Ständerat

Ständerat am Zug: Pflegeinitiative abgespeckt beschlossen

Der Nationalrat hat das neue Pflege-Arbeitsgesetz zwar angenommen, ihm aber viele zentrale Verschärfungen gestrichen. Jetzt entscheidet der Ständerat.

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Patrick Hässig, GLP-Nationalrat und Pflegefachmann und SVP-Nationalrätin Diana Gutjahr im Nau.ch-Video. - Nau.ch

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Nationalrat beschliesst das Pflegegesetz, streicht aber viele Verbesserungen.
  • Bürgerliche wollen weniger Regeln wegen Kosten und Prämien.
  • Linke kritisieren das stark – nun folgt der Ständerat.

Das neue Gesetz für bessere Arbeitsbedingungen in der Pflege hat die erste Hürde geschafft. Nach einer langen Debatte hat der Nationalrat die Vorlage in der Gesamtabstimmung angenommen, ihr zuvor aber mehrere Zähne gezogen. Nun ist der Ständerat am Zug.

Mit neuen gesetzlichen Regelungen soll die 2021 an der Urne klar angenommene Pflegeinitiative umgesetzt werden. Am Dienstag unterhielt sich die grosse Kammer über sechs Stunden ausführlich über Normalarbeitszeit, Höchstarbeitszeit, Überstunden, Umkleidezeit, Pausen, Bereitschafts-, Präsenz- und Pikettdienste, die Ankündigungsfrist der Dienstpläne und über Nacht-, Sonntags- und Feiertagsarbeit.

Am Schluss zeigte sich: Viele Vorschläge des Bundesrats sind nicht mehrheitsfähig. Die Fronten waren klar: Die linke Seite wollte lieber mehr, die bürgerliche Seite weniger Vorschriften. Letztere setzte sich fast ausnahmslos durch.

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Gesundheitsministerin Elisabeth Baume-Schneider hatte beim neuen Pflege-Gesetz im Nationalrat einen schweren Stand. - keystone

Die bürgerliche Mehrheit im Nationalrat drückte den teilweise umstrittenen Forderungen ihren Stempel auf. Fast ausnahmslos folgte die grosse Kammer den Anträgen ihrer Kommission und verzichtete auf mehrere vom Bundesrat geplante Massnahmen.

Keine Reduzierung der Stunden

So soll die wöchentliche Höchstarbeitszeit in der Pflege nicht von 50 auf 45 Stunden reduziert werden. Weiter entschied der Nationalrat, die wöchentliche Normalarbeitszeit auf maximal 42 Stunden festzulegen. Der Bundesrat soll keine Kompetenz erhalten, diesen Höchstwert auf bis zu 40 Stunden zu senken.

Überstunden sollen künftig durch Freizeit von mindestens gleicher Dauer oder mit dem Normallohn plus einem Zuschlag von mindestens 25 Prozent ausgeglichen werden. Hier übernahm der Nationalrat im Grundsatz den Vorschlag des Bundesrats, strich aber den Vorrang des Ausgleichs durch Freizeit aus dem Gesetz.

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Farah Rumy, SP-SO, spricht zur Umsetzung der Pflegeinitiative, an der Sondersession des Nationalrates am Dienstag. - keystone

Weiter beschloss die grosse Kammer, dass bei dauernder oder regelmässig wiederkehrender Sonntags- und Feiertagsarbeit zusätzlich zur Ersatzruhe ein Lohnzuschlag von mindestens 25 Prozent zu gewähren sei. Das ist die Hälfte des Vorschlags der Landesregierung.

Bei der Anrechnung und dem Ausgleich von Bereitschafts- und Pikettdiensten soll der Bundesrat lediglich ermächtigt sein, den Ausgleich dieser Dienste festzulegen – und nicht, inwieweit diese als bezahlte Arbeitszeit anzurechnen sind.

Fronten waren klar

Die links-grüne Seite wollte lieber mehr, die bürgerliche Seite weniger Vorschriften. Die Mehrheit aus SVP, FDP und Mitte-Partei warnte davor, mit dem Gesetz zu überborden. Die Kosten im Gesundheitswesen müssten im Auge behalten werden. Würde die Vorlage des Bundesrats umgesetzt, würden sich die Krankenkassenprämien weiter erhöhen, lautete der Tenor von Mitte-Rechts.

Findest du die Abschwächung des Gesetzes gerechtfertigt?

Links-Grün sprach dagegen von einer Arbeitsverweigerung des Parlaments. Der Nationalrat untergrabe schamlos jeden Anlauf, die Arbeitsbedingungen in der Pflege konkret zu verbessern. Der klare Volksauftrag werde nicht umgesetzt.

Noch ist das Geschäft nicht unter Dach und Fach. Als Nächstes ist der Ständerat am Zug.

Zu hohe Kosten

SVP-Nationalrätin Diana Gutjahr hätte diese zweite Etappe der Umsetzung der Pflege-Initiative am liebsten gleich zurück an den Absender geschickt. Ihr Antrag auf Zurückweisung an den Bundesrat lehnte der Nationalrat aber ab. Sie stört sich an den Kosten, die durch die besseren Arbeitsbedingungen für die Pflege entstehen.

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SVP-Nationalrätin Diana Gutjahr befürchtet hohe Kosten durch die Umsetzung der Pflege-Iinitiative. - Nau.ch / Matthias Bärlocher

2021, als das Stimmvolk Ja sagte zur Pflege-Initiative, sei diese zu Zeiten von Covid halt sehr hoch im Kurs gestanden. «Dazumal hatte die Initiative kein Preisschild dran. Jetzt streiten wir halt darüber, wer den Ausbau bezahlt.» Am Schluss werden das wohl die Prämienzahlenden sein, befürchtet Gutjahr.

Möglich sei auch, dass es bald weitere Forderungen geben könnte, wenn man für die Pflegenden ein separates Gesetz mache. «Kommen dann andere Berufe und wollen auch ein eigenes Gesetz?», fragt sich die SVP-Nationalrätin.

«Ausbau der Kosten»

Sie bezweifelt, ob das Ziel – die Verbesserung der Arbeitsbedingungen – tatsächlich erreicht werde. «Eigentlich ist es im Grundsatz eher ein Ausbau der Kosten: Mit der Höchstarbeitszeit, mit den Pausenvergütungen».

Patrick Hässig, GLP-Nationalrat und Pflegefachmann, widerspricht: Die Pandemie habe das Volk nicht geblendet, das zeitliche Zusammenfallen mit der Abstimmung ein Zufall gewesen. «Aber selbstverständlich hat man durch die Pandemie gesehen, was es bedeutet, wenn man eben zu wenig oder eben genug Pflegepersonal hätte.»

Nicht nur Körperpflege

Zu beschreiben, was Pflegende den ganzen Tag machten, sei nämlich eine Herausforderung. «Man landet immer wieder bei der Körperpflege, und das ist es eben einfach nicht. Durch die Pandemie hat man gesehen, was die Pflegefachleute leisten müssen und in welchen emotionalen Bereichen sie tätig sind.»

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Nationalrat Patrick Hässig (GLP/ZH) hofft nun, der Ständerat verbessere die Arbeitsbedingungen für die Pflege. - Nau.ch / Matthias Bärlocher

Von der Debatte im Nationalrat ist Hässig enttäuscht. Es sei doch keine überrissene Forderung, vier Wochen im Voraus den Dienstplan zu kennen. «Nota bene auch an den Wochenenden und Feiertagen.»

Das grösste Ärgernis ist für Hässig, dass man die Höchstarbeitszeit der Pflegenden nicht senken will. Andere Branchen hätten 45 Stunden festgelegt. «Bei der Pflege belässt man es bei 50 Stunden – das versteht glaub wirklich niemand.»

Nun hofft er auf den Ständerat. Mindestens bei der Höchstarbeitszeit müsse man den Pflegenden entgegenkommen und sie nicht bei 50 Stunden pro Woche belassen: «Denn das, das geht nicht!»

Kommentare

User #3766 (nicht angemeldet)

Ein bürgerlicher Politiker in Deutschland musste mal wegen Herzinfarkt ins Spital. Er hat danach nie mehr für Einsparungen politisiert. Ist meist so. Viele können sich nicht so in Probleme einfühlen, bis sie selbst mal Erfahrungen sammeln.

User #84 (nicht angemeldet)

Mit der Umsetzung der MEI2014 wäre das Problem entschärft worden. Ursache FDP, nicht die SVP.

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