Stimme aus Berlin: «Genervt von Bürokratie? Dann kommt mal hierher!»

Mirjam Walser
Mirjam Walser

Deutschland,

Mirjam Walser wähnt sich manchmal wie in einem Comic, wenn sie mit den Berliner Behörden zu tun hat – und vermisst dann sogar «bitzeli» die Schweiz.

Mirjam Walser Kolumnistin
Die Vorgänge in deutschen Behörden fühlen sich für Nau.ch-Kolumnistin Mirjam Walser manchmal an wie ein Comic. - Adi Levy / Depositphotos

Das Wichtigste in Kürze

  • Nau.ch-Kolumnistin Mirjam Walser hofft bei ihrem Umzug nach Berlin auf deutsche Effizienz.
  • Weit gefehlt: Berliner Bürokratie fühlt sich an wie ein absurder Comic.
  • Schweizer Behördengänge fühlen sich dagegen wie ein gemütlicher Sonntagsspaziergang an.

Es gibt diese berühmte Szene im Comic «Asterix erobert Rom», in der Asterix und Obelix den ominösen Passierschein A38 besorgen sollen. Sie irren durch ein Verwaltungsgebäude und werden von Schalter zu Schalter geschickt, bis DER absolute Wahnsinn ausbricht.

An diese Szene muss ich regelmässig denken, wenn ich mit der Berliner Administration zu tun habe.

Behördenwahnsinn bei Asterix und Obelix

Besonders am Anfang hat mich das kalt erwischt, weil ich noch vom Mythos der deutschen Effizienz geblendet war. Ich erwartete strenge Ordnung, pünktliche Termine und ein System, in dem man Dinge schnell online erledigt.

Weit gefehlt. In Berlin dauert vieles doppelt so lange, ist doppelt so kompliziert und wird mit mindestens doppelt so vielen E-Mails abgewickelt, wie ich es aus der Schweiz gewohnt bin.

Doch von Anfang an.

Keine Termine, keine Buchung online

Wer neu nach Berlin zieht, muss seinen Wohnsitz innerhalb von 14 Tagen anmelden. Also setze ich mich brav an den Laptop und will online einen Termin beim Bürgeramt buchen.

Blöd nur: Die Termine sind Monate im Voraus ausgebucht. Ich beruhige mich kurz mit dem Gedanken, dass ich mich im Zweifel irgendwie rausreden könnte. Es ist ja schliesslich nicht mein Fehler, wenn es keine Termine gibt.

Wie findest du die Schweizer Bürokratie?

Also öffne ich den Buchungskalender. Doch hier bekomme ich, wie auch in Zukunft noch sehr oft bei Online-Vorgängen, nur eine Fehlermeldung angezeigt. Die Digitalisierung in Berlin ist ungefähr auf dem Stand von Asterix und Obelix’ gallischem Dorf.

Irgendwann klappt die Terminbuchung dann aber ganz klassisch per Telefon.

Berlin Neukölln
Übrigens erhielt Mirjam Walser den Termin nicht in ihrem Bezirk hier in Neukölln, sondern in einem Bürgeramt eine Stunde entfernt, am anderen Ende der Stadt. Aber in Berlin ist man bei Terminen nicht wählerisch. - Depositphotos

Mit der Wohnsitzanmeldung in der Hand geht es weiter zum nächsten Akt: Dem Landesamt für Einwanderung, der Königsdisziplin in Sachen Bürokratie. Hier werden Formulare verehrt und Papierberge mit Stolz kultiviert. Und genau hier soll ich meinen offiziellen Aufenthaltsausweis erhalten.

Aber zuerst muss ich beantragen, dass mir für dieses hochamtliche Ereignis ein Termin zugeteilt wird. Also fülle ich das Anfrageformular aus und warte. Und während ich warte, werden aus Wochen schleichend Monate.

Gewissensprüfung statt Termin

Irgendwann kommt eine Nachricht mit einem Terminvorschlag, der mehrere Wochen in der Zukunft liegt. Ausgerechnet dann, wenn ich in den Ferien bin. Ich bitte um Verschiebung.

Wochen später folgt ein neuer Vorschlag, der ebenfalls nicht passt. Ich bitte ein zweites Mal um Verschiebung, nenne einen Zeitraum und frage nach einer kurzen telefonischen Abstimmung. Doch das wird geflissentlich ignoriert.

Stattdessen folgt eine andere Mail. Keine neue Terminauswahl, sondern eine strenge Gewissensprüfung. Man möchte wissen, ob mir mein Anliegen, meinen Wohnsitz nach Deutschland zu verlegen, wirklich ernst sei.

Ja, ist es. Nehmt meine Steuern. Und finanziert damit einen Online-Buchungskalender!

Termin fürs Standesamt: Wer schneller ist, darf heiraten

Diese Berliner Ineffizienz betrifft nicht nur mich. Die Stadt hat ein Talent dafür, einfache Dinge zu einem kleinen Abenteuer zu machen.

Eine ecuadorianische Freundin wollte den deutschen Pass beantragen und musste als ersten Schritt einen Termin vereinbaren – aber nicht etwa für den Antrag, sondern um einen Infozettel abzuholen. Auf diesem Zettel stand dann schlicht, welche Dokumente sie einreichen muss. Man hätte diese Liste auch in wenigen Zeilen online veröffentlichen können...

Und wer jetzt denkt, das sei schon der Gipfel der Ineffizienz: Berlin hat noch Luft nach oben.

Standesamt Kreuzberg-Friedrichshain
Das Standesamt – wo Romantik und Bürokratie aufeinandertreffen. Hier im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg. - Depositphotos

Um vier Uhr morgens vor dem Standesamt

Die gleiche Freundin und ihr Partner wollten nämlich auchhttps://www.nau.ch/news/stimmen-der-schweiz/stimme-aus-berlin-hallo-schweiz-weniger-hoflich-war-auch-okay-67083725 heiraten und gingen naiv davon aus, man könne dafür einfach online oder telefonisch einen Termin buchen. Stattdessen standen sie um vier Uhr morgens vor dem Standesamt, nicht fürs Jawort, sondern um überhaupt erst einen Termin zur Terminvergabe zu ergattern.

Als die Tür des Standesamtes aufging, setzte sich die wartende Menge in Bewegung wie beim Ausverkauf. Wer nicht schnell genug war, um sich einen der limitierten Terminscheine zu schnappen, durfte am nächsten Tag wiederkommen, erzählen sie mir augenrollend.

In solchen Momenten vermisse ich die Schweiz heimlich. Bürokratie wirkt dort im Vergleich wie ein gemütlicher Sonntagsspaziergang. Wer sich also das nächste Mal über die Schweizer Bürokratie beschwert, dem sage ich: Es könnte schlimmer sein.

Und damit: Administrativ-herzliche Grüsse aus Berlin.

Zur Person

Mirjam Walser (39) ist 2018 von Bern nach Berlin gezogen. In ihrer Kolumne berichtet sie über die Unterschiede und Gepflogenheiten der Hauptstädter – und was sie voneinander lernen können.

Kommentare

User #1435 (nicht angemeldet)

Hat die rote Lippen uns eingeladen?

User #1133 (nicht angemeldet)

Ich frage mich immer wieder...warum Berlin? Es gibt so viele interessante Orte und Städte auf der Welt. Unerklärlich warum einige die Stadt so feiern!

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