Endlich zeigt die Schweizer Nati an der Euro 2020, was wirklich in ihr steckt. Neben dem Spielfeld bleibt es aber weiterhin enttäuschend. Leider. Ein Kommentar.
Vladimir Petkovic Euro 2020
Wie sieht die Zukunft von Nati-Trainer Vladimir Petkovic nach der Euro 2020 aus? - dpa

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Schweizer Nati schlägt die Türkei im letzten EM-Gruppenspiel 3:1.
  • Das Team von Trainer Petkovic hofft als Gruppendritter auf die Achtelfinal-Quali.
  • Die Nati-Stars reagieren mimosenhaft auf die berechtigte Kritik.

Stark! Die Schweizer Nati brilliert beim 3:1-Sieg gegen die Türken. Das Team von Trainer Vladimir Petkovic (57) zeigt erstmals an der Euro 2020 sein wahres Gesicht: Gut organisiert, kompakt, taktisch und spielerisch top.

Die Aussendarstellung lässt aber weiterhin zu wünschen übrig. Nach den Toren halten sich Seferovic und Shaqiri den Finger auf den Mund. Die Message ist klar: Ihr sollt schweigen, ihr bösen Kritiker!

Captain Granit Xhaka findet nach dem Spiel, dass man für «Kleinigkeiten» kritisiert worden sei: «Die Leute probieren, diese Mannschaft kaputt zu machen, indem sie viel reden und viel schreiben.» Und im SRF-Studio wird Trainer Petkovic mit Samthandschuhen angefasst, damit er nicht schon wieder beleidigt ist.

Die Nati wollte die Antwort auf dem Platz geben. Das hat sie getan. Schöne Tore reichen aber nicht mehr. Es geht um mehr!

Es gab keine Verschwörung gegen Petkovic

Ein Rückblick. «Petkovic hat immer gesagt, er lese keine Zeitungen. Aber er hat alles gelesen», sagt der ehemalige YB-CEO Stefan Niedermaier im Fussballmagazin Zwölf.

Petkovic hatte bekanntlich 2010 das Kunststück geschafft, als YB-Trainer einen 13-Punkte-Vorsprung noch zu verspielen. Dafür wurde er heftig kritisiert. Auch, weil er das Debakel seiner eigenen Sturheit zu verdanken hatte.

Vladimir Petkovic
Von 2008 bis 2011 war Vladimir Petkovic Trainer bei den Young Boys. - keystone

Petkovic witterte in den YB-Zeiten, als er mit den Bernern einen attraktiven Fussball spielen liess, eine Verschwörung gegen seine Person. Er zog sich zurück in sein Tessiner Schneckenhaus, sprach nur noch mit wenigen Leuten. Das war für das Arbeitsklima (Achtung, Petkovic liest mit) wenig förderlich.

Und für einen gelernten Sozialarbeiter unverständlich. Übrigens: Es gab damals gar keine Verschwörung.

Ähnlich ist es jetzt auch bei der Nati. Bei der leisesten Kritik spricht Petkovic von einer Kampagne verschiedener Medien gegen seine Person. Die Probleme in der Nati sind aber hausgemacht. Das Verhalten und die Auftritte von Petkovic zeigen, dass leider nicht einmal der Nati-Trainer kapiert, worum es wirklich geht.

Vladimir Petkovic
Seit 2014 ist Petkovic Trainer der Schweizer Nati. Er hat mehr als die Hälfte der 76 Spiele gewonnen. - keystone

Es fehlt an gesundem Menschenverstand und an der richtigen Wahrnehmung. Und vor allem an Disziplin, weil er die Stars an der langen Leine lässt.

Es ist aber normal, dass es Kritik gibt, wenn während der Corona-Krise Nobelkarossen vorgefahren werden. Das ist reine Protzerei von neureichen Fussballspielern. Ihr Verhalten wird von den Verantwortlichen gestützt, schöngeredet und somit auch noch gefördert.

Die Nati-Stars sind so, wie sie handeln

Die Spieler selbst werden es nie checken. Weil sie selbst in einer Bubble leben. Sie sind so, wie sie handeln. Deshalb sind sie so erstaunt über die Reaktionen. Petkovic hätte als Trainer dafür sorgen müssen, dass seine Stars nicht im Dauer-Offside stehen.

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Die blondgefärbten Haare von Granit Xhaka und Manuel Akanji an der Euro 2020 sorgten für Gesprächsstoff. - keystone

Er hätte es verbieten sollen, dass man einen Coiffeur nach Italien einfliegen oder sich spontan ein Tattoo stechen lässt. Es gibt hier keine zwei Meinungen. Stattdessen wird von offizieller Seite erklärt, dass es halt heiss sei in Rom. Und Petkovic selbst macht auch noch Spruch über seine Haare und argumentiert mit Menschenrechten. Ein kommunikatives Desaster!

Nach der Euro 2020 braucht es einen Neuanfang

Kein Wunder, kehren die Fans in der Schweiz dieser Nati den Rücken, schütteln nur noch den Kopf. Da sorgt auch ein offener Brief nicht für Verständnis.

Keine Frage, es braucht nach der Euro 2020 einen Neuanfang – und zwar auf allen Ebenen. Und zwar unabhängig davon, ob man sich jetzt doch noch für den EM-Achtelfinal qualifiziert.

Eine neue Mentalität muss installiert werden. Dazu gehört, dass sich jeder Nati-Spieler an klar definierte Regeln hält.

Der zukünftige Nati-Trainer, Captain und Staff müssen es vorleben. Demut heisst das Zauberwort!

Hat die Schweizer Nati den EM-Achtelfinal verdient?

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