Darum schweigen Frauen oft nach sexualisierter Gewalt
Collien Fernandes hat sich öffentlich zu ihrem Erlebten geäussert. Doch nicht alle Frauen sprechen über sexuelle Gewalt. Wieso nicht?

Das Wichtigste in Kürze
- Der Fall Collien Fernandes bringt das Thema sexualisierte Gewalt erneut in den Fokus.
- Doch viele Frauen schweigen über das Erlebte.
- Hauptgründe sind laut Fachstellen Scham, Angst und Zweifel an der eigenen Wahrnehmung.
Der Fall um Moderatorin Collien Fernandes sorgt aktuell für Gesprächsstoff. Die Vorwürfe haben es in sich. Die 44-Jährige hat Anzeige gegen ihren Ex-Mann Christian Ulmen (50) erstattet.
Sie wirft ihm Identitätsdiebstahl und virtuelle Vergewaltigung vor. Er soll über Jahre Fake-Profile von ihr erstellt und damit mit Männern gechattet haben. Zudem soll er gefälschte Nacktfotos und -videos von ihr verschickt haben.
Das wirft einmal mehr eine zentrale Frage auf: Warum sprechen viele Frauen nach sexualisierter Gewalt nicht sofort – oder manchmal gar nicht?
Die Gründe sind vielfältig.
Fachstellen und Polizei in der Schweiz bestätigen: Hinter dem Schweigen stecken oft Angst, Scham oder strukturelle Hürden.
Schuldumkehr als Faktor
Ein besonders belastender Faktor ist laut der Frauenberatung sexuelle Gewalt Zürich die sogenannte Schuldumkehr.
Dabei werde die Verantwortung subtil dem Opfer zugeschoben. Aussagen wie «Du hast es herausgefordert» oder «Du bist einfach zu empfindlich» führen dazu, dass Betroffene an sich selbst zweifeln.
Viele beginnen dann, das Erlebte infrage zu stellen. Sie denken: «Vielleicht habe ich es ja übertrieben», oder: «Ich bin wohl selbst schuld, dass es so weit gekommen ist.»
Brigitte Kämpf, Co-Geschäftsleiterin der Frauenberatung, sagt: «Die eigentliche Gewalttat oder Grenzüberschreitung wird unsichtbar. Und an ihre Stelle tritt Selbstzweifel, Scham und Schuld.»
Scham sei gerade bei der Verbreitung von intimen Bildern oder Deepfake-Pornografie ein zentraler Faktor. Diese Inhalte anderen zu zeigen – auch Fachpersonen, Polizei oder dem eigenen Umfeld – sei für Betroffene eine enorme Hürde.
«Betroffene benötigen oft Zeit, um das Erlebte überhaupt einzuordnen»
Auch die Kantonspolizei Bern bestätigt: Scham ist ein häufiger Grund für das Schweigen. Ebenso die Angst, dass einem nicht geglaubt werde, sagt Mediensprecher Philipp Gasser.
Ein weiterer wichtiger Punkt: «Betroffene benötigen oft Zeit, um das Erlebte überhaupt einzuordnen.» Und um zu erkennen, dass sie Opfer einer Straftat geworden seien. Auch die Aussicht auf ein langwieriges und belastendes Strafverfahren könne abschreckend wirken.
Im Kanton Bern kommt zudem das sogenannte «Berner Modell» zum Einsatz. Dabei arbeiten Polizei, Medizin und Beratungsstellen eng zusammen. Ziel sei es, Betroffene möglichst schonend zu begleiten und eine erneute Traumatisierung zu vermeiden.
Entscheidet sich eine Person für eine Anzeige, wird sie von der Kantonspolizei eng begleitet. «Eine speziell geschulte Polizistin oder ein speziell geschulter Polizist nimmt sich Zeit für ein erstes Gespräch», so Gasser. Da werde das weitere Vorgehen geklärt.
Betroffene würden über ihre Rechte und Unterstützungsangebote informiert. Sie könnten jederzeit eine Vertrauensperson zur Anzeige oder Befragung mitnehmen. Wenn möglich, werde die Betreuung durch eine gleichgeschlechtliche Fachperson sichergestellt.
«Eine Polizistin begleitet Betroffene auch zur medizinischen Untersuchung im Inselspital Bern», erklärt Gasser. Diese erfolge möglichst rasch und diene sowohl zur Beweissicherung als auch zur medizinischen Versorgung.
Spuren können im Inselspital Bern bis zu 15 Jahre aufbewahrt werden. Betroffene haben somit Zeit, sich auch später noch für eine Anzeige zu entscheiden.
Die Polizei koordiniert anschliessend die weiteren Schritte mit der Staatsanwaltschaft. Sie sichert Beweise und sorgt dafür, dass Betroffene der beschuldigten Person nicht begegnen müssen. Während des gesamten Verfahrens stehe eine feste Ansprechperson zur Verfügung.
Über 6195 Straftaten im Jahr 2025
Im Jahr 2025 wurden in der Schweiz insgesamt 6195 Straftaten im Bereich der sexualisierten Gewalt gemeldet. Das zeigen Zahlen des Bundesamt für Statistik. Darunter fallen etwa sexuelle Übergriffe, Belästigung oder das unbefugte Weiterleiten intimer Inhalte.
Zehn Jahre zuvor, 2015, lag die Zahl der Straftaten noch bei 4512.

Meldet sich eine Frau bei der Frauenberatung sexuelle Gewalt Zürich, wird sie zunächst beraten. «Wir informieren darüber, dass solche Verfahren Zeit brauchen und nicht schnell abgeschlossen sind», so Kämpf.
Gerade bei Cybergewalt lasse sich oft nicht alles ungeschehen machen. Das Internet vergisst leider nicht.
Sie betont aber auch: «Wir können juristische Erstberatung vermitteln und finanzieren.» Wichtig sei zudem, gemeinsam zu klären, ob und wie das Umfeld informiert werden soll.
Die Beratungsstelle zieht ein positives Fazit zur Zusammenarbeit mit der Polizei: «Wir machen gute Erfahrungen und können auch den direkten Zugang zu spezialisierten Polizeiabteilungen koordinieren.»
Gleichzeitig hinkt das Strafrecht den rasanten Entwicklungen im digitalen Raum hinterher. Neue Formen von Missbrauch stellen die Justiz vor Herausforderungen. Entsprechend müssen rechtliche Schritte in jedem Einzelfall sorgfältig geprüft werden.
Der Fall Collien Fernandes zeigt: Schweigen bedeutet nicht, dass nichts passiert ist. Oft sind die Hürden schlicht zu hoch.
Umso wichtiger ist es, Betroffenen zuzuhören, ihnen zu glauben – und niederschwellige Hilfe anzubieten.



















