Wahl in Baden-Württemberg: Grüne hauchdünn vor Christdemokraten
Bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg liegen die Grünen knapp vor der CDU. Die AfD hat ihre Stimmen erneut verdoppelt.

Das Wichtigste in Kürze
- Die Grünen werden mit rund 30 Prozent stärkste Kraft vor der CDU.
- Die AfD verdoppelt ihr Ergebnis und erreicht fast 19 Prozent.
- Die SPD stürzt auf ein historisches Tief von rund 5 Prozent.
Die Grünen haben die Landtagswahl im deutschen Bundesland Baden-Württemberg gewonnen. Es gilt als wahrscheinlich, dass Grüne und CDU erneut zusammen regieren. Ministerpräsident dürfte dann Grünen-Spitzenkandidat Cem Özdemir werden.
Mit 30,2 Prozent der Zweitstimmen landeten die Grünen knapp vor der CDU mit 29,7 Prozent, wie auf der Internetseite des Statistischen Landesamts nach Auszählung aller Wahlbezirke ersichtlich war. Über Monate hatte die CDU in Umfragen deutlich vor den Grünen gelegen, der Abstand war erst kurz vor der Wahl stark geschmolzen.
Die AfD ist dem vorläufigen Endergebnis zufolge mit 18,8 Prozent drittstärkste Kraft. Die SPD hat mit 5,5 Prozent ihr schlechtestes Ergebnis bei einer Landtagswahl eingefahren und es nur knapp über die Fünf-Prozent-Hürde geschafft.
Die FDP und die Linke hingegen verpassten den Angaben nach mit jeweils 4,4 Prozent den Einzug in den Landtag. Für die Liberalen bedeutet dies, dass sie in ihrem Stammland aus dem Parlament fliegen. Die Linke war bislang nicht im baden-württembergischen Landtag.
Grünen-Spitzenkandidate könnte Kretschmann-Nachfolge übernehmen
Grünen-Spitzenkandidat Cem Özdemir könnte damit in die Fussstapfen von Ministerpräsident Winfried Kretschmann, dem ersten und bisher einzigen Regierungschef der Grünen in einem deutschen Bundesland, treten. Über Monate hatte die CDU mit Landeschef Manuel Hagel in Umfragen deutlich geführt, am Ende legten die Grünen aber eine rasante Aufholjagd hin.

Die rechtspopulistische AfD verdoppelt ihr Ergebnis im Vergleich zur vorherigen Wahl vor fünf Jahren und steuert damit auf ihr bestes Abschneiden bei einer Landtagswahl im Westen Deutschlands zu.
Bei der Bundestagswahl im Februar 2025 hatte die Partei ebenfalls ihren Stimmenanteil im Vergleich zur vorherigen Wahl verdoppelt – auf 20,6 Prozent. Im Bundestag in Berlin stellt sie die zweitstärkste Fraktion.
Özdemir ruft CDU zur erneuten Zusammenarbeit auf
Özdemir rief die Christdemokraten noch am Wahlabend zu einer erneuten Zusammenarbeit auf und bot ihnen eine «Partnerschaft auf Augenhöhe» an. Seit 2016 ist die CDU in Baden-Württemberg Koalitionspartnerin der Grünen. «Der Massstab sollten die letzten zehn Jahre sein und die Erfolge, die wir eingefahren haben.»
Hagel sagte, wenn sich das Wahlergebnis so bewahrheite, liege der Regierungsauftrag bei den Grünen. Er gratulierte der Partei und auch Özdemir zu deren Ergebnis und schloss zugleich kategorisch aus, sich mit Stimmen der AfD zum Ministerpräsidenten wählen zu lassen.

Ministerpräsident Kretschmann war nach 15 Jahren nicht mehr angetreten. Der 77-Jährige verabschiedet sich in den Ruhestand. Der 60-jährige Grünen-Kandidat Özdemir ist seit Jahrzehnten in der Politik – er sass im Bundestag und im Europaparlament, war Grünen-Chef und auch Bundesminister. Im Wahlkampf ging Özdemir, der sich einen «anatolischen Schwaben» nennt, auf Abstand zu den Bundes-Grünen und gab sich ein eher konservatives Profil.
CDU-Fraktionschef stolpert über Video
Der 37-jährige gelernte Bankkaufmann Hagel ist seit 2021 CDU-Fraktionschef im Landtag. Im Wahlkampf stand der gläubige Katholik und Jäger in der Kritik wegen eines Videos: In dem acht Jahre alten Clip schwärmt er von den «rehbraunen Augen» einer minderjährigen Schülerin.
Auch SPD-Spitzenkandidat Stoch trat in einen «Fettnapf», wie er selbst sagte: In einem SWR-Porträt ist zu sehen, dass er ausgerechnet nach einem Besuch in einem Laden der Lebensmittel-Hilfsorganisation Tafel seinem Fahrer offenbar aufträgt, im benachbarten Frankreich Pastete einzukaufen. Auch wenn es zu dem Einkauf nie kam, drückte Stoch sein Bedauern aus.

Das historisch schlechte SPD-Ergebnis im Südwesten schockt auch die Bundes-SPD, wo Parteichef und Vizekanzler Lars Klingbeil mit den Koalitionspartnern der christdemokratischen Union (CDU und CSU) wichtige Reformen im Renten- und Gesundheitssystem vor der Brust hat.
Die AfD mit ihrem Spitzenkandidaten Markus Frohnmaier wird vom Verfassungsschutz des Bundeslandes als rechtsextremistischer Verdachtsfall beobachtet; keine der übrigen Parteien will mit den Rechtspopulisten koalieren. AfD-Bundeschef Tino Chrupalla sagte im ZDF, seine Partei sei der Gewinner des Abends. «Wir sind jetzt auch in Baden-Württemberg eine Volkspartei.»

Hohe Wahlbeteiligung in Baden-Württemberg
Die Wahlbeteiligung lag bei 69,6 Prozent. Bei der Landtagswahl 2021 waren es 63,8 Prozent. Gut 7,7 Millionen Wahlberechtigte durften ihre Stimme abgeben – so viele wie nie zuvor.
Denn es galt ein neues Wahlrecht in Baden-Württemberg. Zum einen durften erstmals auch 16- und 17-Jährige abstimmen. Zum anderen hatten Bürgerinnen und Bürger zum ersten Mal zwei Stimmen wie bei der Bundestagswahl. Die Zweitstimme entscheidet über die Kräfteverhältnisse im Landtag, die Erststimme über den Direktkandidaten im Wahlkreis.
Beim Vergleich der Zweitstimmenergebnisse mit den Werten aus der Wahl vor fünf Jahren verzeichnete die AfD die grössten Zuwächse: Im Vergleich zur Landtagswahl 2021 bekam die Partei 9,1 Prozentpunkte mehr. Die CDU konnte ein Plus von 5,6 Prozentpunkten verbuchen. Die Grünen wiederum mussten Verluste hinnehmen: Laut dem Statistischen Landesamt waren es 2,4 Prozentpunkte.
Das «Superwahljahr 2026» in Deutschland
Die Wahl ist die erste von fünf Landtagswahlen in Deutschland im «Superwahljahr 2026» und die erste unter der seit Mai amtierenden Merz-Regierung. CDU und SPD debattieren über wichtige Reformen. Die Wahlergebnisse sind daher wichtig für die Stimmung.
Die nächste Landtagswahl steht am 22. März in Rheinland-Pfalz an. Dort droht der seit 34 Jahren regierenden SPD der Verlust des Ministerpräsidentenpostens. Im September wählen die ostdeutschen Bundesländer Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern – dort kommt die AfD in Umfragen an die 40 Prozent.











