Collien, Keller-Sutter, Pelicot: Kann die Scham die Seite wechseln?
Sexistische Beschimpfungen: Auch Bundesrätin Karin Keller-Sutter wehrt sich öffentlich und erstattet Anzeige. Kann die Scham nun wirklich die Seite wechseln?

Das Wichtigste in Kürze
- Gisèle Pelicot hat den Satz geprägt, dass die Scham die Seite wechseln muss.
- Collien Fernandes hat die «virtuelle Vergewaltigung» durch ihren Mann öffentlich gemacht.
- Bundesrätin Karin Keller-Sutter wehrt sich gegen sexistische Beschimpfungen im Netz.
- Doch der Schein trügt: «Wir erleben einen massiven antifeministischen Backlash», so Brava.
Trumps patriarchales Frauenbild, der Einfluss von Manfluencern und Tradwifes im Netz, Morddrohungen von Männern gegenüber Collien Fernandes – es scheint, als dass die Gesellschaft in Sachen echter Gleichstellung aller Geschlechter wieder zurückgeworfen wurde.
Gleichzeitig gibt es in Deutschland nach Bekanntwerden des Falls Collien Fernandes grosse Demos gegen sexualisierte Gewalt; ein geplantes Gesetz gegen digitale Gewalt soll zügig umgesetzt werden.
In der Schweiz haben bereits über 5000 Personen einen offenen Brief der Grünen gegen sexualisierte Gewalt im Internet unterschrieben.
Bundesrätin Karin Keller-Sutter will die sexistischen Beschimpfungen gegenüber ihrer Person nicht mehr länger hinnehmen und hat Anzeige erstattet.
Was wiegt nun schwerer, der Fort- oder der Rückschritt? «Beides ist gleichzeitig wahr», sagt Karina Nasaeva, Verantwortliche Kommunikation bei Brava, ehemals Terre des Femmes Schweiz.
«Erleben massiven antifeministischen Backlash»
Sie erklärt, weshalb: «Einerseits erleben wir einen massiven antifeministischen Backlash.» Geschlechtsbezogener Hass werde im digitalen Raum zunehmend normalisiert und skaliert.
Gewalt werde relativiert oder gezielt eingesetzt, um Frauen aus der Öffentlichkeit zu drängen.
«Die Manosphere, sogenannte Tradwife-Ideologien und die massive Zunahme digitaler Gewalt sind dabei keine Randphänomene, sondern Ausdruck eines verschärften gesellschaftlichen Klimas», betont Nasaeva.
Zahlen würden deutlich zeigen, dass die Gewalt zunimmt und Opferhilfe sowie Frauenhäuser längst an ihrem Limit arbeiten.
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Andererseits beobachte sie gleichzeitig eine Bewegung in der Politik: «In der Schweiz steht das Thema stärker auf der Agenda, nicht zuletzt durch den Druck von Zivilgesellschaft und Betroffenen.»
Dass etwa zusätzliche Mittel für das Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann gesprochen wurden oder Kürzungen in der Opferhilfe abgewendet werden konnten zeige: «Es braucht Druck aus der Zivilgesellschaft, um Rückschritte zu verhindern und überhaupt Fortschritte zu erzielen.»
Frauen schlägt Hetze entgegen
Kann somit die Scham wirklich die Seite wechseln, wie es Gisèle Pelicot und viele weitere Frauen im Netz fordern?
«Scham kann und sollte die Seite wechseln. Von selbst wird sie es aber nicht tun», erläutert die Expertin der NGO Brava, die sich gegen geschlechtsspezifische Gewalt, Sexismus und für Gleichstellung einsetzt.
Zu glauben, einzelne prominente Fälle könnten hier einen Kipppunkt auslösen, greife zu kurz. Im Gegenteil, betont Nasaeva. «Die Reaktionen auf diese Fälle zeigen, wie stabil die bestehenden Machtverhältnisse sind.»

Die Morddrohungen nach öffentlichen Auftritten bei Collien Fernandes, die mit KI generierten sexistischen Beschimpfungen bei Keller-Sutter: «Neben viel Solidarität», so die Expertin, «schlägt Betroffenen häufig auch weitere Hetze, Abwertung und Einschüchterung entgegen.»
Somit seien prominente Stimmen zwar wichtig, um öffentlich auf geschlechtsbezogene Gewalt aufmerksam zu machen und gesellschaftliche Debatten anzustossen. «Die Verantwortung dafür, dass Betroffene geschützt sind und ihr Recht durchsetzen können, liegt jedoch keinesfalls bei ihnen, sondern in erster Linie beim Staat.»
Scham wechsle also nicht automatisch die Seite, sondern müsse gesellschaftlich, politisch und medial aktiv verschoben werden. «Und zwar dorthin, wo die Verantwortung liegt, auf die Seite der Täter und der Strukturen, die Gewalt ermöglichen, verharmlosen oder rechtfertigen.»
Nur eine von zehn Frauen macht Anzeige
Noch immer würden viele Frauen von einer Anzeige absehen. «Die Dunkelziffer für sexualisierte Gewalt liegt je nach Delikt zwischen 88 und 93 Prozent.» Nur eine von zehn Personen erstattet somit Anzeige.
Eine höhere Anzeigerate sei grundsätzlich wichtig. Entscheidend sei jedoch, dass Betroffene tatsächlich geschützt sind, ernst genommen werden und Zugang zu ihren Rechten haben.

Problematisch sieht Karina Nasaeva, dass geschlechtsbezogene Gewalt zunehmend politisch instrumentalisiert wird. «Insbesondere in rassistischen und migrationspolitischen Debatten.»
Gewalt werde somit selektiv thematisiert und bestimmten Gruppen zugeschrieben, «während ihre strukturelle Dimension ausgeblendet wird.» Das sei gefährlich. «Weil es den Fokus von wirksamen Schutzmassnahmen weglenkt.»
«Das Momentum ist da»
Was jetzt folgen muss, ist aus der Sicht von Brava: «Klare gesetzliche und institutionelle Antworten sowie endlich eine ausreichende Finanzierung.»
Dazu gehöre wirksamer Schutz vor jeglicher sexualisierter Gewalt, online sowie offline. Eine ausreichend finanzierte Opferhilfe mit nationaler Strategie, ein konsequent intersektionaler Gewaltschutz «und eine Umsetzung der Istanbul-Konvention, die nicht beim guten Willen stehen bleibt».
Nasaeva bilanziert: «Das Momentum ist also da, sollte aber auch korrekt und effizient genutzt werden.»
Derzeit wiege der strukturelle Rückschritt schwer, weil die Gegenkräfte gut organisiert, laut und digital hochskalierbar seien.

















