Die SwissCovid App wird um eine Funktion für Innenräume erweitert, wo weniger die Distanz als die Aerosole entscheidend sind.
NotifyMe SwissCovid App Update
Die App «NotifyMe» der ETH, die nun in die SwissCovid App integriert werden soll: Beim Einchecken QR-Code scannen, das eigene Ausgangs-Tagebuch ist optional, hoffentlich nie benachrichtigt werden. - Screenshot notify-me.ch

Das Wichtigste in Kürze

  • Für die SwissCovid App soll es demnächst ein grosses Update geben.
  • Für Restaurants & Co. wird ein «Check-in» und rückwirkendes Contact Tracing ermöglicht.
  • IT-Experten unter den Politikern begrüssen den Schritt, die SVP bleibt skeptisch.

Die SwissCovid App wird ausgebaut: Sie soll auch in Innenräumen, wo Aerosole die Hauptsorge sind, zum Zug kommen. Also zum Beispiel in Restaurants als Ersatz für die – immer wieder anders aufgezogene – Registrierung. Dort braucht es die ausgeklügelte Distanzmessung via Bluetooth nicht, aber das Smartphone muss wissen, wann man wo war.

Handtasche SwissCovid NotifyMe Club
Die Lösung für das «Handtaschen-Problem» der SwissCovid App? Mit der Erweiterung um «NotifyMe» wird nicht physische Nähe, sondern Anwesenheit in einem ganz bestimmten Innenraum registriert. - Keystone

«Venue-Check-ins» nennt sich das, «backward contact tracing» – nachträgliches Contact Tracing – wäre so gesichert. Die Technologie dazu existiert bereits, auch von der ETH, die ihr «NotifyMe»-Projekt jetzt in der SwissCovid App integrieren will.

Daten bleiben beim Check-in privat

Vom Prinzip her wäre das dann ähnlich wie eine Registrierungsapp: QR-Code scannen, abwarten, Tee trinken – oder auch Bier. Die Daten bleiben aber auf dem eigenen Handy, die App vergleicht lediglich «Schlüssel» mit einem zentralen Server. Gibt es eine Übereinstimmung, meldet dies die App ausschliesslich dem Handy-Besitzer.

Barbara Steinemann Computer
SVP-Nationalrätin Barbara Steinemann arbeitet am Computer, an der Sommersession der Eidgenössischen Räte, am Mittwoch, 3. Juni 2020. - Keystone

Ein Missbrauch der eigenen Daten sei somit ausgeschlossen, bestätigt Mathias Wellig, CEO des App-Entwicklers Ubique. «Wenn eine Nutzerin positiv getestet wurde, kann sie freiwillig ihre besuchten Orte melden», so Wellig,. Es würden also keine persönlichen Daten veröffentlicht. «Sondern lediglich verschlüsselte Elemente aus dem QR-Code mit denen niemand, ausser die anderen anwesenden Personen, etwas anfangen kann.»

Skepsis der Politik trotz entsprechenden Forderungen

Parlamentarier haben zwar immer wieder ein besseres Contact Tracing gefordert, auch um damit Öffnungsschritte schneller möglich zu machen. Die SwissCovid App stand dabei immer wieder in der Kritik. Entweder weil sie nicht wunschgemäss funktioniere oder weil das BAG sie zu wenig pushe. Mit der heutigen Ankündigung von ETH-Professor Marcel Salathé, die App werde bald erweitert, haben einige aber mehr Fragen als Antworten.

Marcel Salathé SwissCovid NotifyMe
In einem langen Twitter-Thread zieht ETH-Professor Marcel Salathé Bilanz zur SwissCovid App und kündigt eine entscheidende Neuerung an. - Screenshot Twitter

Soll die SwissCovid App die Registrierungsapps überflüssig machen und zur Pflicht werden? Muss ein Veranstalter überprüfen, ob die App installiert ist? Können die eh schon überlasteten Kantone die Daten überhaupt verarbeiten? Fragen, die es sicherlich noch zu klären gilt.

SVP-Nationalrätin Barbara Steinemann hat dagegen ganz grundsätzliche Bedenken. «Skepsis ist angebracht, ob diese Erweiterung der App nun plötzlich funktioniert, wenn schon die Hauptfunktion versagt.» Sollte ein App-Obligatorium kommen, stellten sich nicht nur datenschützerische Fragen, sondern auch grundrechtliche. Viele seien resigniert und misstrauisch gegenüber der SwissCovid App, weil sie von dieser nie eine Reaktion erhalten hätten.

Nerds unter den Politikern geben Daumen rauf

Ein Umstand, der eigentlich so gewollt ist, von den App-Entwicklern aber dennoch schon letzten Sommer angegangen wurde. Jörg Mäder, GLP-Nationalrat und Programmierer, kann die Hemmungen gegenüber dem App-Update nachvollziehen, aber aus den genau umgekehrten Gründen. «Man grübelt: Moment, das lief bis jetzt einfach im Hintergrund, jetzt muss ich doch noch aktiv QR-Codes scannen.» Es handle sicher aber dennoch nicht um staatliche GPS-Überwachung, sondern eine datenschützerisch sehr gute Umsetzung, gibt der Fachmann Entwarnung.

Werden Sie die zusätzliche Funktion «NotifyMe» in der SwissCovid App benutzen?

Ubique-CEO Wellig bestätigt, dass diesbezüglich sein Produkt eine fundamental andere Architektur habe als die von Rapper Smudo gehypte «Luca»-App. «Anders als bei Luca bleiben die Check-ins lokal auf dem Smartphone und werden nicht an einen zentralen Server geschickt.» Damit würden die gleichen privatsphärewahrenden Prinzipien angewendet wie auch schon bei der ersten Version von SwissCovid.

Jörg Mäder Gerhard Andrey
Die Nationalräte Jörg Mäder (Grünliberale, links) und Gerhard Andrey (Grüne) diskutieren während der Frühlingssession der Eidgenössischen Räte, am Montag, 8. Maerz 2021. - Keystone

Gerhard Andrey, Nationalrat der Grünen und IT-Unternehmer, findet wenn schon die derzeitige Datensammlerei in Restaurants heikel: «Das muss jetzt aufhören. Mit diesen Daten entsteht nämlich ein grosses Datensicherheitsrisiko und Missbrauchspotential.» Die um «NotifyMe» erweiterte SwissCovid App würde dagegen datensparsames Contact Tracing erlauben. «Deshalb ist es so wichtig, dass die Applikation für das Contact Tracing nun offiziell eingesetzt werden darf.»

«Je früher desto besser» oder zumindest vor den Sommerferien

Genau daran könnte das Update für SwissCovid aber vorläufig scheitern. Eigentlich sollten solche dezentralen Datensammlungen standard werden, fordert GLP-Mäder. «Das sollte zukünftig Mittel der Wahl und auch im Epidemiengesetz so festgehalten sein.» Nur ist es das eben genau nicht, im Gegenteil.

Die App sei zwar parat und die Anbindung ans kantonale Contact Tracing in Umsetzung, erklärt Gerhard Andrey. Es stehe aber eine Verordnung im Weg: «Diese erweiterte SwissCovid App kann fürs Einchecken im Restaurant gar noch nicht eingesetzt werden. Dieses Problem muss der Bundesrat so schnell wie möglich aus dem Weg schaffen.» Darum sei es für Restaurants kurioserweise die Datensammlerei sogar Pflicht,

Mathias Wellig Ubique SwissCovid
Mathias Wellig, Geschäftsführer Ubique, spricht während einer Medienkonferenz über die Lancierung der SwissCovid App und das Vollzugsmonitoring COVID-19, am 25. Juni 2020 in Bern. - Keystone

Jörg Mäder kann es gar nicht schnell genug gehen bis zum Update, denn inhaltlich gebe es keinen Grund, abzuwarten: «Je früher desto besser.» Ubique-Chef Mathias Wellig verrät immerhin: «Aktuell gehen wir davon aus, dass das Update der App bis zu den Sommerferien bereitstehen wird.»

Die Restaurants dürften die Innenräume ja aber schon weitaus früher wieder öffnen, wohl schon nächste Woche, ist Barbara Steinemann optimistisch. «Bis dann die rechtlichen und technischen Grundlagen der App-Erweiterung da sind, ist Corona hoffentlich vorbei. Sprich: alle sind geimpft und kaum einer muss mehr ins Spital deswegen.»

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