Fälle Pelicot und Ulmen: Jetzt hinterfragen Frauen ihre Männer
Die Fälle Pelicot und Fernandes schockieren. Frauen kommen ins Grübeln. Psychologen beobachten eine «massive Verunsicherung» in Paar-Beziehungen.

Das Wichtigste in Kürze
- «Virtuelle Vergewaltigung»: Diesen Vorwurf erhebt Collien Fernandes gegen ihren Ex-Mann.
- Über zehn Jahre soll er ihre Identität im Netz missbraucht haben.
- Dass erneut ein Ehemann seine Frau hintergangen haben soll, wirkt nach.
- Vor allem bei anderen Frauen und den Beziehungen zu ihren Männern. Die Skepsis wächst.
«Es war wie bei einer Todesnachricht, ich konnte nicht reden, nicht heulen.»
So beschreibt Collien Fernandes im «Spiegel» den Moment, als sie erfährt, dass ihr Ehemann Christian Ulmen sie jahrelang hintergangen hat.
Er soll Fakeprofile von ihr erstellt, in ihrem Namen mit einer KI‑Stimme Sextalks geführt und pornografische Inhalte verschickt haben.
Und das, obwohl Collien Fernandes seit Jahren gegen die unbekannte Täterschaft vorzugehen versuchte. Im Wissen ihres Ehemannes.
«Mir wurde über Jahre mein Körper geklaut», sagt Fernandes zum Magazin. Und plötzlich sei ihr klar geworden, dass dies offenbar jene Person gewesen sei, die ihr damals am nächsten stand.
«Beobachte massive Verunsicherung»
Der Fall Fernandes/Ulmen macht sprachlos.
Genauso wie jener von Gisèle Pélicot in Frankreich. Ihr Ex-Mann wurde dafür verurteilt, sie während Jahren regelmässig betäubt, missbraucht und von anderen Männern vergewaltigt lassen zu haben.
Dass immer mehr solcher Fälle aus vermeintlich glücklichen Beziehungen ans Licht kommen, hat Folgen.
Vor allem Frauen stellen sich Fragen. «Ich beobachte eine massive Verunsicherung», sagt die Psychologin und Paartherapeutin Ursina Donatsch zu Nau.ch.
Plötzlich stehe die Kernfrage im Raum: «Könnte mein Partner das auch machen?»
Das Vertrauen in einer Beziehung leide unter dieser Art von digitaler Gewalt. Die Psychotherapeutin mit eigener Praxis in Zürich sagt: «Wird Technik genutzt, um das Bild oder die Identität der Partnerin ohne Erlaubnis zu verfälschen, wird eine Grenze überschritten, die früher als unantastbar galt.»
In einer Partnerschaft verlasse man sich darauf, dass der andere einen schützt. Aber: «Wenn man den eigenen Augen nicht mehr trauen kann, wird das Fundament der Beziehung brüchig. Das löst bei vielen ein dauerhaftes ungutes Gefühl aus», so Donatsch.
Zudem würden wir uns Paaren aus der Öffentlichkeit oft sehr nahe fühlen. «Der Fall macht die sonst eher abstrakte Gefahr durch KI plötzlich sehr persönlich.»
«Grundvertrauen wird erschüttert»
Das hat zur Folge, dass Frauen skeptischer und misstrauischer werden. «Und das leider zu Recht», so Ursina Donatsch.
Diese Fälle würden eine erschreckende neue Dimension von Gewalt in Beziehungen zeigen. «Das Grundvertrauen, dass der Partner der sicherste Hafen ist, wird durch diese Fälle erschüttert.»
Das führe dazu, dass viele Frauen heute vorsichtiger und wachsamer seien, was ihre Sicherheit und Privatsphäre in der Partnerschaft angeht.

Denn: «Wenn man in den Medien liest, wie technikaffin oder versteckt Gewalt heute ausgeübt werden kann, entsteht ein Gefühl der Hilflosigkeit.»
Und plötzlich ist der Partner nicht mehr nur der geliebte Mensch. Sondern auch ein potenziell unbekanntes Wesen, das sich moderner Technik bedienen könnte.
«Dieses nagende Gefühl, dass man sein Gegenüber trotz jahrelanger Beziehung vielleicht doch nicht hundertprozentig durchschaut ... es zerstört die Selbstverständlichkeit, mit der man aufeinander vertraut hat.»
«Ich würde sowas nie tun» reicht nicht
Das sei ein schleichender Prozess, sagt die Psychologin.
Was können Männer nun tun, um das Vertrauen in einer Beziehung aufrechtzuerhalten?
Für Donatsch steht fest: «Ein einfaches ‹Ich würde sowas nie tun› reicht nicht aus. Es braucht eine aktivere Haltung.»
Ein entscheidender Schritt sei, dass ein Mann sich selbst hinterfrage: Wo sehe ich bei mir vielleicht Tendenzen oder Ansätze für solche Grenzüberschreitungen? Wo könnten Gefahren lauern, zum Beispiel durch Gruppendruck unter Freunden oder den unkritischen Umgang mit Technik?
Zeigt ein Mann seiner Partnerin so, dass er sich ernsthaft mit seinem eigenen Verhalten und möglichen Versuchungen auseinandersetzt, schaffe das eine neue Ebene.













