Koch: Nicht Einwanderung, sondern die Überalterung ist unser Problem
Problem der Bevölkerungszunahme in der Schweiz ist nicht die Einwanderung, sondern die Überalterung.

Das Wichtigste in Kürze
- Daniel Koch war zwischen 2008 und 2020 BAG-Leiter der Abteilung Übertragbare Krankheiten.
- Auf Nau.ch schreibt Koch regelmässig Kolumnen.
- Die Voraussetzungen für ein langes Leben dürften sich sogar verbessern, schreibt Koch.
- Und: Die Volksinitiative «Keine 10-Millionen-Schweiz!» sei ein Schwindel.
Bei den Kommentaren zu meinen Kolumnen werde ich immer wieder aufgefordert, meinen Ruhestand zu geniessen.
Ich kann all die besorgten Leserinnen und Leser beruhigen: Ich geniesse meinen Ruhestand ausgiebig. Unter anderem, indem ich schreibe.
In einer früheren Kolumne habe ich dargestellt, was die Statistiken der Lebenserwartung bedeuten und auf was sie hinweisen.
Mittlerweile hat das Bundesamt für Statistik die neusten Zahlen veröffentlicht. Es ist erfreulich, denn wir dürfen immer mehr damit rechnen, sehr alt zu werden.
Mädchen die 2025 geboren wurden, werden im Durchschnitt 86,3 Jahre alt werden, falls sich die Lebensbedingungen in diesem Zeitraum nicht ändern oder verschlechtern.
Menschen werden noch älter
Es ist davon auszugehen, dass sie sich die Voraussetzungen für ein langes Leben sogar weiterhin verbessern. In den nächsten Jahrzehnten werden weitere Fortschritte in der Medizin und der Gesundheitsforschung gemacht. Das wird die Lebenserwartung weiter ansteigen lassen.
Und das bedeutet, dass die Menschen noch älter werden, als die aktuellen Berechnungen vorhersagen.

Rentenalter heraufzusetzen?
Das bringt Herausforderungen mit sich, welche man erkennen und angehen muss. Eine Tatsache ist, dass Seniorinnen und Senioren immer länger eine Rente beziehen werden.
Deshalb fordern viele, das Rentenalter heraufzusetzen. Aber ist dies wirklich sinnvoll und löst es das Problem? Wohl kaum, denn mit dem höheren Alter wird die Schere zwischen denen, welche leistungsfähig bleiben und denen, welche einen ruhigen Ruhestand brauchen, immer grösser.
Deshalb muss man Alternativen zur Rentenaltererhöhung finden und prüfen.
So arbeiten zum Beispiel in Japan viele Rentner auch nach dem Erreichen der Altersgrenze weiter, weil ihnen und den Arbeitgebern attraktive Arbeitsbedingungen zur Verfügung stehen. Sie erhalten tiefere Löhne, kosten weniger und beziehen zusätzlich ihre Rente.
Gesamtbevölkerung wächst
Mit der stetig zunehmenden Lebenserwartung wächst auch die Gesamtbevölkerung. Nicht erst seit der Einreichung der SVP-Initiative weiss man, dass die Schweiz in absehbarer Zeit mehr als 10 Millionen Einwohner haben könnte.
Diese Tatsache durch Einschränkungen bei der Einwanderung angehen zu wollen, ist mehr als kurzsichtig.

Denn: Es wandern vor allem arbeitende, junge Fachkräfte ein, welche mithelfen, den Wohlstand der Schweiz zu erhalten.
Ohne diese Zuwanderung wird das Ungleichgewicht der Rentenbevölkerung zur arbeitenden Bevölkerung noch viel krasser kippen. Aber genau diese Einwanderung wird die Annahme der «Keine 10-Millionen-Schweiz»-Initiative beschränken.
Wenn wir die Bevölkerungspyramide von 2010 mit der Pyramide von 2024 vergleichen, sieht man, dass wir spätestens in zehn Jahren Probleme haben werden. Dann gehen die geburtenstärksten Jahrgänge (1964/65) in Rente.
Voraussichtlich wird die Bevölkerungspyramide 2055 noch viel drastischer aussehen. Dann leben von den geburtenstarken Jahrgängen, als über 90-Jährige, immer noch ungefähr die Hälfte. Auch sieht die Vorhersage für 2055 vor, dass mehr als 7000 Männer und mehr als 16'000 Frauen in der Schweiz über 99 Jahre alt sein werden.
Im Jahr 2024 lebten in der Schweiz 5,5 Millionen 20- bis 65-Jährige und 1,8 Millionen über 65-Jährige. Das heisst auf jeden Rentner entfielen 4 bis 5 erwerbsfähige Personen. Laut dem Bundesamt für Statistik werden 2055 auf jede Person im Rentenalter nur noch rund zwei erwerbsfähige Personen entfallen.
Im Klartext: Das Problem der Bevölkerungszunahme in der Schweiz ist nicht die Einwanderung, sondern die Überalterung.
«Keine 10-Millionen-Schweiz!» ist Schwindel
Die Volksinitiative «Keine 10-Millionen-Schweiz!» ist ein Schwindel. Denn sie löst das Problem der Bevölkerungszunahme in keiner Art und Weise.
Im Gegenteil. Die Probleme würden, bei einer Annahme, nur noch grösser.
Was die Schweiz wirklich braucht, ist eine schnelle und konsequente Umsetzung der Pflegeinitiative. Aber ohne Zuwanderung wird die Schweiz zu einer Alterssiedlung ohne Betreuung verkommen.
Weltbevölkerung schrumpft
Auch die Angstmacherei, die Bevölkerung der Schweiz werde, ohne die Einschränkung der Zuwanderung, immer weiter anwachsen und aus allen Nähten platzen, entbehrt jeder statistischen Basis.
Alle seriösen Berechnungen und Prognosen gehen davon aus, dass die Weltbevölkerung im nächsten Jahrhundert zu schrumpfen beginnt.
Dies ist kein Wunschdenken, sondern beruht auf der Tatsache, dass die Geschwindigkeit des Wachstums bereits seit 1964 rückläufig ist.
Das Bundesamt für Statistik rechnet mit einer sich abflachenden Wachstumskurve der Wohnbevölkerung, wie die Statistik aus der Broschüre «Szenarien zur Bevölkerungsentwicklung der Schweiz und der Kantone 2025–2055» zeigt.
Dabei fällt auf, dass die Vorhersagen der Europäischen Union (EU) und die Prognose der UN tiefer ausfallen als die des Bundesamts für Statistik (siehe Grafik). Laut diesen Prognosen würde die 10-Millionen-Marke gar nicht erreicht werden.

Ausserdem wird die Wohnbevölkerung der aktuellen EU (27 Länder) voraussichtlich von 453,3 Millionen Personen Ende 2025 auf 443,5 Millionen Personen im Jahr 2055 schrumpfen.
Lohnt es sich also überhaupt, sich wegen dieser Initiative, ein neues, zusätzliches Problem mit unseren 45-mal grösseren Nachbarn einzuhandeln? Wohl kaum.
Rechtspopulistische Optik
Diese Initiative kann man nur aus einer rechtspopulistischen Optik heraus verstehen.
Es geht nur darum, Wählerstimmen und Macht zu gewinnen mit den Mitteln der Angstmacherei, Fremdenfeindlichkeit und Schuldzuweisungen an Ausländer.
Genauso wenig wie die Abschiebepolitik der Trump-Regierung in den USA, mit den gewaltbetonten Mitteln der ICE-Agenten, etwas zum Wohlstand der USA-Bürger beiträgt, ist diese Initiative geeignet, die Lebensqualität in der Schweiz zu verbessern.
In einer Welt, die durch einen chaotischen Zusammenbruch bedroht wird, wäre es vielleicht an der Zeit, dass die politischen Parteien sich mit der Lösung echter Probleme auseinandersetzten.
Initiativen, die auf falschen Behauptungen basieren, die mehr Probleme schaffen als sie lösen und nur der eigenen Ideologie dienen, braucht es eigentlich nicht.
Zum Autor
Daniel Koch war zwischen 2008 und 2020 Leiter der Abteilung Übertragbare Krankheiten beim Bundesamt für Gesundheit (BAG). Er ist der Öffentlichkeit als «Mister Corona» bekannt und schreibt regelmässig Kolumnen auf Nau.ch. Koch lebt im Kanton Bern.










