So blickt Lena Allenspach auf fünf Jahre als Co-Präsidentin der SP

Yves Schott
Yves Schott

Bern,

Fünf Jahre lang führte Lena Allenspach die städtische SP als Co-Präsidentin. Nun spricht sie über ihren Rücktritt, prägende Stadtratsmomente und private Themen.

Allenspach
Nach fünf Jahren gibt Lena Allenspach ihr Amt als Co-Präsidentin der städtischen SP ab. - Daniel Zaugg

Fünf Jahre lang war sie Co-Präsidentin der städtischen SP. Nun gibt Lena Allenspach ihr Amt ab. Was sie bis heute ärgert, welcher Stadtratsmoment ihr unter die Haut ging und worüber sie privat spricht, wenn es mal nicht um Politik geht.

BärnerBär: Lena Allenspach, erfolgt Ihr Rücktritt aus tiefer Überzeugung oder aus taktischen Überlegungen?

Lena Allenspach: Ich habe das Amt wirklich gerne ausgeübt und kann aus dieser Zeit viel mitnehmen. Für mich war aber klar, als Co-Präsidentin nicht bei zwei Wahlen ins Rennen steigen zu wollen.

Mir war es ein wichtiges Anliegen, dem neuen Co-Präsidium vor den nächsten Wahlen genug Zeit zu geben. Daher ist 2026 der ideale Moment für einen Wechsel.

BärnerBär: Treten Sie in zweieinhalb Jahren nochmals als Stadträtin an?

Allenspach: Stand heute: klar! Sollten mich die Stadtbernerinnen und Stadtberner am 29. März in den Grossen Rat wählen, würde ich allerdings als Stadträtin zurücktreten.

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Lena Allenspach: «Ich habe das Amt wirklich gerne ausgeübt und kann aus dieser Zeit viel mitnehmen.» - Daniel Zaugg

BärnerBär: Warum kandidieren Sie überhaupt für den Grossen Rat?

Allenspach: Es ist zentral, dass der Kanton gute Rahmenbedingungen für die Gemeinden und damit für die Menschen, die dort leben, schafft.

Zwei Beispiele: Die Mieten sind in den letzten 20 Jahren um 30 Prozent gestiegen, bei häuslicher Gewalt erleben wir einen Anstieg von 14 Prozent. Wir brauchen einen Kanton, der Verantwortung übernimmt, in den Schutz von Frauen investiert und für faire Mieten sorgt.

BärnerBär: Wie hoch schätzen Sie Ihre Wahlchancen ein?

Allenspach: Das entscheiden letztlich die Wählerinnen und Wähler. Ich hoffe, wir als SP können den Schwung aus den letzten Wahlen mitnehmen. Wenn einer der Grossratssitze mir zufällt, würde mich das natürlich sehr freuen.

BärnerBär: Wie gross wäre die Enttäuschung, wenn es nicht klappt?

Allenspach: (Überlegt kurz und schmunzelt) Darum geht es nicht, wir geben Vollgas für einen sozialen Kanton Bern.

BärnerBär: Wenn Sie auf die letzten fünf Jahre zurückblicken: Welche Debatte hat Sie besonders geprägt?

Allenspach: In der vergangenen Legislatur, als es um sexuelle Belästigung ging, meldeten sich im Stadtrat Frauen aus fast allen Fraktionen zu Wort und teilten ihre Erfahrungen zu diesem Thema. Im Saal war es mucksmäuschenstill. Das war ein Gänsehautmoment.

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Andererseits blieb mir die Diskussion um die Arbeitsbedingungen fürs städtische Personal stark in Erinnerung. Diese Teilrevision war ein wichtiger Schritt für gute Arbeitsbedingungen.

BärnerBär: Wo haben Sie persönlich am meisten bewirkt?

Allenspach: Ich setze mich stark dafür ein, bezahlbaren Wohnraum zu schützen – etwa durch Massnahmen gegen Leerkündigungen, die Eindämmung von Airbnb und die Förderung des gemeinnützigen Wohnungsbaus.

Gerade letzte Woche hat der Stadtrat eine Motion von zwei Fraktionskollegen und mir für 100 Prozent gemeinnützigen Wohnungsbau auf dem Mittelfeld angenommen.

Ausserdem setze ich mich für die Einführung eines städtischen Mindestlohns ein und habe gemeinsam mit anderen eine Initiative eingereicht. Mir ist wichtig, dass Bern bezahlbar bleibt und niemanden zurücklässt.

BärnerBär: Wurden Ihre Erwartungen erfüllt? Die SP-Fraktion ging in Ihren Vorstössen oft weiter als der Gemeinderat.

Allenspach: Die Stadt unternimmt bereits sehr viel für eine aktive Wohn- und Bodenpolitik. Das ist sehr wichtig. Aber der Druck auf die Mietenden ist jedoch enorm, deshalb müssen wir sämtliche bestehenden Hebel nutzen, um sie zu entlasten.

BärnerBär: Was ist Ihnen in Ihrer Arbeit als Politikerin gründlich misslungen?

Allenspach: Was mich bis heute ärgert: Das Zweitwohnungsreglement zur Eindämmung von Airbnb in der Altstadt wird nach wie vor vom Hauseigentümerverband HEV blockiert.

Damit der Wohnraum in der Altstadt möglichst schnell geschützt werden kann, haben wir es nicht auf die ganze Stadt ausgedehnt – denn dafür hätte es eine Neuauflage des Reglements benötigt. Doch durch die unsägliche Verzögerungstaktik des HEV ist es dennoch bis heute blockiert.

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Lena Allenspach: «Ich hoffe, wir als SP können den Schwung aus den letzten Wahlen mitnehmen.» - Daniel Zaugg

BärnerBär: Gleichwohl politisiert es sich als SP-Politikerin in Bern doch ziemlich gemütlich. Sie gehören zur mit Abstand grössten Partei und haben gleichzeitig noch die Stapi im Rücken.

Allenspach: Dank dem grossen Vertrauen, das uns bei den letzten Wahlen entgegengebracht wurde, können wir im Rat jene Anliegen umsetzen, die uns wichtig sind. Trotzdem werden uns auch etliche Steine in den Weg gelegt. So wird auf nationaler Ebene gerade das erste Lohnsenkungsgesetz diskutiert.

Dabei sollen von Stimmvolk beschlossene Mindestlöhne auf kantonaler und kommunaler Ebene per Gesetz ausgehebelt werden. Bei Tempo 30 wird ausserdem probiert, die Gemeindeautonomie massiv einzuschränken.

BärnerBär: Nicht nur die Bürgerlichen werfen der SP allerdings oft arrogantes Powerplay und ideologische Scheindebatten vor.

Allenspach: Wenn eine Person eine andere Meinung vertritt, ist es immer einfach, dieser vorzuwerfen, sie handle rein ideologisch. Wir alle handeln aus unseren Wertehaltungen heraus; dass dabei unterschiedliche Vorstellungen aufeinandertreffen, gehört zur politischen Debatte.

BärnerBär: Eine politische Minderheit, die etwas lauter und pointierter auftritt, liegt doch in der Natur der Sache.

Allenspach: Ja, nur heisst das nicht, dass sich die Mehrheit den Lösungen verweigert. Ich könnte ja ebenso den Bürgerlichen vorwerfen, sich aus ideologischen Gründen gegen einen Mindestlohn zu stellen. Mindestlöhne wirken sich nicht negativ auf die Arbeitslosenquote aus, wie immer behauptet wird, das belegen Studien. Im Gegenteil.

Befürwortest du das Konzept eines Mindestlohns?

BärnerBär: Zudem wird kolportiert, das Klima im Stadtrat sei schon besser gewesen. Wie früher nach einer hitzigen Debatte ein Bier zusammen zu trinken, sei inzwischen eher die Ausnahme als die Regel.

Allenspach: Den Eindruck teile ich überhaupt nicht. Der Austausch ausserhalb des Parlamentssaals findet weiterhin statt. Ich schätze diesen sehr.

BärnerBär: Haben Sie wegen abweichender Meinungen mit jemandem aus dem Stadtrat ein persönliches Problem?

Allenspach: Nein. Alle, die sich in Berns Parlament engagieren, setzen einiges an Herzblut und Energie ein, um diese Stadt mitzugestalten. Doch klar hat man mit einigen mehr Kontakt als mit anderen, das ist bei 80 Personen normal.

BärnerBär: Einem möglichen Werbeverbot auf städtischem Grund stimmte die SP zuerst zu. Danach folgte zwar die Kehrtwende – eine solche antikapitalistische Haltung hätte man der SP trotzdem nicht zugetraut.

Allenspach: Die Frage ist doch: Wie wollen wir den öffentlichen Raum gestalten und unter welchen Regeln? Am Schluss war bei unserem Entscheid wichtig, ob auf die durch ein Werbeverbot entstehenden Mindereinnahmen in einer angespannten Finanzlage wirklich verzichtet werden soll.

Mittel also, die für Sozialpolitik genutzt werden könnten. Die Fraktion entschied sich dann dagegen. Diese Entscheidung teile ich.

BärnerBär: Aus ideologischen Gründen hätten Sie der Idee allerdings zugestimmt?

Allenspach: Wenn das Geld einfach zu Tech-Konzernen fliesst, ist uns kaum geholfen, und dennoch müssen wir uns diesen Fragen stellen. Wir werden sehen, wo die Debatte hinführt.

Bern
Die Stadt Bern. - pixabay

BärnerBär: Welches politische Anliegen ist Ihnen am wichtigsten, wenn Sie wirklich nur eines nennen dürften?

Allenspach: Was mich enorm beschäftigt, ist die steigende soziale Ungleichheit. Die Zahlen der Armutsbetroffenen steigen, die Überreichen wiederum kumulieren immer mehr Vermögen bei sich. Da benötigt es einen Wandel.

BärnerBär: Worüber unterhalten Sie sich am liebsten, wenn Sie privat mal nicht über Politik reden?

Allenspach: Über alles Mögliche, wobei ich dann feststelle, dass alles immer auch ein wenig politisch ist (lacht).

BärnerBär: Wie wäre es mit: Skifahren oder Wandern?

Allenspach: (Lacht) Dann Skifahren. Wobei, ich gehe selten auch Wandern. Mit meinen Oberländer Freundinnen organisieren wir nun jedes Jahr einen Ski- und einen Wandertag.

BärnerBär: Ferien?

Allenspach: Reisen bedeutet mir viel. Und ich esse wahnsinnig gerne und probiere gerne unterschiedliche Gerichte. Essen macht beim Reisen mittlerweile eine recht grosse Komponente aus. Aber auch hier würden viele sagen: Essen ist ebenfalls politisch. (lacht)

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