Arbeit: Wenn Leistungskultur zur Gesundheitsfalle wird
Hoher Leistungsdruck gehört für viele Erwerbstätige zum Alltag und belastet langfristig die Gesundheit. Arbeit kann dann tatsächlich krank machen.

Das Wichtigste in Kürze
- Dauerbelastung schadet sowohl der Gesundheit als auch dem Arbeitsmarkt.
- Zu viel Leistungsdruck kann körperlich und psychisch krank machen.
Leistung hat in der Schweiz traditionell einen hohen Stellenwert. Wer zuverlässig arbeitet, Verantwortung übernimmt und Einsatz zeigt, wird meist anerkannt. In vielen Unternehmen ist diese Haltung fest im Alltag verankert.
Gleichzeitig steigt der Erwartungsdruck. Erreichbarkeit rund um die Uhr und steigende Anforderungen gehören oft für viele dazu. Der Übergang von Engagement zu Überlastung ist dabei fliessend.
Eine leistungsorientierte Arbeitskultur kann Fortschritt ermöglichen und Abläufe effizienter machen. Kritisch wird es allerdings dann, wenn Erholung kaum noch Platz findet. Pausen werden verkürzt, persönliche Grenzen verschieben sich schleichend. Für zahlreiche Arbeitnehmende entsteht so ein Arbeitsalltag, der wenig Raum für echte Regeneration lässt.
Arbeit: Stress wird für viele zur Normalität
Beruflicher Stress ist also keine Ausnahme mehr. Laut einer 2024 veröffentlichten Mitteilung des Bundesamts für Statistik hat sich der Anteil der Personen, die sich bei der Arbeit gestresst fühlen, von 18 Prozent im Jahr 2012 auf 23 Prozent im Jahr 2022 erhöht. Mehr als die Hälfte dieser Personen fühlt sich zudem emotional erschöpft und hat ein erhöhtes Burn-out-Risiko.

Diese Entwicklung legt nahe, dass Stress zunehmend als selbstverständlicher Teil des Berufslebens akzeptiert wird. Viele Betroffene arrangieren sich mit der Belastung, obwohl sie langfristig gesundheitlich problematisch ist. Dauerstress entfaltet seine Wirkung oft schleichend und bleibt deshalb lange unterschätzt.
Anhaltender Leistungsdruck wirkt sich nicht nur auf die Psyche aus, sondern auch auf den Körper. Wer über längere Zeit unter hohen Anforderungen arbeitet und kaum Erholung findet, riskiert Erschöpfung und gesundheitliche Beschwerden. Häufig treten Schlafstörungen, Konzentrationsprobleme oder Herz-Kreislauf-Belastungen auf.
Belastung entsteht nicht nur durch das Pensum
Stress entsteht nicht allein durch lange Arbeitstage oder hohe Aufgabenlast. Auch organisatorische und soziale Faktoren spielen eine wichtige Rolle. Unklare Zuständigkeiten, fehlende Wertschätzung oder mangelnde Unterstützung durch Vorgesetzte können den Druck zusätzlich verstärken. Besonders belastend empfinden viele den Konflikt zwischen beruflichen Anforderungen und dem Privatleben.

Die Studie «Erwerbstätige in der Schweiz – Erwerbsarbeit, Privatleben und Gesundheit» von 2025 zeigt anhand der Daten von über 80'000 Erwerbstätigen, dass eine unzureichende Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben, also Work-Life-Konflikte, stark mit gesundheitlichen Belastungen und beruflichem Stress zusammenhängt.
Folgen für Gesundheit und Arbeitsmarkt
Die Auswirkungen übermässiger Belastung beschränken sich nicht auf einzelne Personen. Auch Unternehmen und das Gesundheitssystem sind betroffen. Zunehmende Fehlzeiten, sinkende Leistungsfähigkeit und langfristige Ausfälle verursachen hohe Kosten. Gleichzeitig geht wertvolles Erfahrungswissen verloren, wenn Mitarbeitende aus gesundheitlichen Gründen ausscheiden.

Eine Untersuchung der Universität Zürich aus dem Jahr 2023 zeigt, dass arbeitsbedingte Faktoren einen bedeutenden Anteil an psychischen Erkrankungen im Erwerbsalter haben. Prävention am Arbeitsplatz gewinnt damit eine gesamtgesellschaftliche Bedeutung.
Wege zu einer gesünderen Leistungskultur
Eine gesunde Leistungskultur bedeutet nicht, weniger Einsatz zu verlangen. Vielmehr geht es um passende Rahmenbedingungen. Klare Erwartungen, realistische Zielsetzungen und verlässliche Erholungsphasen können Belastungen spürbar reduzieren. Führungskräfte tragen dabei eine zentrale Verantwortung, indem sie Belastungen ernst nehmen und offen kommunizieren.

Auch auf individueller Ebene ist Achtsamkeit gefragt. Eigene Grenzen wahrzunehmen und rechtzeitig anzusprechen, bleibt entscheidend. Wirksame Stressprävention entsteht dort, wo persönliche Verantwortung und strukturelle Massnahmen zusammenkommen. Gesundheit sollte dabei nicht als Schwäche gelten, sondern als Grundlage für nachhaltige Leistungsfähigkeit.
Leistung wird auch künftig ein prägender Bestandteil der Schweizer Arbeitswelt bleiben. Wenn sie jedoch zum dauerhaften Selbstzweck wird, gerät die Gesundheit in Gefahr. Eine ausgewogene Balance zwischen Einsatz und Erholung bleibt deshalb zentral für langfristiges Wohlbefinden und stabile Arbeitsverhältnisse.













