Wegen der Kreml-Kritik fürchtet Ex-Diplomat Boris Bondarew um sein Leben. Die Schweizer Sicherheitsbehörden errichten um den Russen ein Sicherheitsdispositiv.
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Der russische UN-Diplomat Boris Bondarew (rechts) ist offiziell von seinen Posten zurückgetreten. - Twitter

Das Wichtigste in Kürze

  • Der abtrünnige russische Diplomat Boris Bondarew erhält Schutz von der Schweiz.
  • Die Sicherheitsbehörden des Bundes errichten um den Russen ein Sicherheitsdispositiv.
  • Der 41-Jährige stellt klar: «Ein Strafverfahren ist mir in Russland so gut wie sicher.»

Boris Bondarew! Dieser Name ist derzeit in aller Munde. Der russische UN-Diplomat sorgt seit seinem Rücktritt am Montag für ein riesiges mediales Echo. Der Grund: Er verabschiedete sich nicht leise von seinem Posten, sondern kritisierte gleichzeitig die Kreml-Führung öffentlich.

Er meinte unter anderem, dass er sich für sein Land schäme und bezeichnete den Ukraine-Krieg als «Verbrechen am ukrainischen und russischen Volk». Auch Präsident Putin und Aussenminister Lawrow kamen in seinem Abschiedsschreiben unter die Räder.

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Russlands Präsident Wladimir Putin mit Aussenminister Sergej Lawrow. Der russische Diplomat kritisiert die beiden Russland-Führer in seinem Abschiedsschreiben. - keystone

Mit dieser Abrechnung mit Russland riskiert Bondarew viel – er dürfte nun bei vielen aus dem Staatsapparat als Verräter gelten. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow sagte am Dienstag klar: «Man kann hier wahrscheinlich nur sagen, dass Herr Bondarew nicht mehr zu uns gehört. Vielmehr, dass er gegen uns ist.»

Eine Drohung? Der langjährige SRF-Russland-Korrespondent David Nauer rät Bondarew in einem Bericht seines früheren Arbeitgebers, vorerst nicht in die Heimat zurückzukehren: «Verräter leben gefährlich in Russland.»

Bondarew: «Ein Strafverfahren ist mir so gut wie sicher»

Offenbar muss Bondarew aber nicht nur in Russland um seine Sicherheit sorgen. Wie die «Tamedia-Zeitungen» berichten, sind die Schweizer Sicherheitsbehörden nämlich derzeit damit beschäftigt, ein Sicherheitsdispositiv um den Ex-Diplomaten zu errichten.

In einem Interview bestätigt der Russe die Recherchen der Zeitung und meint: «Ich möchte ich dafür bei der Schweizer UNO-Mission in Genf und der Schweizer Regierung aufrichtig bedanken.» Für seine Familie sei dies sehr wichtig, so Bondarew.

Machen Sie sich wegen des Ukraine-Kriegs Sorgen?

«Wenn man ganz allein ist und zu Recht oder Unrecht damit rechnen muss, Opfer einer Gewalttat zu werden, ist es unglaublich wichtig zu wissen, dass es jemanden gibt, der einen unterstützt und zu beschützen versucht.»

Der Russe macht klar, dass seine Äusserungen in seiner Heimat «als Verbrechen angesehen» werden. Als Diplomat gelte er nicht nur als Oppositioneller, sondern sei auch ein Beamter. «Ein Strafverfahren ist mir also so gut wie sicher. Ich habe Angst um meine Familie, meine Verwandten und auch enge Freunde.»

Bondarew: «Prüfe alle Optionen – auch Asyl in der Schweiz»

Zum Zeitpunkt des Interviews war es für Bondarew erst der «zweite Tag» in seinem «neuen Leben». Er wisse noch nicht, wie es um ihn stehe und verstehe viele Dinge noch nicht, meinte er. «Aber ich hoffe, dass ich weiter in Sicherheit bin.»

Wie geht es nun für den 41-Jährigen weiter? Er wolle zuerst versuchen, eine Stelle zu finden. «Als russischer Diplomat bringe ich spezifische Erfahrungen mit. Diese würde ich gerne für mein eigenes Land einsetzen, aber weil das nicht möglich ist, will ich sie dort einsetzen, wo es möglich ist, eine bessere Welt zu schaffen.» Er prüfe aber «alle Optionen», so Bondarew. Dazu gehört demnach auch die Möglichkeit in der Schweiz oder einem anderen Land um Asyl zu bitten.

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Der Uno-Diplomat Boris Bondarew arbeitete 20 Jahre für Russland. Nun hat er wegen des Ukraine-Kriegs seinen Rücktritt eingereicht. - Twitter

Für seinen Idealismus zahlt der Russe nun also einen hohen Preis, doch für Bondarew ist klar: «Was ich am Montag in Genf getan habe, habe ich für mein eigenes Gewissen getan. Ich wollte etwas bewirken, eine Inspiration sein für meine Kollegen, für Diplomaten und andere russische Bürger, die in Russland leben und denken, dass sie selbst nichts tun können.»

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