verhalten wie Paarbindung, Brutpflege und Jungenaufzucht zu entwickeln.»
Indessen sind die Haltungskapazitäten in den europäischen Zoos pro Tierart beschränkt, weshalb es bei genetisch überrepräsentierten Tieren dann zu Tötungen kommen muss.
Marcus Clauss hat im letzten Jahr eine Studie zum Thema Überalterung von Zoopopulationen publiziert – unter anderem in Zusammenarbeit mit dem Zoo Zürich. Sie steht beispielhaft für die vielfältige Forschungsarbeit der sieben zooschweiz-Mitglieder, die derzeit an mehr als 130 wissenschaftlichen Projekten beteiligt sind. Diese Arbeiten tragen dazu bei, Erkenntnisse zu gewinnen, die für den Erhalt unserer Biodiversität wichtig sind.
Zweck und Ziele von zooschweiz
Zooschweiz ist die Dachorganisation der wissenschaftlich geleiteten zoologischen Gärten der Schweiz. In den Zoos seiner Mitglieder leben über 800 verschiedene Tierarten – viele davon sind in der Natur bedroht. Ziel von zooschweiz ist es, die Zusammenarbeit unter den Mitgliedszoos zu stärken, gemeinsame Standards weiterzuentwickeln und die Leistungen moderner Zoos sichtbar zu machen.
Die Mitglieder von zooschweiz verstehen sich als Bildungs-, Forschungs- sowie Arten- und Naturschutzeinrichtungen. Sie halten Tiere nach aktuellen Erkenntnissen der Tiergartenbiologie und Veterinärmedizin, beteiligen sich an internationalen Zuchtprogrammen, schaffen Wissen und engagieren sich für den Schutz bedrohter Arten und ihrer Lebensräume.






