«Corona-Fehlalarm» von Sucharit Bhakdi ist ein Bestseller. Viele Coronavirus Skeptiker beziehen sich auf das Buch – dabei wird es von der Fachwelt abgelehnt.
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Corona-Skeptiker berufen sich immer wieder auf «Corona-Fehlalarm?». Doch das Buch über das Coronavirus enthält selbst viele halb- und unwahrheiten. - Instagram/@melanie_ana_kolic/Twitter/@honegger

Das Wichtigste in Kürze

  • Skeptiker berufen sich immer wieder auf das Buch «Corona-Fehlalarm?».
  • Aus der wissenschaftlichen Gemeinschaft erhalten die Autoren jedoch keinerlei Rückhalt.
  • Die meisten Argumente im Bestseller halten einem Faktencheck nicht stand.
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Am Montag stand der ehemalige BAG-Abteilungsleiter Übertragbare Krankheiten Daniel Koch im Kreuzfeuer der Corona-Skeptiker. «Mister Corona» war im Grossmünster zu Gast, doch der Anlass wurde von Anhängern der Verschwörungsmythen ums Coronavirus überrannt.

Daniel Koch wird während einer Veranstaltung von Corona-Skeptikern belagert. - Instagram/Melanie_Ana_Kolic

Den Beweis für die vermeintlichen «Lügen» Kochs, der lange in Epidemien-Krisengebieten praktizierte, wollen die Skeptiker in einem Buch gefunden haben: Ein Besucher streckte «Corona-Fehlalarm?» in die Höhe – wie man es sonst von religiösen Fanatikern mit der Bibel kennt.

Die neue Skeptiker-«Bibel» belegt seit Wochen Spitzenplätze im Buchhandel: Das Buch war im August Schweizer Bestseller in der Kategorie Sachbuch. Doch auch wenn hinter «Corona-Fehlalarm?» ein namhafter Epidemiologe steht, wird das Buch von vielen Seiten kritisiert.

Experten gehen auf Distanz

Verfasst wurde das vermeintliche Sachbuch von Sucharit Bhakdi und seiner Ehefrau Karina Reiss. Beide sind an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel tätig: Der ehemalige Professor ist seit 2012 im Ruhestand, forscht jedoch als Gastwissenschaftler weiter. Reiss ist Professorin für Biochemie.

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Darüber ärgerte sich SRF-Mann Arthur Honegger am Wochenende: Bücher von «Corona-Leugnern» bei Ex Libris. - Twitter/@honegger

Doch auch vermeintliche Experten liegen nicht immer richtig – das lehren uns insbesondere die Corona-Zweifler. Damit aus einer These eine Erkenntnis wird, braucht sie die Bestätigung anderer Fachexperten. Doch die Wissenschaftsgemeinschaft geht zu Bhakdi auf Distanz.

Schon zweimal hat sich die Christian-Albrechts-Universität von Bhakdi und seinem Buch distanziert. «Aufs Schärfste» kritisiert die Fachschaft Medizin der Uni die Aussagen, das Dekanat der medizinischen Fakultät doppelt nach: Eine «überwältigende Zahl» der Hochschullehrer widerspreche Bhakdi entschieden.

Wie geht man mit offenen Fragen zum Coronavirus um?

Fakt ist, dass es noch viele offene Fragen rund um das Coronavirus gibt. Bei deren Beantwortung lehnt sich Bhakdi jedoch nach der Meinung vieler Wissenschaftler deutlich zu weit aus dem Fenster: «Diese können aber nur durch wissenschaftlich fundierte Untersuchungen geklärt werden», erklären die Mediziner der Christian-Albrechts-Universität.

Gerade diesbezüglich wurde «Corona-Fehlalarm?» bereits von verschiedensten Seiten kritisiert: Die beiden Autoren berufen sich immer wieder auf Studien, die zu Beginn der Pandemie entstanden sind. Diese entsprechen nicht mehr dem aktuellen Kenntnisstand der Wissenschaft.

Dass man sich auf veraltete Daten und Fakten beziehe, ist ein Vorwurf, der regelmässig aus den Reihen der Verschwörungsanhänger dringt. Das meistgelesene Buch der Zweifler ist allerdings selbst ein Paradebeispiel hierfür.

«Nur eine Grippe» oder nicht?

Auch beim Vergleich mit der Grippe unterlaufen Bhakdi und Reiss Fehler. Berechtigterweise werden die Sterberaten aus der ersten Welle infrage gestellt – in diesem Punkt sind sich Autoren und Experten einig. Tatsächlich sind die Sterberaten wohl deutlich niedriger, als sie in der ersten Welle ermittelt wurden. Das ist keinesfalls eine neue Erkenntnis der Autoren.

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Hansjakob Furrer ist Chefarzt der Infektiologie am Berner Inselspital. - zVg

Doch auch wenn die Sterberate nicht so drastisch über derjenigen der Grippe liegt: Das Coronavirus kann nicht so mit dem Grippevirus verglichen werden, wie Bhakdi es tut.

Wer eine Grippe übersteht, ist meist nach wenigen Wochen wieder völlig genesen. Beim Coronavirus gibt es jedoch – auch unter Jungen – einige Fälle, bei denen Symptome wochenlang bestehen bleiben. Bereits vor Wochen machte Inselspital-Chefarzt Hansjakob Furrer gegenüber Nau.ch darauf aufmerksam.

Gerade gestern Montag erschien eine neue Studie einer Forschergruppe um Sabina Sahanic, die die Erkenntnisse Furrers bestätigt.

Corona-Kritiker tappt selbst in die Fakten-Falle

Viele Zweifler werfen Mainstream-Medien und Experten vor, Fakten zu verdrehen und zu lügen. Ob Lockdown, Impfung oder Masken – immer wieder lassen sich die Argumente Bhakdis anhand aktueller Forschungsergebnisse widerlegen.

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Ein Besucher einer Anti-Corona-Demonstration in Stuttgart. - Keystone

Übrig bleibt ein höchst problematisches Buch. Die vielstimmige Kritik aus Wissenschaftler-Kreisen dürfte Sucharit Bhakdi weitgehend egal sein.

Egal, wie gross der Wahrheitsgehalt ist – der emeritierte Professor feiert mit dem Buch grosse Erfolge. Für seinen Bekanntheitsgrad, und damit auch finanziell, ist «Corona-Fehlalarm?» ein voller Erfolg.

Das ändert jedoch nichts daran, dass das Buch voller Halbwahrheiten und nicht stichhaltigen Argumentationen ist.

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