Stimme aus Berlin: Hallo Schweiz, weniger höflich wär auch okay!
Mit meiner neu gewonnenen Berliner Direktheit lasse ich in der Schweiz Freunde vor Scham erröten – das Problem zumindest aus meiner Sicht nicht bei mir.

Das Wichtigste in Kürze
- In Berlin wird ein direkter Umgangston gepflegt, der bisweilen ironisch-rotzig daherkommt.
- In der Schweiz kommt diese Direktheit allerdings überhaupt nicht gut an.
- Schweizer leiden lieber im Stillen, statt zu sagen, was sie denken.
- Nach Jahren in Berlin scheitert unsere Kolumnistin an der Schweizer Höflichkeit.
«Könnten Sie mir bitte dieses Buch als Geschenk einpacken, wenn Sie so nett wären?» «Nö, ich bin nicht nett.»
Irritiert schaue ich die Dame in der Berliner Buchhandlung an. Doch bevor ich eine passende Reaktion finde, schiebt sie halb ernst, halb lachend nach: «Aber einpacken tue ich es Ihnen trotzdem.»
Da ist sie wieder, diese Berliner Mischung aus ironischer Schnoddrigkeit und Direktheit, die einem zunächst den Boden unter den Füssen wegzieht und dann überraschend entwaffnend wirkt.
Und irgendwann übernimmt man sie selbst – was mir in der Schweiz zuverlässig zum Verhängnis wird.
Diese Deutschen!
Ich sitze im Zug von Berlin Richtung Bern. Kurz vor der Einfahrt stehe ich mit meinem grossen Koffer an der Tür und blockiere offenbar den Weg. Von hinten höre ich: «Könnten Sie echt bitte kurz zur Seite?» Noch ganz im Berliner Modus antworte ich: «Ach, wieso das denn?» und schiebe den Koffer ironisch zwinkernd zur Seite.
Das Zwinkern geht allerdings komplett unter. Ich schaue in ein erbost-schockiertes Gesicht. Die Frau zwängt sich kopfschüttelnd an mir vorbei und murmelt: «Diese Deutschen!», ohne zu wissen, dass wir eigentlich aus dem gleichen Holz geschnitzt sind.

Schlagartig bin ich wieder in der Schweizer Realität angekommen. Ironie und trockener Humor sind hier heikel.
Eigentlich kein Problem für mich, schliesslich saugen wir Höflichkeit schon mit der Muttermilch auf.
Doch spätestens am nächsten Tag merke ich, dass mir diese deutsche Direktheit längst ins Blut übergegangen ist und sich nicht einfach wieder wie ein Mantel ablegen lässt.
Lautes Beschweren? Peinlich!
Ich gehe mit einer Freundin ins Kino. Der Saal ist gut gefüllt, auf unseren Plätzen sitzt bereits jemand. Ich überprüfe noch einmal die Tickets. Reihe 7, Mitte, alles korrekt. Also rufe ich dem jungen Mann von der Seite her zu, dass er auf unseren Plätzen sitzt.
Währenddessen versinkt meine Freundin neben mir vor Scham fast im Boden, ausgelöst durch dieses vermeintlich viel zu laute Zurechtweisen.
Vielleicht könnte man ja auch einfach woanders sitzen, schlägt sie leise vor, schliesslich soll sich hier niemand unwohl fühlen – schon gar nicht der, der auf dem falschen Platz sitzt.
Der Mann rückt jedoch sofort zur Seite. Es war schliesslich nicht sein Platz. Problem gelöst, niemand verletzt, ausser das Schamgefühl meiner Freundin, das sich nur langsam wieder erholt.
Typisch Schweiz: stilles Leiden als Tugend
Diese Szene bringt für mich auf den Punkt, was mir erst im Ausland richtig bewusst geworden ist: In der Schweiz leidet man lieber still und bewahrt dafür die freundliche Fassade.
Der Ärger wird fein säuberlich eingepackt und mit nach Hause genommen, wo man sich dann im Privaten gehörig darüber empört. Direktheit ist hier ungefähr so willkommen wie laute Musik nach 22 Uhr.
In Berlin habe ich gelernt, dass man Dinge einfach sagen kann, ohne dass gleich jemand in Ohnmacht fällt. In der Schweiz hingegen gilt diese Ehrlichkeit schnell als Affront.

Dabei könnten wir uns von der deutschen Unverblümtheit durchaus etwas abschneiden.
Sie macht Gespräche klarer und deutlich weniger anstrengend. Direktheit ist nicht unhöflich, sondern einfach praktisch. Und sie hat mit Mut zu tun. Mit dem Mut, zu sagen, dass etwas nicht in Ordnung ist. Und davon könnten wir gerade gut ein paar Extras vertragen.
In diesem Sinne darf man ruhig mal anfangen im Kleinen zu üben. Schmeckt das Essen im Restaurant nicht, beschwert man sich, statt das versalzene Risotto tapfer runterzuwürgen. Dauert es im Café ewig, ruft man: «Hallo, ich will hier etwas bestellen!»
Und wenn die Nachbarin wieder einmal die Waschmaschine benutzt, obwohl sie sich nicht in den Waschplan eingetragen hat, geht man hoch, klingelt und sagt etwas, statt wochenlang böse Blicke im Treppenhaus zu verteilen.
Glaubt mir, das spart Zeit und Nerven.
Und jetzt entschuldigt mich bitte. Ich muss mich beim Nachbarn über die zu laute Musik beschweren. Direkt und ohne Umschweife.
Zur Person
Mirjam Walser ist 2018 von Bern nach Berlin gezogen. In ihrer Kolumne berichtet sie über die Unterschiede und Gepflogenheiten der Hauptstädter – und was sie voneinander lernen können.







