Die russischen Streitkräfte müssen im Ukraine-Krieg in Lyman eine bittere Niederlage hinnehmen. Die Kritik an der Militärführung in Russland wächst.
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Wladimir Putins Verteidigungsminister Sergei Schoigu wird nach dem Rückzug der russischen Truppen in Lyman (Oblast Donezk) kritisiert. - Keystone
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Das Wichtigste in Kürze

  • Russische Streitkräfte haben sich am Samstag von der wichtigen Stadt Lyman zurückgezogen.
  • Die Niederlage stösst in Russland auf viel Ärger und Wut über die Militärführung.
  • Prominente Namen fordern Konsequenzen und attackieren Putins Verteidigungsminister.

Am Freitag feierte Russland noch die international nicht anerkannten Annexionen vier ukrainischer Gebiete. Einen Tag später machen im Ukraine-Krieg Nachrichten aus Lyman die Runde: Russische Streitkräfte haben sich aus der strategisch wichtigen Stadt zurückgezogen.

Eine bittere Niederlage für Russland: Lyman liegt im Oblast Donezk, einem der am Freitag annektierten Gebiete. Nun verliert man ausgerechnet da – im «neuen Staatsgebiet Russlands» – weiter an Boden.

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Artillerie in Feuerstellung im Norden von Lyman. Russland hat die strategisch wichtige Stadt im Ukraine-Krieg aufgegeben. Satellitenbild/©2022 Maxar Technologies via AP/dpa - dpa

Ukrainische Truppen hatten die Stadt zuvor eingekesselt. Die Rede war von rund 5000 russischen Soldaten, die noch vor Ort gewesen sein sollen. Britischen Geheimdiensten zufolge erlitten Putins Truppen beim Kampf um die Stadt hohe Verluste.

Ärger in Russland wegen Lyman-Rückzug im Ukraine-Krieg

Politiker, Propagandisten und Militärberichterstatter in Russland haben wenig überraschend keine Freude. Sie fordern Konsequenzen.

Tschetschenen-Führer Ramsan Kadyrow beispielsweise ruft gar zum Einsatz von Atomwaffen auf. «Ich kann nicht schweigen über das, was in Lyman geschehen ist», schreibt «Putins Bluthund» auf der Messenger-App Telegram.

Befürchten Sie im Ukraine-Krieg eine nukleare Eskalation?

Er habe Russlands Generalstabschef Waleri Gerassimow im Ukraine-Krieg schon früher über die Gefahr in Lyman gewarnt. Doch das sei ignoriert worden. Er wisse nicht, «was das russische Verteidigungsministerium dem Oberbefehlshaber berichtet».

Gemäss «Focus» hat Kadyrow jetzt prominente Unterstützung gekriegt. Jewgeni Prigoschin, der Chef der «Wagner»-Gruppe, stellt sich angeblich hinter den Tschetschenen-Führer. Prigoschin sagte, das höhere Militärkommando sollte «barfuss mit Maschinengewehren an der Front» kämpfen.

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Tschetscheniens Machthaber Ramsan Kadyrow gilt als äusserst brutal. - SPUTNIK/AFP/Archiv

Auch aus der Duma gibt es Kritik am russischen Verteidigungsministerium. Laut dem Abgeordneten und Reserve-General Andrej Guruljow sei das Problem nicht an der Front, sondern im Ministerium von Sergei Schoigu.

«Bis etwas ganz Neues im Generalstab entsteht, wird sich nichts ändern. Alles andere ist eine Konsequenz der Politik, die dort betrieben wird», zitiert ihn die «Bild».

Igor Girkin, ein prorussischer Militärführer, meint, ohne «innenpolitische Veränderungen, zuallererst beim Personal», könne der Ukraine-Krieg nicht gewonnen werden. Er warte «auf angemessene Schritte».

«Informationsputsch» gegen Militärführung

Gemäss dem Militärblog «Rybar» habe «ein Informationsputsch gegen das russische Verteidigungsministerium begonnen – genauer gesagt gegen seine Führung».

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Russlands Verteidigungsminister Sergei Schoigu wird von prominenten Namen kritisiert. - Keystone

Vom Geheimdienst FSB kontrollierte Telegram-Kanäle und «Vertreter der Sicherheitsbehörden aller Couleur» würden sich an dem «Informationsputsch» beteiligen. Mitglieder der Nationalgarde, der Armee, der Duma und Angehörige des Verteidigungsministeriums seien ebenfalls mit dabei.

Ähnliche Versuche, um die Gesellschaft aufzurütteln, habe es schon früher gegeben, schreibt «Rybar». «Aber jetzt werden sie von oben initiiert. Ob es etwas nützt, wird die Zeit zeigen.»

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