Die Entscheidung der Gesundheitsminister von Bund und Ländern, Corona-Schutzimpfungen für Jugendliche voranzutreiben, sorgt für eine heftige Kontroverse.
Corona-Impfung Basel-Stadt
Im Kanton Basel-Stadt haben sich seit dem Schulstart über 780 Personen für eine Corona-Impfung angemeldet. - AFP/Archiv

Das Wichtigste in Kürze

  • Widersprüchliche Reaktionen aus Ärzteschaft - Spahn verteidigt Vorgehen.

Der Hausärzteverband bezeichnet den Beschluss als «Wahlkampfgetöse» und wirft den Ministern eine Missachtung der Ständigen Impfkommission (Stiko) vor. Kinderärzte wiederum kritisieren die Zurückhaltung der Stiko sowie die Pläne, junge Menschen in Impfzentren zu immunisieren. Elternvertreter fürchten einen wachsenden Impfdruck auf die Familien.

Die Gesundheitsministerinnen und -minister von Bund und Ländern hatten am Montagabend entschieden, Jugendlichen ab zwölf Jahren ein breites Angebot für Corona-Impfungen in Arztpraxen, Impfzentren und Schulen zu ermöglichen. Damit umgehen sie die Stiko, die Corona-Impfungen für Zwölf- bis 17-Jährige bisher nur bei Vorliegen besonderer Risiken empfiehlt. Eine überarbeitete Empfehlung wird im Laufe des Monats erwartet.

Warum diese nicht abgewartet werde, sei ihm «schleierhaft», sagte der Bundesvorsitzende des Deutschen Hausärzteverbands, Ulrich Weigeldt, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). «Das Ganze klingt ein wenig nach Wahlkampfgetöse.» Weigeldt warf den Gesundheitsministern eine «Missachtung der Kompetenz» der Stiko vor und warnte, dass der Beschluss zum Impfangebot zu Verunsicherung führen könne.

«Hier versucht man dicke Backen zu machen, sich aufzublasen gegenüber einer Kommission, die per Gesetz eingesetzt worden ist, um wissenschaftlich unabhängig zu prüfen», sagte auch der Vorsitzende des Weltärztebundes, Frank-Ulrich Montgomery, bei RTL und ntv. Er sprach ebenfalls von Wahlkampfgetöse.

«Ich glaube die Politik versucht hier davon abzulenken, dass es ihr nicht gelingt, die Impfangebote an die 18- bis 59-jährigen heranzubringen», fügte Montgomery hinzu. Die hier stockende Impfkampagne sei das eigentliche Problem.

Dagegen sagte der Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, Thomas Fischbach, der «Rheinischen Post», er persönlich befürworte die Corona-Impfung bei Jugendlichen. «Das Risiko von Nebenwirkungen durch die Impfung ist extrem gering, das zeigen alle Daten aus anderen Ländern.» Fischbach forderte die Stiko zu einer zügigen Neubewertung auf.

Er halte aber nichts davon, Kindern und Jugendlichen zuerst in den Impfzentren ein Impfangebot zu machen, sagte er. «Das sollten wir Kinder- und Jugendärzte machen. Wir kennen unsere Patientinnen und Patienten meist seit Jahren und können sie am besten nach ihren individuellen Bedürfnissen beraten.»

Elternvertreter befürchten wachsende Verunsicherung. "Viele Eltern stehen dem Impfangebot sehr skeptisch gegenüber, mindestens so lange die Ständige Impfkommission keine Empfehlungen dafür abgibt?, sagte Ines Weber, Vorstandsmitglied des Bundeselternrats, dem RND. Obwohl ausreichende Studien zur Verträglichkeit fehlten, fühlten sich Eltern unter Druck gesetzt, ihre Kinder impfen zu lassen, um ihnen den Schulbesuch zu ermöglichen.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) verteidigte die Entscheidung von Bund und Ländern. Die Impfung für Jugendliche bleibe freiwillig sagte er im RBB-Inforadio. «Das ist durchaus im Einklang mit der Stiko.» Es gehe auch ausdrücklich nicht darum, Druck auf die Familien zu machen.

Auch mehrere Landesgesundheitsminister verteidigten am Dienstag den Beschluss und kündigten eine schnelle Ausweitung der Impfangebote für Jugendliche an. Niedersachsens Ressortchefin Daniela Behrens sagte im NDR, es sei «kein Affront gegen die Stiko, sondern es ist etwas, das wir den Eltern anbieten möchten, die ihre Kinder und Jugendlichen impfen lassen möchten».

Die Ministerrunde hatte am Montag auch beschlossen, für bestimmte Risikogruppen ab September Corona-Auffrischungsimpfungen anzubieten. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sagte dazu dem RND, der Beschluss sei wichtig. Er hätte sich aber gewünscht, «dass nicht nur Risikogruppen eine dritte Impfdosis erhalten».

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